Entstehung der Bibel

Die Bibel – ein Plural 

Sara Stöcklin Wenn die Bibel vom Himmel gefallen wäre, gäbe es viel einzusammeln. Sie ist kein Buch, sondern ein reissender Fluss literarischer Überlieferung – schwer zu bändigen und seit jeher so voller Leben, dass ihre Entstehung nur unvollständig nachgezeichnet werden kann. 

 

«Es steht geschrieben», sagt Jesus häufig in den Evangelien. So selbstverständlich, aber auch so unpräzis wird von «den Schriften» gesprochen, von «Gesetz» und «Propheten», dass der heutige Leser mit seiner modernen Bibelausgabe ratlos zurückbleibt. Das literarische Material, auf das verwiesen wird – epische, prosaische, lyrische Texte –, erscheint als höchst autoritative, aber flexible und lebendige Überlieferungsmasse.

 

Das Alte Testament der frühen Christen

Was sind das für «heilige Schriften», welche Jesus im Tempel las und die für seine frühen Nachfolger genauso Halt und Richtschnur waren wie für ihn selbst? Wir wissen es nicht genau. Der Umfang dessen, was wir heute das «Alte Testament» nennen, war zur Zeit Jesu nicht festgelegt. Die ersten Christen (ebenso wie die Juden) verspürten weder das Bedürfnis noch die Notwendigkeit, ein abgeschlossenes Verzeichnis zu erstellen. Der Konsens darüber, welche Schriften für die Lesung im Gottesdienst geeignet waren, variierte zwischen den einzelnen Provinzen. Meist stellte sich die Frage gar nicht, da eine Gemeinde nur eine beschränkte Auswahl an Schriftrollen oder Codices zur Verfügung hatte. «Wir aber schlugen die Bücher der Propheten auf, die wir hatten», zitiert der grosse Theologe Klemens von Alexandrien († ~215) aus einer Apostelpredigt1. Ende des 2. Jh. erst begann die Suche nach einem verbindlichen Verzeichnis, im 4. Jh. bemühte man sich in den Synoden darum2.

 

Die Entstehung des Neuen Testaments

Noch komplizierter sind freilich die Hintergründe dessen, was uns als «Neues Testament» bekannt ist. Wie kam es dazu, dass nebst den alttestamentlichen Texten auch solche der Apostel und ihrer Schüler autoritativen Charakter erhielten? Wie wurde der Umfang dieser Texte bestimmt? Unbestritten ist, dass am Anfang der Entwicklung keine theologische Entscheidung, kein «runder Tisch» prominenter Bischöfe oder gar eine Anweisung der Apostel selbst stand. Am Anfang war es die lokale Gemeinde, die ein Evangelium oder einen Apostelbrief als kostbaren Besitz hütete. Sie schätzte sich glücklich, wenn ihre finanziellen Möglichkeiten die Abschrift weiterer Dokumente erlaubten, die im Umlauf waren. Die wiederholte Lesung solcher Dokumente in gottesdienstlichen Versammlungen, welche die Lesung alttestamentlicher Texte ergänzte, sollte die Christen ermutigen und belehren – insbesondere, da diese meist keinen privaten Zugang dazu hatten. 

Diese Einbettung neutestamentlicher Texte in den Gottesdienst förderte ihren späteren Status als Heilige Schrift. Die vorgelesenen Zeugnisse bezogen ihre Autorität zunächst aus der Autorität Jesu, dessen Worte und Lehre darin überliefert waren. Mit der Zeit ging die Autorität der Worte Jesu auf die Dokumente selbst über, die sie überlieferten; das neutestamentliche Schriftmaterial passte sich in seiner Bedeutung dem alttestamentlichen an, wurde ebenso «heilig» wie «Gesetz und Propheten».

 

Auswahl der Texte

Auch die Auswahl der Texte ist das Resultat kirchlicher Praxis. Die Gemeinden ergänzten und vergrösserten ihre Sammlungen je nach Verfügbarkeit, aber auch je nach dem Ruf, den die einzelnen Texte genossen. Behaupten konnten sich insbesondere Schriften, deren Verfasserschaft oder Autorisierung durch die Apostel und deren
inhaltliche Zuverlässigkeit glaubhaft war.

Freilich ging die Verbreitung der Texte langsam und mit grossen lokalen Unterschieden vor sich. Bis weit ins 2. Jh. hinein war den meisten Gemeinden nur ein kleiner Teil der neutestamentlichen Texte bekannt. Bei den Evangelien erfreute sich Matthäus schon früh besonderer Beliebtheit, während das Johannesevangelium wenig verbreitet war.

