Gott erlebt III

In die Wiege gelegt

Romi Riva  Habe ich je nach Gott gesucht? Oder nach Gott gefragt? Nein! Denn: Gott wurde mir sozusagen «in die Wiege gelegt». Nun, ganz so einfach war die Sache auch wieder nicht. 

 

Eine Bekannte erzählte uns Kindern einmal pro Woche mit Hilfe von bunten Flanellbildern Geschichten aus der Bibel und aus der Mission. Dabei faszinierten mich die Geschichten «vom Negerbüebli us Afrika» meist mehr als das Umrunden der Mauern von Jericho oder die Heldentaten des Hirtenjungen David. Wichtig waren auch meine Eltern. Sie schlossen sich, als ich noch ein kleines Kind war, einer Freikirche an und lebten seither in einer persönlichen Beziehung zu Gott. 

 

Streng und fern

In meinen Jugendjahren prägten Impulse der «Jugendgruppe» mein junges Leben massgebend. Ob es Gott wirklich gibt oder ob andere Religionen etwas Besseres zu bieten haben, das war in jener Zeit keine Frage. Zu selbstverständlich war mir der christliche Glaube. Und doch gab es da den grossen Widerspruch zwischen dem Leitsatz «Folge Jesus nach und alles ist gut» und meinem persönlichen Erleben. Ich fühlte mich minderwertig, wurde von Mitschülern oft ausgeschlossen und musste immer wieder meinen Liebeskummer bewältigen. Der Gott, den ich kennengelernt hatte, war zwar recht «hilfsbereit». Er half mir manches Mal aus der Patsche. Zugleich war er aber auch sehr streng und sehr fern. 

 

Eher Pflicht als Kür

Gott ist so super! So schwärmten Freunde mir vor. Na ja – für mich war der Glaube doch eher Pflicht als Kür! Meine Freunde, die das Leben mit Gott gerade erst entdeckt hatten, warfen ein helles Scheinwerferlicht auf mein düsteres Gottesbild. Seelsorgerliche Gespräche und Gebete halfen mir, Verletzungen und falsche Prägungen aus meiner Kindes- und Jugendzeit aufzuarbeiten und abzulegen. Es begann ein Prozess, der meine Beziehung zu Gott neu formte und veränderte. Und diese Entwicklung setzt sich bis heute – in mein «Mittelalter» – fort. Ich spreche bewusst von einem Prozess, denn eigentlich hätte ich alles lieber per Knopfdruck!

 

Scherben

Das zaghaft aufgebaute Vertrauen in Gottes gute Absichten wurde total erschüttert, als mein Mann sehr früh starb. Konnte ich einem Gott vertrauen, der mir so viel Schmerz zufügt? Konnte ich diesem Gott meine innere Heilung und das Kitten meiner «Lebensscherben» zutrauen? Dazu kam die nagende Frage, warum Gott dieses Leid zugelassen hatte. War er wirklich so «gut», wie wir das in unseren freikirchlichen Gottesdiensten manchmal euphorisch sangen? Und kommen wir nach dem Tod wirklich in den Himmel, wie ich gelehrt worden war und kindlich geglaubt hatte. Beim Begleiten meines Mannes Silvio in den Tod hatte diese Frage plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Gottesdienste besuchte ich weiterhin, weinte aber oft in der Kirchenbank. «Gott ist gut» und andere positive Liedzeilen liess ich geflissentlich aus. Ich klagte Gott immer wieder an. Karten und Blumen, aber auch die Gebete von Mitgliedern der Gemeinde zeigten mir: Da gab es Menschen, die mich begleiteten.

 

Ein Spaziergang

Am ersten Todestag machte ich einen langen Spaziergang im zarten Frühlingsgrün. In diesem Augenblick umfing mich Gottes Liebe auf unerklärliche Weise. In die Tränen der Trauer mischten sich Tränen der Ergriffenheit, weil ich spürte, dass der Allerhöchste um mich weiss. Kurze Zeit später beschrieb jemand in einem bildlichen Eindruck einen zerbrochenen Krug und wie Gott aus den Scherben Neues entstehen lässt. Ich wusste, dass dieses Bild mein Leben beschrieb.

 

Neues entsteht

Auf der Wegstrecke der letzten Jahre bin ich eine andere Frau geworden. Gott hat mich und meine Beziehung zu ihm umgestaltet. Der Ferne ist mir nahe gekommen. Der Austausch mit ihm im Gebet ist selbstverständlich geworden – zu Hause auf dem Sofa oder unterwegs im Stau. Mit ihm teile ich die Angelegenheiten des Alltags, die Fragen rund um das Begleiten meiner Kinder, aber auch meine Sehnsüchte und Wünsche. Ich übe mich, das «Halbvolle und nicht das Halbleere» zu sehen und dankbar zu werden. Worte aus der Bibel ermutigen und korrigieren mich. Der Austausch mit anderen Christen und Anlässe unserer Kirche ermutigen mich: Bleib dran, das Leben als Christ ist «cool» – auch wenn es im Leben öfters «hot» zu und her geht! 

 

Romi Riva, 49, Buochs, verwitwet, 2 Kinder (17 J. und 19 J.), betreut beruflich Mitarbeitende in einem international tätigen Werk und arbeitet in der Freikirche «BewegungPlus» mit.

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