Gott erlebt I

Suchen und finden

Barbara Haefele Vor zwei Jahren mussten wir als Gemeinschaft über die Zukunft unseres Bildungshauses entscheiden. Es standen verschiedene Varianten im Raum und es bewegten uns manche Fragen: Verkaufen? Vermieten? Welche Ausrichtung und Werte sollen unsere Nachfolger mitbringen? Wie kann dieses Haus der Allgemeinheit am besten dienen? Was wünschen wir? Was ist auf Gottes Herzen? 

 

Es folgte ein langer und intensiver Prozess. Für uns alle war es ein tiefes Erlebnis, als wir 18 Frauen ähnlich wie beim Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15,28 sagen konnten: «Der Heilige Geist und wir haben entschieden». Die Antwort war im Raum, irgendwie klar und logisch und trotzdem verbunden mit Zittern und Zagen. Und nicht verwunderlich – der damalige Entscheid hat sich inzwischen bestätigt. Das Seminarhaus wird nun von einer tollen Crew weitergeführt, zusammen mit Menschen mit Leistungsbeeinträchtigungen.

 

Gott ist der ganz Nahe ... 

Solche Erlebnisse, in denen Gottes Gegenwart und Reden so direkt spürbar sind, sind kostbar und wertvoll. Sie nähren mein Vertrauen und stärken meine Verbundenheit mit Gott.

Ich liebe es, alleine auf Bergwanderungen zu gehen. Das Erlebte der vergangenen Tage, Unerledigtes, Wertvolles, Fragen und Nöte breiten sich vor mir aus. Es ist da. Und Gott ist auch da. Und irgendwie sind wir im Dialog mit-
einander. Manchmal ist es eher ein schweigendes Nebeneinander-Gehen, ich in Gedanken versunken und Gott – wer weiss – vielleicht auch. Manchmal lasse ich meinen Empfindungen und Gefühlen freien Lauf – und Gott ist der stille Zuhörer. Und manchmal ringe und kämpfe ich mit ihm, lege Gott meine Argumente dar und äussere ihm gegenüber mein Unverständnis. Es scheint beinahe Programm zu sein: Auf dem Gipfel ist es mir häufig geschenkt, dass Klarheit, Ruhe und ein tiefes Gefühl des Getragenseins einkehren. 

 

… und der ganz Andere

Ich kenne aber auch das Andere, dass ich über längere Zeit überhaupt nichts von Gottes Gegenwart spüre. Wie im Nebel gehe ich dann durch die Tage, meditiere Morgen für Morgen, nehme am Gemeinschaftsleben teil – und es ist einfach leer und kalt. Ich bete – und höre nichts. Ich bin da – und spüre Leere. Es gab Zeiten, in denen ich nur noch gewisse Kapitel aus dem alttestamentlichen Buch Hiob beten und lesen konnte. Von Hiob fühlte ich mich verstanden; wir waren irgendwie blutsverwandt. 

Diese unverfügbare, andere, geheimnisvolle Seite von Gott wird mir immer wichtiger. Es ist ein Geschenk, wenn ich Gott an meiner Seite spüre. Aber er ist ebenso da und wirkt, wenn ich gar nichts spüre. Die alten Mönchsväter empfahlen in solchen Situationen die Treue im Kleinen. Die Alltagsaufgaben wahrnehmen und warten, bis sich die Nebel lichten. Früher oder später darf das in der Regel dann auch geschehen.

 

Gott in allem suchen und finden

Das wichtigste Gebet in der ignatianischen Tradition1 ist der Tagesrückblick: 15 Minuten Besinnung darüber, wie der Tag verlaufen ist. Was ist mir geglückt? Was war schwierig? Wo reagierte ich unangemessen? Wo begegnete ich unbemerkt einem Liebeszeichen von Gott? Es steckt die Überzeugung dahinter, dass mir Gott vorzugsweise im realen, manchmal mühsamen und grauen Alltag begegnen möchte. Da, wo ich bin und lebe, da ist Gott. Er lebt in mir. Manchmal versuche ich, mir den Blick Gottes vorzustellen, der liebevoll auf mir ruht. Und dann merke ich, wie Barmherzigkeit meine starke Selbstkritik durchdringt. Oder ich sehe plötzlich die Einseitigkeit meiner Argumente in einem Konflikt und erkenne die nächsten Schritte meinerseits. Wie im Film sehe ich einzelne Situationen des Tages wieder und kann sie mit Gott zusammen besprechen. Mir tut dieses Innehalten gut; ich kann Gott meinen Tagesrucksack übergeben und mich vertrauensvoll in seine Hand legen.

Ich bin dankbar für meine Mitschwestern. Zusammen sind wir Gott-Sucherinnen. Zusammen sind wir unterwegs in der grossen Schar von Jüngerinnen und Jüngern Jesu und versuchen, seine Werte und Anliegen in der heutigen Zeit zu leben. Es stimmt, was der später hingerichtete Alfred Delp im Gefängnis treffend notiert hat: «Die Welt Gottes ist so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.» 

 

1 Ignatius von Loyola (1491 – 1556) ist der wichtigste Mitbegründer und Gestalter des Jesuitenordens.

 

Sr. Barbara Haefele, 44j., Pflegefachfrau in Palliative Care, Exerzitienleiterin und geistliche Begleiterin i.A., lebt in der katholischen Gemeinschaft der Helferinnen in Luzern.

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