Religionen

Die zwei Gesichter der Islamophobie

Georg Schmid  Überall, wo Muslime in unserer Gesellschaft auf Grenzen stossen, wird heute gerne von Islamophobie gesprochen. Georg Schmid unterscheidet in diesem Zusammenhang eine latente und eine akute Form der Islamophobie.

 

Ein Moscheebauprojekt wird mit Einsprachen belegt oder man weist auf die Verfolgung von Christen in der islamischen Welt hin; muslimische Mädchen werden zum obligatorischen Schwimmunterricht angehalten oder es wird über ein Verbot des Gesichtsschleiers in der Öffentlichkeit diskutiert; jemand beschäftigt sich kritisch mit der Stellung der Frau oder mit der Bedeutung des Krieges im frühen Islam: Sofort ist von Islamophobie die Rede. Dieses Stichwort ist inzwischen so populär und publizistisch so wirksam geworden, dass man es als «Totschlag-Argument» einsetzen kann. Wer islamophob ist, braucht nicht mehr angehört zu werden. Spätestens wenn mit dem Hinweis auf den krankhaften Massenmörder von Norwegen illus-
triert wird, wohin Islamophobie führt, ist jede weitere Debatte überflüssig geworden. 

 

Was sind Phobien?

Ich möchte in keiner Weise bestreiten, dass uns die Islamophobie als traurige Realität an vielen Stellen belastet, und dass Religionsphobien ganz allgemein das Leben und Denken der Menschen vergiften können. Bevor wir aber den Vorwurf der Islamophobie in den Mund nehmen, sollten wir uns überlegen, was wir mit unserem Vorwurf meinen. Bei weitem nicht jede kritische Äusserung zu einer Religion ist der Beleg einer Phobie oder das Zeichen einer verwerflichen Gesinnung.

Phobien sind Ängste, die sich zu einer Obsession verdichten und uns den Blick auf die Wirklichkeit völlig verstellen. Wer von einer Islamophobie beherrscht wird, kann die islamische Realität nicht mehr wahrnehmen. Seine Phobie raubt ihm jeden Zugang zur Vergangenheit und Gegenwart des Islams. 

Ängste hingegen sind noch keine Phobien, solange sie ausgesprochen und gemeinsam diskutiert werden können. Dass manchen traditionsbewussten Schweizerinnen und Schweizern die Ausbreitung des Islams in unserem Land Angst macht, ist noch kein Zeichen für eine allgemeine Islamophobie. Solange unsere Gesellschaft diese Ängste wahrnehmen, aufgreifen und bearbeiten kann, werden sie sich auch kaum zu einer Islamophobie verwandeln. 

 

Die Angst vor der Kritik

Anders entwickeln sich aber die angesprochenen Ängste, wenn wir mit latenter Islamophobie die akute Islamophobie bekämpfen wollen. Dann wird aus weit verbreiteten Ängsten fast zwangsläufig eine Islamophobie. 

Als «Latente Islamophobie» bezeichne ich die Angst vor kritischen Äusserungen zum Thema Islam. Schon in manchen Debatten habe ich erlebt, dass bei der leisesten Kritik am Islam sofort radikal harmoniebedürftige Votanten aufstanden und sich dafür einsetzten, dass nicht der Schimmer eines Schattens auf den Islam in seiner Geschichte und Gegenwart fiel. 

Moslems sind oft nicht vertraut damit, dass man Religion auch kritisch betrachten kann. Ihre manchmal heftige Reaktion auf sanfte Kritik greift tief ins Gemüt aller auf Verständigung bedachten Zeitgenossen. 

Aber auch grundsätzliche Angst vor jeder Islamkritik ist eine Form von Islamophobie. Sie kann und will die islamische Realität in ihrer Vielschichtigkeit nicht wahrnehmen. Es wäre müssig, darüber zu diskutieren, welche Form der Islamophobie die Realität radikaler verkennt: die Angst schürende akute Islamophobie mancher Hetzblätter oder die latente Islamophobie der Leisetreter. In der akuten Islamophobie verwandelt sich im Extremfall Angst in Hass. In der latenten Islamophobie verwandelt sich Vorsicht in Feigheit. Beides dient nicht dem Zusammenleben der verschiedenen Religionen in unserem Land. 

Wenn der Islam Europa nicht nur äusserlich als seine neue alte Heimat entdecken will, muss er sich an kritische Fragen und Forderungen gewöhnen. Keine Religion und Kirche wird hierzulande davon verschont. Die latente Islamophobie gaukelt unseren Moslems etwas vor, was die europäische Gesellschaft ihnen nicht bieten kann: ein grundsätzliches Kritiktabu, wie es Europa seit der Aufklärung nicht mehr kennt.

 

Die Gelassenheit des Meisters

Warum lassen es Christen überhaupt zu, dass ihre Ängste zu Phobien werden, zu latenten oder zu akuten? Unser Meister – geborgen im himmlischen Vater – begegnete allen Menschen seines Umfeldes angstfrei realistisch – ohne Angst vor kritischen Fragen und ohne Furcht vor Menschen, die anders denken und leben. 

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch

To top