Politik

Pendeln

Markus Meury

 

Liebe Frau Bundesrätin Leuthart

Ich bin seit über einem Jahr arbeitslos. Nun habe ich endlich eine Arbeit gefunden! Doch ich wohne in Luzern und muss für die Arbeit nach Bern pendeln. Soll ich die Stelle trotzdem annehmen? 

Wenn ich sie annehme, werde ich von Der Gott, der da ist Ihnen finanziell bestraft, denn Sie haben gesagt, man solle nicht pendeln, sondern am Wohnort arbeiten (was ich nun lange vergeblich versucht habe). Wenn ich sie aber nicht annehme, werde ich von Ihnen ebenfalls bestraft, denn Sie haben dafür gesorgt, dass Arbeitslose jede Arbeit annehmen müssen, die innerhalb von zwei Stunden erreichbar ist. 

Ich könnte ja mit meiner Familie nach Bern zügeln. Aber soll meine Frau dann ihre Stelle in Luzern aufgeben? Oder von Bern nach Luzern pendeln? Ach nein, dann wird sie ja auch bestraft. Dann doch eher die Stelle aufgeben und in Bern halt auf die familiäre Bindung zu den Grosseltern verzichten? Solche Dinge sind Ihnen, Frau Leuthard, und Ihrer CVP offenbar kein Anliegen mehr. 

Machen wir uns also auf Wohnungssuche. Ich bin froh, dass ich nicht in Zürich arbeite, denn dort hätten wir keine Chance.

Dank unserer flexiblen Wirtschaft mit dem raschen Auf- und Abbau von Arbeitsplätzen sowie dem fehlenden Kündigungsschutz werde ich mich also darauf einstellen müssen, alle paar Jahre die ganze Familie aus ihrem sozialen Umfeld herauszureissen und woanders hinzupflanzen. Hoffentlich nicht wieder in eine Grossstadt. Mit dem grundsätzlich richtigen Anreiz, nicht zu pendeln, sondern am Arbeitsplatz zu wohnen, könnten wir uns eine Arbeit in der Grossstadt wegen der immer stärker steigenden Wohnungspreise gar nicht mehr leisten!

 

PS: Ich dachte im Übrigen, Sie seien Umweltministerin. Ich verstehe deshalb nicht ganz, warum Sie nur das Zugfahren verteuern wollen und nicht auch das Autofahren. Soll ich nun aufs Auto umsteigen?

 

Mit einem freundlichen Gruss

Markus Meury

 

Markus Meury ist Soziologe und Mitglied des Leitungsausschusses von «ChristNet». 

markusmeury@STOP-SPAM.gmx.ch

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Politik

Heavenly Man

Daniel Beutler-Hohenberger

 

Bruder Yun wurde im Alter von sechzehn Jahren in die Nachfolge Jesu Christi berufen. Was darauf folgte, war ein Leben, das geprägt war von Entbehrungen, unzähligen Verhaftungen, Trennung von seiner Familie und Folterungen, die jeder Beschreibung spotten. Seine Biografie unter dem Titel «Heavenly Man» zeigt auf, wie Yun und seine Mitstreiter durch diesen notvollen Weg zu tragenden Figuren der chinesischen Hauskirchenbewegung geworden sind. Nach dem Lesen dieses Buches fühle ich mich beschämt, wenn ich mein eigenes geistliches Leben betrachte. Wo ist die Leidensbereitschaft geblieben, die meine ersten Jahre im Glauben geprägt hat und der innere Drang, anderen Menschen von Jesus zu erzählen? Die Bereitschaft, für Menschen zu fasten und regelmässig zu beten, ist auf ein Minimum geschrumpft und meine innere Trägheit wächst parallel zu meinem Bauchumfang. 

Ein Blick in unsere Gemeinden und Kirchen ist nicht weniger ernüchternd. Er entspricht der Einschätzung vieler ausländischer Missionare, die uns besuchen. Unsere Gottesdienste sind oft kalt und ohne Leidenschaft. Wir erleben kaum noch Wunder, und das gilt auch für Gemeinden, die den «Heiligen Geist» besonders für sich
beanspruchen. Hochfliegende Hände, coole Schlagzeug-Beats und kilowattschwere Lautsprecherboxen können die Heiligkeit Gottes, die sich in Not, Verzicht und Leiden offenbart, nicht ersetzen. Vollmundige Wohlfühltheologie vor vollen Rängen ist nicht weniger hohl und leer als eine Predigt über Umweltschutz und Sans Papiers vor den leeren Rängen unserer serbelnden Landeskirche. Die Auseinandersetzungen mit den Feinden des Christentums beschränken sich auf Wortklaubereien in Politblogs und unbeholfenen Plakataktionen. Ob wir nun für schwierigere Zeiten beten sollen...?!

 

Dr. Daniel Beutler-Hohenberger ist Hausarzt und Publizist sowie Mitglied der Redaktion des «EDU-Standpunkt».

dan.beutler@STOP-SPAM.hin.ch

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