Theater

Inszenierter Epochenbruch 

Adrian Furrer Die Zeichen mehren sich, dass die uns vertraute Welt- und vor allem Wirtschaftsordnung in dieser Form keine Zukunft hat. Das grosse Amerika kommt wirtschaftlich nicht vom Fleck und wirkt politisch und gesellschaftlich zunehmend zerrüttet: knapp 50 Millionen haben keine Krankenversicherung, fast ebenso viele leben unter der Armutsgrenze, die Mittelschicht, das eigentliche Rückgrat einer Demokratie, ist seit Jahren am Wegbrechen. Dieser Epochenbruch spiegelt sich auch auf der Bühne.

 

Am 12. November erschien im Tagesanzeiger eine Analyse des preisgekrönten Wirtschafts- und Politik-
reporters Constantin Seibt mit dem Titel «Das Ende der Mittelklasse». Was der Mittelklasse, «der dominierenden Kaste der letzten 75 Jahre» blühen könnte, vergleicht Seibt mit dem Schicksal der russischen Aristokratie nach der Revolution: «Nichts zählte mehr in der neuen Welt: nicht die Ideale, nicht die Routinen, nicht die Erziehung.»

 

Verlust der Ideale

Dieser Verlust ist Thema in «The Margin Call». Eingebettet in die dramatischen Vorgänge in einer New Yorker Investmentbank am Vorabend der letzten Finanzkrise erzählt Regisseur J.C. Chandor in seinem Erstlingsfilm von den Menschen, die im Zentrum dieser Krise stehen. Im Zentrum eines Finanzsystems, das in den letzten gut zwanzig Jahren zum heimlichen oder auch ganz offensichtlichen Zentrum der westlichen Welt geworden ist, zur Schaltstelle unseres Wohlstands. Mit einem fast ethnografischen Blick beschreibt er, worauf es ankommt, wenn man in

diesem System bestehen will: emotio-

nale Unempfindlichkeit, grösstmögliches Misstrauen und einen sicheren Killerinstinkt; das einzige Ideal ist der Gewinn. 

 

Die Kälte des Systems

Das Theater hat die Pflicht, unser Selbstverständnis kritisch zu begleiten. Die Schieflage in einem der Angelpunkte unserer Gesellschaft ist dementsprechend seit Jahren ein Thema. Schon 1988 schuf Peter Zadek am Burgtheater Wien mit seiner Inszenierung von Shakespeares «Kaufmann von Venedig» ein kraftvolles Abbild der gerade neu zu einem Höhenflug ansetzenden Finanzindustrie. Die Szene, in der Gert Voss als Shylock von seinem Kontrahenten mit der analytischen Kälte, die zu diesem System gehört, dessen Herz (sic!) fordert, wurde zur Metapher für den gerade angebrochenen Neokapitalismus. 

Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist die sprachmächtigste und bissigste Chronistin der Verwerfungen der bürgerlichen Gesellschaft. Obwohl ihre Stücke ausufernde undramatische Textflächen sind und als unspielbar gelten, setzen die Schauspielhäuser, wie letztes Jahr die
Theater in St. Gallen und Luzern, ihre ganze Maschinerie in Bewegung, um sie auf die grosse Bühne zu bringen, weil sie wissen, welche wütende Relevanz in diesen Texten steckt.

Auch in der laufenden Saison muss man in den Spielplänen der hiesigen Theater nicht lange nach Aufführungen suchen, die auf das Jetzt reagieren. Büchners Leonce und Lena versuchen am Schauspielhaus Zürich ihren poetischen Weltentwurf gegen den Oberflächenreiz der Bahnhof-strasse zu verteidigen. Hamlet in Bern und Ibsens Volksfeind in Basel kämpfen bis an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus gegen ihr korrumpiertes Umfeld, während ebenfalls das Theater Basel in seiner zweiten grossen Schauspielpremiere innehält und sich mit einer Bearbeitung von Ingmar Bergmans «Siebentem Siegel» viel Raum und Zeit nimmt, um die grossen Sinnfragen zu stellen: die nach Gott und die nach dem Tod. 

 

Die Lüge als gesellschaftlicher Kitt

Die bisher stärkste Aufführung dieser Saison war aber in Luzern zu sehen. Nachdem Schauspieldirektor Andreas Hermann mit einer psychologisch fein gemeisselten Inszenierung der Trilogie «Der Grosse Krieg» von Neil LaBute die menschlichen Abgründe einer verstörten Mittelklasse zum Thema gemacht hatte, nahm sich der junge, an der Berliner Volksbühne ausgebildete polnische Regisseur Wojtek Klemm des Dürrenmatt-Klassikers «Der Besuch der alten Dame» an. Mit ausufernder Spielphantasie und einer «unpsychologischen» Körperlichkeit gelingt es Klemms Inszenierung, den vermeintlich verstaubten Text so zu entschlacken, dass man ihn wie zum ersten Mal hört. Und plötzlich wird Dürrenmatts angejahrte Parabel wieder zum Lehrstück über die Ausgrenzung des Fremden, über die Lügen, die zu einem gesellschaftlichen Kitt werden und zum Gleichnis, wie wir Ausbeutung und Tod in Kauf nehmen, um unseren Wohlstand zu wahren. Hingehen, anschauen.

 

Adrian Furrer ist professioneller Schauspieler und lebt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch 

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