Literatur

Ein «Wetten dass?» in der Frage nach Gott 

Dorothea Gebauer Blaise Pascal (1623–1662) war ein grosser Denker der Geistesgeschichte. Er hat sich nicht nur als genialer Mathematiker einen Namen gemacht. Seine Erkenntnisse sind auch im 21. Jahrhundert, dem sogenannten Medienzeitalter, immer noch tragend. So ist die bekannteste Programmiersprache nach Blaise Pascal benannt. 

 

Heute wäre Blaise Pascal jemand, der interdisziplinär denkt, einer, der sich weigern würde, die Physik von der Metaphysik zu trennen. 

 

Physiker, Philosoph und Literat

Blaise Pascal ist als Physiker und Philosoph in unser Gedächtnis eingegangen, aber auch als Literat. Seine «Pensées» gleichen leuchtenden und bizarren Gedankensplittern; diese Aphorismen sind kühne Denkanstösse, aber auch kleine literarische Miniaturen. Manchmal im Plauderton und dialogisch gehalten, laden sie ein, in den verbalen Ring zu treten: mit Schwertern des Geistes, mit Witz, Galanterie und Aufrichtigkeit. 

Als Pascals Gesprächspartner auf
Augenhöhe kommt man nicht darum herum, sich für sein Gegenüber zu interessieren: Auch der Mensch Blaise Pascal fasziniert. Blaise ist das sechsjährige Kind, das mit Kreide
am Holzboden komplizierteste mathematische Lehrsätze entwickelt. Blaise ist der hingegebene Forscher, der zeitlebens heftige Kopfschmerzen gehabt haben soll, und es mit der Suche nach Wahrheit trotzdem glühend ernst nahm. Und er ist der Schreiberling, der mit glasklarer Denke, mit leichter und spitzer Feder inspiriert und herausfordert.

 

Wahrheit und Glückseligkeit 

Pascal ist kein Schöngeist, der l’art pour l’art betreibt, sondern jemand, der es wirklich ganz genau wissen will: mit einer Mischung von Wissen, Lebenserfahrung und Sätzen aus der Wahrscheinlichkeitslehre. Logik und Vernunft werden nicht ausser Kraft gesetzt, auch wenn die Geheimnisse um Gottes Wort nur «intuitiv zu erfahren» sind, wie er sagt. Einer Untersuchung nach Kriterien der Vernunft könne der christliche Glaube jedoch standhalten. Ganz im Zuge moderner Glücksforschung argumentiert Pascal, dass es darüber hinaus auch darum gehe, ewige, unendliche Glückseligkeit zu erringen. Sollte es nur die geringste und kleinste Möglichkeit darauf geben, sollte man den Versuch wagen. 

 

Einladung zu einer Wette 

In «Die Wette» beispielsweise lädt der Mathematiker zu einem Spiel ein. Zwar handelt es sich um eine ernste Sache, bei der es viel zu verlieren und viel zu gewinnen gibt; aber zunächst ist es ein Spiel. Nehmen wir einmal an, so sagt er, es stünde 50 zu 50 in der Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Wie bei jeder anderen Wette, so Pascal, gelte es auch hier, einen Einsatz zu wagen. Entscheide dich, sagt Pascal. Setzt du deinen Einsatz auf die Behauptung, dass die christliche Lehre wahr ist oder nicht? Angenommen, du entscheidest dich für die Annahme, der christliche Glaube könne richtig sein, dann könntest du alles gewinnen. Setzt du deinen Einsatz auf die Annahme, der christliche Glaube sei falsch, hast du rein gar nichts zu verlieren. Stimmt es aber, dass der christliche Glaube wahr ist, könntest du sehr viel verlieren: Glückseligkeit, ewiges Leben. Gar nicht mitspielen geht nicht, sagt Pascal. Wer die Wette verweigert, hat automatisch auf das Axiom gesetzt, der christliche Glaube sei falsch. 

 

Hoch gepokert und alles gewonnen

«Gedanken zur Religion und zu einigen anderen Themen» (1670) ist Pascals letztes wichtiges Werk. Mit 31 Jahren fand er zum Glauben an Jesus Christus. Nach seinem Tod entdeckte man, eingenäht in seiner Jackentasche, einen Pergamentstreifen. Der brilliante Denker und Wissenschaftler hatte darauf, überwältigt vom Gefühl, geschrieben: 

 «Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs – nicht der Philosophen und Gelehrten! Gott Jesu Christi. Man findet und bewahrt ihn nur auf den Wegen, die im Evangelium gelehrt werden.» 

Da hat einer alles auf eine Karte gesetzt, hat hoch gepokert und dabei alles gewonnen. 

 

Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin und Redaktionsleiterin von «BART» – Magazin für Kunst und Gott. 

dorothea.gebauer@STOP-SPAM.fesloe.ch

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