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Das Recht und die Werte

Hanspeter Schmutz Der brutale Mord am Au-pair-Mädchen Lucie Trezzini hat anlässlich des Prozesses gegen ihren Mörder die Schweizer Bevölkerung nochmals intensiv beschäftigt. Dieser Mann müsse lebenslänglich verwahrt werden, wurde gefordert. Das Gericht kam zu einem andern Schluss und bewies damit, dass die Rechtssprechung in der Schweiz immer noch von christlichen Grundwerten geprägt ist. 

Ob diese Werte in der Schulstube noch genügend zum Thema gemacht werden, ist eine andere Frage. Hier könnte sich die Schweiz von Russland inspirieren lassen.

 

Am 9. März 2009 wurde die 16-jährige Lucie Trezzini in einem Dachgeschoss in Rieden/Obersiggenthal AG von der Polizei tot aufgefunden. Das Au-pair-Mädchen aus Pfäffikon SZ war von Daniel H. unter Vorspiegelung eines Foto-Shootings in seine Wohnung gelockt und dort brutal ermordet worden. Rund drei Jahre später hat das Bezirksgericht Baden AG den heute 28-Jährigen wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Zusätzlich ordnete das Gericht eine Verwahrung an, allerdings nicht, wie von der Anklage gefordert, eine lebenslängliche. Und das ist gut so.

Einmal aus rechtlichen1 Gründen. Auch wenn das Verbrechen «besonders skrupellos, krass egoistisch und auch heimtückisch» war, konnte das Gericht keine lebenslängliche Verwahrung aussprechen. Die vorgeschriebene psychiatrische Begutachtung ergab, dass eine Therapie auf sehr lange Zeit gesehen möglich sei. Bei der nun ausgesprochenen «ordentlichen Verwahrung» gibt es grundsätzlich die Chance, nach Verbüssung der Strafe – frühestens nach 15 Jahren – wieder auf freien Fuss zu kommen. Die zuständige Behörde muss ab diesem Zeitpunkt jährlich prüfen, ob der Verwahrte bedingt entlassen werden könnte, weil er keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstellt. In diesem Fall wäre dann auch die Verwahrung nicht mehr gerechtfertigt. Ob es zu einer solchen Einschätzung je kommen wird, ist zum heutigen Zeitpunkt naturgemäss völlig offen.

Diese rechtliche Differenzierung macht aus christlicher Sicht Sinn. Dank dem Geschehen von Karfreitag gibt es die Möglichkeit der Vergebung und des Neuanfangs. Bekanntlich hing Jesus damals zwischen zwei Verbrechern. Der eine nahm das Angebot von Jesus an, der andere lehnte es ab2. Es ist gut, dass sich dies auch in der Rechtssprechung spiegelt. Auch der grösste Verbrecher soll eine Chance zur Umkehr erhalten.

Dass die betroffenen Eltern dies zur Zeit anders sehen, kann nicht erstaunen. Aber vielleicht gelingt es ihnen früher oder später, den Weg von Ursula Link zu gehen. Auch ihre Tochter wurde im Alter von 16 Jahren brutal ermordet. Nach einer tiefen Depression fand die Mutter zum Glauben. Der Mörder ihrer Tochter erkrankte an Krebs. Die Mutter begegnete ihm erstmals auf seinem Sterbebett. Sie konnte dem Mörder vergeben und «durfte Zeuge sein, wie der Mann, reuig über seine Tat, sein Leben Jesus übergab»3. Das lässt hoffen, auch im Fall von Daniel H.

 

Mehr als 90 Jahre nach der Abschaffung des Religionsunterrichtes wird das Fach in Russland wieder an allen Schulen eingeführt. Laut «kipa» sollen ab dem Schuljahr 2012/2013 landesweit mehrere religiöse Wahlfächer sowie ein Ethik-unterricht angeboten werden. Die Schüler und ihre Eltern sollen «zwischen christlich-orthodoxer, islamischer, buddhistischer und jüdischer Religionskunde sowie Ethik und einem Fach über die Grundlagen der Weltreligionen wählen» können. Bei einem Staat, der sich in den letzten Jahrzehnten bewusst atheistisch gegeben hat, kann es nicht erstaunen, dass seine weltlichen Lehrkräfte nun ein Weiterbildungsprogramm durchlaufen müssen, weil ihre mangelhafte Schulung in diesem Bereich offensichtlich war.

In der Schweiz gab es in den letzten Jahren eine Tendenz, die öffentlichen Schulen möglichst religionsfrei zu gestalten und das Thema Religion an die Kirchen auszulagern. Warum eigentlich? Religiöse Fragen haben heute einen hohen Stellenwert in der gesellschaftlichen Debatte, u.a. auch «dank» dem Islam. Hier öffnet sich immer mehr eine Bildungslücke – und dies nicht nur bei den Schülern. Die Frage sei zumindest erlaubt, wie es in dieser Hinsicht um das Wissen unserer Lehrkräfte steht. Wenn wir uns hier nicht sputen, ist der drohende Rückstand auf Russland kaum noch aufzuholen. 

 

1 Siehe dazu auch den Beitrag von Peter Deutsch auf S. 10

2 Luk 23,39-43 

3  «Viertelstunde für den Glauben», März 2012, SEA

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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