Pädagogik

Gott in der Schule

Rahel Katzenstein Unsere Gesellschaft ist bezüglich Religion und Weltanschauung heute uneinheitlicher als je zuvor. In einer liberalen Gesellschaftsordnung stellt sich deshalb die Frage nach dem Platz von Gott in der öffentlichen Schule. 

 

Darf «Gott» Thema sein in einer Schule, in der religiös-weltanschaulich unterschiedlich geprägte Kinder miteinander unterrichtet werden? Auf dem Hintergrund der in der Bundesverfassung (BV) garantierten Glaubens- und Gewissensfreiheit darf diese Frage als durchaus berechtigt betrachtet werden. Laut der BV darf niemand zu religiösem Unterricht gezwungen werden1. Interessanterweise besagt aber derselbe Artikel2, dass jede Person das Recht habe, «ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen …»3. Wenn damit nicht bloss die religiöse, sondern auch die weltanschauliche Freiheit geschützt werden soll, dann fragt sich, warum diese Schutzklausel nicht auch auf den Unterricht angewendet wird. Bedeutet diese «Auslassung», dass man zu einem weltanschaulichen Unterricht gezwungen werden darf? Was wären die Konsequenzen, wenn im Artikel präzisiert würde, dass niemand zu religiösem und weltanschaulichem Unterricht gezwungen werden darf? 

 

Eine Frage der (Welt-)Anschauung

Geht man davon aus, dass Schulunterricht nie wertneutral ist und Werte immer Ausdruck bestimmter religiös-weltanschaulicher Orientierungen sind, wäre jeder Unterricht – und nicht bloss der Religionsunterricht – «weltanschaulicher» Unterricht. Interessanterweise wird jedoch diese Problematik in der öffentlichen Diskussion meist nur am Schulfach «Re-ligion» abgehandelt. Den Geschichts- oder Sprachunterricht aus weltanschaulichen Gründen für fakultativ zu erklären, wird nicht ernsthaft erwogen, während die Abschaffung des schulischen «Religionsunterrichts» zugunsten eines Faches für Religionskunde und/oder Ethik durchaus Zündstoff bietet. 

Oft wird mit den Begriffen teaching about4 und teaching in5 zwischen dem erlaubten und unerlaubten schulischen «Religionsunterricht» unterschieden. Teaching about bedeutet dabei die «reine» Darstellung verschiedener Religionen, während teaching in in einen bestimmten Glauben einführen soll, der im Unterricht auch praktiziert wird. 

Dass an einer öffentlichen Schule «Religionsunterricht» nicht im Sinne von teaching in verstanden werden kann, ist wohl nicht umstritten. Fraglich aber ist, ob teaching about, d.h. ein sogenannt «neutraler» Unterricht, überhaupt möglich ist. Ist das damit verbundene In-der-Schwebe-Halten der Wahrheitsfrage und die Darstellung verschiedener Religionen als prinzipiell gleichwertig nicht auch Ausdruck einer spezifischen Weltanschauung, die die Wahlfreiheit des autonomen Menschen an die oberste Stelle setzt? Somit wäre auch dieser Unterricht nicht mehr religiös-weltanschaulich neutral. 

 

Religion ist mehr als ein Hobby

Religiös-weltanschauliche Lebens-orientierungen werden in einer säkular-liberalen Gesellschaft in die Privatsphäre verbannt und somit zu einer Sache der persönlichen Vorliebe trivialisiert. Die Beschäftigung mit Gott wird zu einem «Hobby» degradiert (Stephen L. Carter). Wer Religion oder Weltanschauung als eine umfassende Orientierung lebt und versteht, die alle Aspekte des menschlichen Lebens durchdringt und die man nicht abstreift, sobald man aus der Wohnungstür tritt, wird an den Rand gedrängt. Pointiert ausgedrückt könnte man sagen, dass teaching about Religion zu einem teaching in wird, diesmal aber als praktische Einführung in ein säkular-liberales Denken. 

Vorausgesetzt, (säkulare) Weltanschauungen werden auch zur Disposition gestellt und die Lehrpersonen sind sich ihrer eigenen Lebensorientierung bewusst, kann ein solch religionskundlich ausgerichtetes Fach durchaus auch Chancen bieten. Die Konfrontation mit dem (religiösen oder säkularen) Glauben anderer Menschen kann nicht bloss eine Horizonterweiterung ermöglichen, sondern auch dazu anregen, sich mit der eigenen Glaubenstradition vertiefter auseinanderzusetzen. 

 

1 Artikel 15, § 4

2 Artikel 15, § 2

3 Hervorhebung durch die Autorin

4 informieren über

5 in die Praxis einführen

 

Rahel Katzenstein ist Assistentin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern.

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