Gottesvorstellungen

Ohne Gottesbilder geht es nicht 

Interview: Fritz Imhof Die Sehnsucht nach Gott äussert sich auf vielerlei Art. So auch im Wunsch, sich Gott vorstellen zu können. Wir alle haben deshalb unsere Gottesbilder. Was ist von diesen unterschiedlichen Bildern zu halten? Wir sprachen darüber mit dem Theologen Andreas Loos.

 

Magazin INSIST: Andreas Loos, gibt es traditionelle christliche Gottesbilder?

Andreas Loos: Ja, bestimmte Vorstellungen von Gott haben sich in Kirche und Gemeinde bis heute gehalten. Vermutlich sehen die meisten Christen Gott nach wie vor als eine Person, die in Allmacht und Allwissenheit handelt und ins Geschehen der Welt eingreift. Oder auch als gütigen und geduldigen Vater, der in seiner Vorsehung einen guten Plan mit jedem Gläubigen hat – ein Gottesbild, das Geborgenheit und Zuversicht vermittelt. Traditionell sprechen konservative christliche Kreise aber auch vom heiligen Gott, der die Sünde nicht dulden kann und die Menschen straft. Daraus ergibt sich eine Spannung, die sich bis heute so ausdrücken kann: Wie kriege ich den gnädigen und barmherzigen Gott des Neuen Testaments mit dem gerechten und heiligen Gott des Alten Testaments zusammen? 

 

In der Bevölkerung scheint immer noch der «liebe Gott» in Gestalt des Grossvaters mit Bart zu dominieren …

Na ja, es wird heftig und viel über Gott diskutiert. Das finde ich gut. Ob da eine Vorstellung dominiert? Aber es stimmt: Für viele Menschen scheint Gott, wenn er denn existiert, diese grossväterliche Figur zu sein, die irgendwie die Welt überblickt, und zwar weise und wohlwollend. Interessant finde ich: An diesen lieben Alten kann man glauben, wenn das Leben gut läuft; man kann ihn vielleicht auch ein wenig belächeln. Gerade in seiner Väterlichkeit kann man ihn auf Distanz halten. Aber wenn dann mal richtig was schief geht, wenn Terror oder Naturgewalten wüten, dann nimmt man sich ihn nahe zur Brust und stellt ihm Fragen: Wie kannst du nur, Gott? Man kritisiert dann genau das Gottesbild, das man sich vorher gemacht hat: einen Gott, der dafür garantieren soll, dass alles gut weiter läuft wie bisher. 

 

Was ist am «lieben Gott» denn falsch?

Kann ich beurteilen, ob ein Gottesbild falsch ist? Ich halte dieses Bild für normal und finde es auch in der Bibel: Zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Lebenssituationen spielt ein Wesenszug Gottes für uns die zentrale Rolle. Später ist es dann ein anderer Aspekt. Wichtig ist, dass wir Gott erlauben, sich uns immer wieder neu zu zeigen. Konkret: Der «liebe Gott» meint es tatsächlich von Ewigkeit her gut mit uns. In ihm ist nichts Böses, das unterscheidet ihn von seinen Geschöpfen. Er ist der Heilige. Gerade deshalb sollte man den «lieben Gott» nicht zu einem gemütlichen und harmlosen alten Mann degradieren. Wenn wir die Heiligkeit Gottes ausblenden, welche das Böse hasst, geht auch seine Liebe verloren. 

 

Was meinen Sie damit?

Wenn Gott in seiner Liebe das Leben für uns will, dann meint er das leidenschaftlich ernst. Gegenüber den lebensverderbenden Mächten, die oft auch wir selbst von der Leine lassen, ist er deshalb überhaupt nicht harmlos. In seiner heiligen Liebe stellt er sich gegen das Böse und die, die es tun. Dem «lieben Gott» mit dem rauschenden Bart fehlt diese Leidenschaft. Er ist nicht in der Lage, das Elend der Welt zu überwinden. Dieser Gott würde auch meinem persönlichen Elend gegenüber gleichgültig bleiben. 

Wenn ich die Heilige Schrift richtig lese, dann steht diese heilige und leidenschaftliche Liebe Gottes im Zentrum der Geschichten, die uns dort erzählt werden. Daran sollte sich unser Gottesbild immer wieder messen lassen. 

 

Du sollst dir kein Bild von Gott machen – geht das überhaupt?