Erst in der zweiten Hälfte des 2. Jh. wurde bei den Kirchenlehrern das Bedürfnis erkennbar, die Auswahl dieser Schriften zu «standardisieren». Nicht nur liess der grössere zeitliche Abstand zum Leben Jesu die Bedeutung der Zeugnisse wachsen, die nun schon seit mehreren Generationen im Gottesdienst verlesen wurden; es galt auch, sie von der Masse weiterer Schriften herauszuheben, die im Entstehen waren. Vor allem die heute «gnostisch» genannten Gruppierungen, die das christliche Evangelium mit philosophischem und mythologischem Gedankengut anreicherten, produzierten zahlreiche Briefe, «Apostelakten» und «Evangelien», die zusätzliche «Offenbarungen» enthielten – bekannt sind etwa das Thomas-, Petrus- oder Judasevangelium. Erst angesichts dieser «Konkurrenz» stellte sich die Frage, welche der im Umlauf befindlichen Schriften dem Anspruch genügten, die Lehre Jesu und der Apostel unverfälscht wiederzugeben. Es entstanden erste Listen und Verzeichnisse, von denen diejenige des Kirchenvaters Irenäus († 202) eine der ältesten ist (ca. 185) – ihm fehlen noch Philemon,
2. Petrus, 2. und 3. Johannes, Hebräer und Judas (dafür berücksichtigt er den «Hirt des Hermas»). 

 

Der «Kanon»

Bei allen Unterschieden bildete sich am Ende des 2. Jh. das heraus, was wir als «Kanon» bezeichnen – eine begrenzte und weiträumig anerkannte Sammlung heiliger Schriften neben dem Alten Testament. Von einem «Kanon» sprach freilich noch niemand – erst Mitte des 4. Jh. ist dieser (griechische) Begriff als Bezeichnung der Bibel nachweisbar. Er bedeutet eigentlich «Rohr» und wurde vor allem im Bauhandwerk verwendet, um ein Lineal oder einen Massstab zu bezeichnen. Daraus entwickelte sich die übertragene Bedeutung: Kanon (lateinisch mit «regula» übersetzt) als Massstab oder Richtschnur für Glauben und Verhalten.

Was genau zum neutestamentlichen Kanon gehören sollte, wurde noch mehrere Jahrhunderte lang rege diskutiert. Während besonders die «Schlusslichter» der heutigen Version (vor allem die Offenbarung) lange umstritten waren, herrschte bei den vier Evangelien bald Einigkeit. «Sie alle lehren uns einen Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde, wie ihn Gesetz und Propheten verkünden, und einen Christus als den Sohn Gottes», erklärt Irenäus diesen Konsens3. Die Anzahl begründet er mit den «vier Hauptwindrichtungen»; da die Kirche «über die ganze Erde ausgesät ist, das Evangelium aber die Säule und Grundfeste der Kirche und ihr Lebenshauch ist, muss sie naturgemäss auch vier Säulen haben4.» 

Solche theologischen Argumente wurden zunehmend wichtig; sie begründeten die Auswahl der Texte aber nicht im Voraus, sondern rechtfertigten sie im Nachhinein. Der «runde Tisch» prominenter Bischöfe fand erst am Ende der Entwicklung statt, als grundsätzlich Konsens bestand und nur noch bei einzelnen Schriften Unsicherheit herrschte. Die bis heute anerkannte Liste der 27 Bücher  wurde in mehreren römischen Synoden Ende des
4. Jh. festgelegt und für verbindlich erklärt. 

 

Biblia – ein Plural

Auch mit dem Konsens, mit der verbindlichen Auswahl blieb freilich das Bewusstsein stehen, dass die heiligen Schriften nicht ein einziges Buch, sondern eine Büchersammlung sind. Biblia («Dokumente») ist ein griechischer Plural. Zum Ausdruck kommt das frühchristliche Verständnis zuweilen in der Kunst. Im (so genannten) Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna befindet sich ein herrliches Wandmosaik, das den Märtyrertod des heiligen Laurentius darstellt. Nach der Legende weigerte sich dieser, den Behörden die heiligen Schriften, den Schatz seiner Kirche, auszuliefern. Auf dem Mosaik (siehe Bild) steht dieser Schatz neben dem Gitterrost, auf dem Laurentius verbrannt wird: Es ist ein kleiner Schrank mit vier Büchern, die mit den Worten «Marcus, Lucas, Matteus, Joannes» versehen sind. 

Die Bibel ist eine historisch zusammengewachsene Büchersammlung. Die frühen Christen wussten um die Lebendigkeit der literarischen Überlieferung, ohne dass dies ihrem Glauben an die Autorität der Überlieferung Abbruch tat. Wichtiger als die Entstehung der Bibel erschien ihre Wirkung, die erfahrbar war und Gott als ihre Quelle beglaubigte. 

 

1 Stromata 6,15,128

2 Grundlage für die Auswahl war die Septuaginta, eine verbreitete Sammlung alttestamentlicher Schriften in griechischer Übersetzung. Diese Grundlage wurde von den Reformatoren in Frage gestellt; Martin Luther orientierte sich am jüdischen, hebräischen Kanon (Tanach), der um 100 n. Chr. festgelegt wurde und weniger Schriften umfasste als die Septuaginta (ihm fehlen die Bücher Judith, Tobit, Teile von Daniel und Ester, Makkabäer,
Sirach, Weisheit und Baruch). Entsprechend unterscheidet sich das Alte Testament der lutherischen und reformierten bis heute von dem der katholischen und orthodoxen Kirche.

3 Contra Haereses 3,1,2

4 Contra Haereses 3,11,8

 

Sara Stöcklin-Kaldewey hat Philosophie und Theologie studiert und ist Doktorandin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Uni Basel.

To top