Gesellschaft

Blick ins Unendliche 

Alex Nussbaumer Die Gier vieler Akteure in der Finanzwelt weist auf ein ungestilltes Bedürfnis hin, das mit Geld nicht befriedigt werden kann. Könnte es so gestillt werden, wie es der Kirchenvater Augustinus schon im fünften Jahrhundert aus persönlicher Erfahrung formuliert hat?

 

Die Finanzwelt reagierte geschockt: Ein UBS-Mitarbeiter setzte zwei Milliarden in den Sand. Nebst dem finanziellen Schaden war der Reputationsschaden für die Bank enorm. 

In der Bankenwelt hat sich eine Gier von erschreckendem Ausmass breit gemacht. Die Empörung über grenzenlose Boni ist schon seit Jahren zu hören. Genützt hat sie nichts. Oswald Grübel wollte die UBS zu einem Jahresgewinn von fünfzehn Milliarden Franken hochpeitschen. Dieses ungesunde Gewinnstreben bringt früher oder später übelriechende Blüten wie den jüngsten Skandal hervor.

 

Der Paradeplatz wird besetzt

Oswald Grübel ist gegangen, die Probleme sind damit aber nicht verschwunden. In der NZZ am Sonntag vom 25. September war zu lesen: «Trotz des Handelsdebakels in London sind die Probleme der UBS weniger operativer als strategischer Natur. Ihr Verwaltungsrat wusste die Zeichen an der Wand nicht zu lesen. Und da stand ziemlich deutlich:
Die Veränderungen im Banking
sind nicht vorübergehend, sondern grundlegend. Statt vorauszuschauen und eigene Visionen zu entwickeln, trottete das Gremium, das eigentlich die Oberaufsicht über die Bank hätte, Oswald Grübel hinterher. Dieser wusste die ihm gewährte Freiheit zu nutzen, indem er die Investmentbank wieder ausbaute und der Bank ein absurd hohes Gewinnziel setzte.»

Die Reaktionen sind nicht ausgeblieben. Mit dem Slogan «Occupy Wall Street!» begann Mitte September eine Hand voll vorwiegend junger Leute gegen die überbordende Macht der Banken zu protestieren. Die Bewegung hat mittlerweile die ganze Welt erreicht – sogar unsern Paradeplatz. In liberalen Thinktanks stellt man sich augenreibend die Frage, was schief gelaufen ist.

 

Freiheit hat Grenzen

Haben wir es hier mit den Folgen des Liberalismus zu tun? Nein und ja. Das lateinische Wort «liber» bedeutet «frei». Die Freiheit gab dem Liberalismus den Namen. Das Problem ist, dass verschiedene Leute denselben Begriff mit unterschiedlichen Inhalten füllen. In einem Leserbrief in derselben NZZ am Sonntag war zu lesen: «Die Liberalen von 1848 waren oft im Protestantismus verwurzelt und konnten sich eine freiheitliche Ordnung ohne starke ethische Verankerung nicht vorstellen. Gerade der entfesselte, auf Gier und Profit ausgerichtete Neoliberalismus hätte dringend Zwinglis Wächteramt nötig. Ohne christliche Ethik im Staatswesen hat auch das Schweizerkreuz seinen Sinn verloren.» 

Die Freiheit der Neoliberalen geht über Leichen, während die Freiheit der «alten» Liberalen an der Freiheit der Mitmenschen ihre Grenze fand.

Es reicht aber nicht, einfach mit dem Finger auf die Banker zu zeigen. In unserer «Geiz ist geil»-Gesellschaft ist Gier ein weit verbreitetes Phänomen. Die Wirtschaftskrise von 2007 – die so genannte «Subprime-Krise» – entstand, weil Zehntausende von Hausbesitzern einem überbordenden Konsum frönten. Für neue Autos und Ferien erhöhten sie ihre Hypotheken bis unter das Dach. Die Banken machten unbesehen mit. Ein Absacken der Immobilienpreise liess die riesige Blase schliesslich platzen.

 

Die Sehnsucht hinter der Gier

Vor Gier ist niemand gefeit. Triebe sind menschliche Grundkräfte. Sie lassen sich aber auf konstruktive oder destruktive Weise ausleben. Dieselbe Kraft kann sich als krankhafter Neid oder als gesundes Streben nach sozialem Ausgleich äussern. Auch die Gier kennt eine gesunde Variante, nämlich das Investieren in eine Wirtschaft, von der alle profitieren können.

Gier, übertriebener Konsum und alle Arten von Süchten weisen auf eine Sehnsucht hin, die nicht gestillt worden ist. Tief in unserm Herzen gibt es ein Vakuum, eine Sehnsucht, die nicht gestillt werden kann. Oder doch? Der Kirchenvater Augustinus sagte schon im 5. Jahrhundert: «Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.»

 

Alex Nussbaumer hat zuerst Mathematik und Physik, später auch Theologie studiert. Er ist heute Pfarrer in der reformierten Kirche Uster.

alex.nussbaumer@STOP-SPAM.zh.ref.ch

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