Die Heilige Schrift kommt auch nicht ohne Bilder aus: Vater, Hirte, Fels, Mutter, König, Licht, Richter usw. Das Bilderverbot wird oft missverstanden. Es bezieht sich darauf, dass die Völker ausserhalb von Israel einen fassbaren Gott wollten, vermutlich auch einen kontrollierbaren. Und den haben sie sich in Form von Bildern, goldenen Kälbern und Statuen erschaffen. Eine solche Religion ist erlebbar und äusserst attraktiv, weil man hier darüber verfügen kann, wie nahe Gott einem kommen darf. Genau dagegen wendet sich das zweite der zehn Gebote. So sollte Israel seinen Gott nicht anbeten. Denn der Gott Israels ist grösser, anders, frei, unverfügbar und gerade als solcher unendlich gnädig und barmherzig. 

Wer meint, ohne Bilder ganz abstrakt an Gott glauben zu können, der hat sich ein Gottesbild erschaffen, dass der konkreten Weise, wie Gott sich zeigt, nicht entspricht.

 

Wie sollen wir mit diesen Bildern umgehen?

Für Sie war Gott in Ihrer Kindheit vielleicht auf einen bestimmten Aspekt konzentriert, sagen wir als «der Vater, der alles kann». Später hat er sich Ihnen von einer andern Seite gezeigt, vielleicht als «der Herr, der dich unbedingt will». Unser Gottesbild wird von Gott bewegt, unser ganzes Leben lang. Es ist vielleicht theologisch nicht immer korrekt. Aber das hat Platz in Gottes Beziehung zu uns. So bleibt Gott uns nah und enthüllt sich immer mehr. 

Die Herausforderung besteht darin, dass wir Gott nicht in ein Korsett zwängen. Ich meine die Versuchung, Gott nach unserem Bilde schaffen zu wollen. «Gott schuf den Menschen nach seinem Bild», sagt der Schöpfungsbericht. Paulus erklärt in Römer 1: Der Mensch hat dieses Verhältnis umgedreht. Er schafft sich einen Gott nach seinem eigenen Bild. 

 

Wie sieht das konkret aus?

Nur ein Beispiel: Gerhard Schulze sagt in seinem Buch «Die Erlebnisgesellschaft»: «Was die Menschen dieser Gesellschaft noch verbindet, ist die Gestaltung eines Lebens, das wir als schön und glücklich erleben. Im Rahmen einer solchen Lebenskonzeption wollen wir einen Gott, der uns schöne Erlebnisse machen lässt, der uns schön, erfolgreich, wohlhabend und stark macht. Wer Gott für mich sein soll, das bestimme ich!» – «Der kleinste gemeinsame Nenner von Lebensauffassungen in unserer Gesellschaft ist die Gestaltungsidee eines schönen, interessanten, subjektiv als lohnend empfundenen Lebens1

 

Gilt das heute flächendeckend?

In gewisser Weise schon, vielleicht ändert sich das Erlebnis nur. Manche Christen haben den Gott, der nur darauf wartet, dass sie einen Fehler machen, er droht ihnen mit Gericht. Wenn ihnen dann im Gottesdienst so richtig die Hölle heiss gemacht worden ist, dann haben diese Gläubigen auch ihr Erlebnis. 

Es geht häufig tatsächlich so: Ich konstruiere mir einen Gott und bin dann erfüllt, wenn er mir das gibt, was ich von ihm erwarte. Heute sind wir gewissermassen dazu gezwungen. Denn die Zeiten, in denen irgendeine Autorität uns sagen konnte, wer wir sind und wer Gott ist, sind vorbei. Ich muss selber entscheiden, wer ich sein will. Bei der Verwirklichung meines Lebensentwurfs kann dann Gott eine wichtige Rolle spielen; aber eben, ich muss entscheiden, wer Gott für mich sein soll. Ist das vielleicht ein Fluch, der auf der Menschheit lastet? Sind wir dazu verdammt, der Gott und die Göttin unseres eigenen Lebens sein zu müssen?

 

Was macht das Besondere am christlichen «Gottesbild» aus?

Gott zeigt sich an allen Ecken und Enden. Aber wir neigen dazu, die Offenbarung Gottes in Götzenbilder zu verwandeln. Calvin, der Genfer Reformator, bezeichnete das Herz des Menschen als «Werkstatt von Götzenbildern». Der Gott der Bibel offenbart sich selbst, und zwar so, dass er uns nicht einfach nur Informationen über sich vermittelt. Nein, er teilt unser Leben mit uns, dieses schöne aber auch bedrohte, gebrochene und zweideutige Leben. Deshalb gilt Johannes 1,18: «Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoss ist, der hat ihn uns verkündigt.»

