Gott erlebt II

Der Gott, der da ist

Andreas Baumann Ich bin 47 Jahre alt. Und ich frage mich: Was kommt noch in meinem Leben? Typisch Midlife Crisis! 

 

Kürzlich stand ich unter alten Eichen auf einem Hügel nahe bei einem ehemaligen Kloster. Hier hatten wohl schon Jahrhunderte vor mir Mönche ihren Blick himmelwärts gerichtet. So wie ich in dieser spätsommerlichen Vollmondnacht. Ich betete: «Jesus, wer oder was auch immer du bist. Du bist meine tiefste innere Sehnsucht. Dir gehöre ich. Weise du mir meinen Weg!» Bei diesem Gebet verspürte ich ein tiefes Vertrauen und eine innere Gewissheit, dass ich geführt werde. In all meiner momentanen Unwissenheit und Orientierungslosigkeit.

 

Unterwegs zu Gott

So einfach überzeugt konnte ich nie an Gott glauben. Zumindest vom Kopf her. Doch mein Herz scheint da mehr zu wissen. Oder anders. Ich bekehrte mich als Jugendlicher in einer Evangelisationsveranstaltung. Hier öffneten sich meine «inneren Kanäle». Gleichzeitig trieben mich Zweifel beinahe zur Verzweiflung. Ich betete schon damals: «Jesus, wenn es dich wirklich gibt, dann musst du mir den Weg zeigen.» Und mir blieb nichts anderes übrig, als einfach zu glauben, dass er es tun wird.

Ich studierte Theologie, um mehr über den Glauben zu erfahren. Dabei blieb es aber nicht. An der Seepromenade in Zürich lernte ich Anhänger der Hare Krishna Bewegung kennen. Ich führte hitzige Diskussionen. Mich faszinierte ihre ungeteilte Hingabe. Später befasste ich mich mit Zen-Meditation. Dort nahm es mir den Ärmel rein. Ich wollte Zen-Schüler werden. Meine Zen-Lehrerin sagte mir: «Bete zu Christus und frage ihn, ob er das auch will.» Das tat ich denn auch. Und es war mir selten eine Antwort so klar wie jene an diesem Abend: «Ja! Er wartet schon lange darauf!» Wem hätte ich das erzählen können? Denen, die mich damals zum Glauben gebracht hatten? Die hätten bestimmt für mich gebetet, dass ich von diesem Irrweg abkommen möge. Aber innerlich wusste ich, dass dieser Schritt richtig war.

In einer Zen-Meditation zeigte sich mir ein roter Faden, der durch alles hindurch gegangen war: Mit fünfzehn hatte ich gesagt: «Jesus, dir möchte ich mein Leben hingeben.» Jetzt sass ich hier in der Stille, und was tat ich? Ich übte nichts anderes als die Hingabe, das Loslassen und mich Einlassen auf Gott.

 

Christus im Verborgenen begegnen

Heute arbeite ich seit zehn Jahren als Pfarrer in der reformierten Landeskirche. Früher vermisste ich in ihr eine gewisse «Lebendigkeit». Heute schätze ich ihre Offenheit, ja sogar ihre Weitläufigkeit. Hier kann man einfach einmal so sein, wie man ist. Man wird in Ruhe gelassen. Reformierte geben sich glaubensmässig eher bedeckt. Nur nichts zur Schau tragen oder herausposaunen. Hier lebt man die Beziehung mit Gott für sich selbst. Manchmal ist das eine Ausrede für die Lauheit im Glauben. Aber nicht immer.

Ich erlebe oder erfahre Gott heute mehr verborgen als offensichtlich. Wenn es in seelsorgerlichen Gesprächen in die Tiefe geht, dann schimmert für mich immer etwas von einem Glauben durch. Eine Verbindung, eine Präsenz wird spürbar, wenn jemand sagt: «Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich spüre ganz deutlich, dass ich im Leben getragen bin. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, wer oder was mir dieses Gefühl gibt.» Für mich gibt es einen «Jesus inkognito», der einfach da ist. Letztlich ist diese Erfahrung heute für mich viel tiefer und nachhaltiger als mein damaliges Bekehrungserlebnis. Auch wenn mir dieses Erlebnis damals den Anstoss zum Glauben gab.

Dennoch mag ich auch die Freikirchen. Ich habe auch schon jemandem empfohlen, in eine Freikirche zu gehen. Wenn das mein Chef (und damit meine ich nicht Gott) wüsste! Verschiedene Kirchen sind auf spezifische Bedürfnisse zugeschnitten. Ich mag nun mal mehr das Traditionelle. Trotzdem: Dies ist eine meiner tiefsten Erfahrungen, die ich letztes Jahr während eines Lobpreises in einer Freikirche machen durfte: Wenn man sich im Namen Jesu versammelt, dann ist er wirklich gegenwärtig, unabhängig davon, ob die Formen nun «frisch» oder «verstaubt» wirken. Christus kann uns überall begegnen! 

 

Andreas Baumann, 47j., Emmenbrücke, ist verheiratet und hat eine sechsjährige Tochter; er arbeitet als Pfarrer in der Reformierten Kirche Emmen-Rothenburg (Kirchgemeinde Luzern). 

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