Psychologie

Wie kleine Gruppierungen viel bewegen können

Beat Stübi Im Nationalrat sind die christlichen Parteien seit Anfang 2012 weniger stark vertreten als bisher: Die CVP hat 3 Sitze verloren, die EVP konnte einen erneuten Sitzverlust nur knapp verhindern, und die EDU ist national gar nicht mehr präsent. Können die wenigen Volksvertreter, welche eine ausgesprochen christliche Politik betreiben wollen, im Parlament überhaupt noch etwas bewegen? 

 

Der Druck der Minderheit

Die Erkenntnisse der Sozialpsychologie bestätigen, dass Mehrheiten vordergründig einen grossen Anpassungsdruck auf die Meinungen und das Verhalten von Einzelpersonen ausüben. Es ist schwierig, öffentlich zu einer Minderheitenmeinung zu stehen. Forschungsergebnisse zum Einfluss in Gruppen zeigen aber, dass Minderheiten überraschend viel bewegen können. 

In den klassischen sozialpsychologischen Experimenten wird eine kleine Gruppe «eingeweihter» Versuchspersonen instruiert, in einer grösseren Gruppe zu einem bestimmten Thema konsequent eine abweichende Meinung zu vertreten. Anschliessend wird gemessen, wie stark sich die Meinungen der anderen Versuchspersonen verändert haben. Die Ergebnisse zeigen, dass unter gewissen Bedingungen Minderheiten sogar tiefer greifende Einstellungsänderungen anstossen als Mehrheiten.

 

Eigenständige Meinungen stellen in Frage 

Wie lässt sich dieser Einfluss der Minderheiten erklären? Abweichen-de Meinungen und nicht angepasstes Verhalten von Minderheiten kann bei Anhängerinnen einer Mehrheit einen Denkprozess auslösen: Wieso ist sich die Minderheit ihrer Sache so sicher? Wieso passt sie sich nicht dem Gruppendruck an? Diese Leute müssen ihre guten Gründe haben. Wieso eigentlich bin ich mir selber so sicher? Die «Validierung», d.h. die kritische Überprüfung der eigenen Meinung kommt aber nur zum Tragen, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind.

1. Am meisten Einfluss haben einstimmige Minderheiten. Sobald innerhalb der Minderheit Konflikte auftreten, geht der starke Einfluss verloren. Ein gemeinsames politisches Auftreten von EVP und EDU machten von diesen Forschungsergebnisse her also wenig Sinn. Ihre Meinungsverschiedenheiten sind in den meisten Sachfragen so gross, dass für Aussenstehende die politische Glaubwürdigkeit nicht gegeben ist.

2. Der Verhandlungsstil der Minderheit darf nicht zu rigide sein. Wenn eine Minderheit offensichtlich weltfremd und dogmatisch ist, dann ist deren Einfluss auf Andersdenkende minim. Die Seite der Mehrheitsmeinung sieht keinen Bedarf, die Argumente der Minderheit zu prüfen: Der oben beschriebene «Mut zu einer
eigenständigen Meinung» wird in diesem Fall nicht den guten Argumenten zugeschrieben, sondern – verkürzt formuliert – den dahinter-
liegenden sektiererischen Motiven.

Im Kern geht es also darum, andere dazu zu bringen, die Qualität der Gegenargumente «echt» zu prüfen. Dies gelingt besonders dann, wenn ein Bezug zum persönlichen Erleben geschaffen werden kann.

 

Minderheiten verändern die Welt

Der jüdische Sozialpsychologe Serge Moscovici war einer der Ersten, welcher diese Einflussprozesse genau untersuchte. Er kam zum Schluss, dass sozialer Wandel fast immer durch Minderheiten angestossen wird, welche trotz dem Druck der Mehrheit stetig für ihre Meinung
eintreten und sich entsprechend verhalten. 

Dies kann natürlich nicht nur im Nationalrat geschehen, sondern auch im Quartierverein oder am Arbeitsplatz. Die Bibel schildert diesen Zusammenhang so: «Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.» Hier wird ein Prozess beschrieben, der in der Psychologie als «Dissonanz» bezeichnet wird. Wer Menschen beeinflussen will, muss dafür sorgen, dass sie überrascht werden. Dies führt zum Nachdenken – und später dann zum Umdenken.

 

Beat Stübi ist Psychologe FSP und CEO der «Stiftung sbe» für berufliche und soziale Eingliederung. 

beat.stuebi@STOP-SPAM.gmx.ch

To top