Das war von Anfang an der Skandal des christlichen Gottesbildes: Weshalb sollte dieser Jesus sagen können, wer Gott ist? Einer aus Nazareth! Einer, der so eigenartig ungöttlich daherkommt! Einer, der hilflos und elend am Kreuz endet! 

Ja, genau der, sagt ein Christ. Und ich schäme mich seiner nicht die Bohne. Im Gegenteil: An diesem Kreuz sind die Götzenbilder meines Herzens und dieser Welt gekreuzigt worden. Für die Philosophien, Ideologien und Religionen dieser Welt mag dieser Gott lästerlich, lächerlich und skandalös sein. Aber Christen können nicht hinter dem Rücken des Kreuzes an Gott glauben. Daher: Alle meine Gottesvorstellungen müssen sich an Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen messen lassen. Jetzt sprühen die Funken, weil Gott so ganz überraschend und anders sein kann. Was heisst es jetzt zu sagen: Gott ist allmächtig, allwissend, unveränderlich, unbeweglich, stark, schön, erfolgreich, gerecht usw.? Dieser Gott ist kein zahmer Gott, er passt nicht in eine Schublade. Und die allerspannendste Frage heisst: Wie kann dieser Gott mich nur so lieben, dass er selber für mich stirbt?

 

Wie lässt sich das christliche, trinitarische Gottesbild am besten beschreiben? 

Ich versuch es mal und sage: Jesus, der Sohn, redet Gott als seinen lieben Vater an. Der Vater antwortet: Du bist mein geliebter Sohn. Jetzt merke ich: Vater und Sohn haben eine intensive Liebesbeziehung. Der Vater gibt dem Sohn alles, was er hat: die Fülle des göttlichen Lebens. Und der Sohn gibt alles zurück, was er hat: er lebt in vollkommener Liebe zum Vater. Nun taucht in dieser Liebesbeziehung noch ein Dritter auf, der konkret dafür sorgt, dass der Vater dem Sohn alles schenkt und der Sohn sich wieder an den Vater verschenkt. Der Heilige Geist. Der Vater schenkt dem Sohn das Leben durch den Heiligen Geist im Bauch der Mutter Maria. Und der Sohn lebt sein Leben für den Vater in der Kraft des Heiligen Geistes und gibt sich in diesem Geist als Opfer ohne Fehler hin2.

Jesus sagt uns: Diese Liebesgemeinschaft bestand vor Grundlegung der Welt3. Gott ist ewige Liebe4. Er hat noch nie anders existiert als in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Er ist ein ewiges Liebesereignis. Wenn diese Personen sich lieben, sind sie nicht drei Individuen oder Götter. In der Liebe wohnen sie so ineinander, dass sie eins sind. 

Weil Gott im Heiligen Geist einen ewig geliebten Sohn hat, gönnt er diese Liebe auch den Menschen. Deshalb hat er mich geschaffen, um mir Anteil zu geben an seinem Glück, seiner Liebe, seinem Leben. Die dreieine Liebe Gottes ist mein Ursprung und Ziel. Wir sollen Töchter und Söhne des Vaters werden, und zwar durch den ewigen Sohn und im ewigen Geist. Die Bibel ist nichts anderes als die dramatische Liebesgeschichte, in der Gott leidenschaftlich bis zum Äussersten geht, um uns nach Hause zu lieben. Wenn ich diese Liebe erlebe und erkenne, dann sage ich: Pssssst! Leise! Wie gross und erhaben, wie erstaunlich und anbetungswürdig ist das denn! Heilig, heilig, heilig, er, der dreieine Gott ewiger Liebe. 

 

1 vgl. Gerhard Schulze: «Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart.» Frankfurt, 2000, S. 37

2 Hebräer 9,14

3 Johannes 17,5.24

4 1. Johannes 4,16

 

Andreas Loos (FIm) Der gelernte Automechaniker studierte von 1990-1994 am Theologischen Seminar St. Chrischona (tsc) und arbeitete anschliessend für zwei Jahre als Prediger in der Stadtmission Saarbrücken. Fünf Jahre widmete er sich dann weiteren theologischen Studien am Regent College in Vancouver (Kanada) und an der Universität von St. Andrews (Schottland). Seit 2002 lebt er mit seiner Frau Simone und ihren beiden Kindern auf St. Chrischona. Am tsc arbeitet er als Dozent für Systematische Theologie. 2006 wurde er an der Universität von St. Andrews im Fachbereich Systematische Theologie promoviert.

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