Die Bibel teilen

Die Bibel lesen – und sie in die Welt tragen

Rita Famos Viele Menschen glauben «an eine höhere Macht», so zumindest sagen sie es immer wieder, wenn sie mit mir als Pfarrerin über den Glauben ins Gespräch kommen. Sie haben eine Sehnsucht, mit dem Göttlichen in Kontakt zu treten und sich für ihr Leben von der Transzendenz inspirieren zu lassen. Oft fehlen ihnen jedoch die Worte, um über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Es fehlen ihnen Namen, um Gott zu benennen. In der Bibel hat Gott, der jenseits aller Namen ist, viele Namen. Sie überliefert uns viele Geschichten, die bezeugen, wie Gott mit uns Menschen unterwegs sein will.

 

Wir sind gerufen, das Evangelium «in Wort und Tat» in der Gesellschaft zu bezeugen und somit nicht nur tatkräftig das Evangelium der Liebe zu leben, sondern auch den Menschen zu helfen, Worte für ihren Glauben zu finden. Die Bibel in die Welt tragen heisst, zusammen mit den bib-lischen Zeugen den vielfältigen Gotteserfahrungen unserer Mitmenschen Worte und Namen zu geben. 

 

Ganz bei uns

Wer die Bibel in die Welt tragen will, muss zunächst ganz bei sich selber sein und sich und seinen Glauben vom Wort Gottes, wie es uns die Bibel übermittelt, berühren lassen. Die Bibel in die Welt zu tragen, heisst, zunächst selber mit der Bibel zu leben und in der regelmässigen Auseinandersetzung mit den biblischen Zeugen seinen eigenen Glauben inspirieren und herausfordern zu lassen. Mit der Bibel zu leben kann auch bedeuten, die  biblischen Zeugen zu hinterfragen und mit ihnen innerlich zu streiten, Texte mit Fragezeichen zu kennzeichnen und stehen zu lassen. Dass wir mit der Bibel leben, uns von den biblischen Zeugen vor Gott bringen und uns hinterfragen lassen, ist die Voraussetzung, damit uns in Gesprächen mit Menschen Worte und Bilder der Bibel einfallen, die helfen, das Erlebte, Erahnte und Erkannte beim Namen zu nennen. Erst wenn uns etwas angesprochen hat, können wir es aussprechen und weitergeben. 

 

Ganz beim Text

Christen und Christinnen, die verantwortungsvoll biblische Texte ins Gespräch bringen wollen, müssen sicherstellen, dass sie den Texten gerecht werden und sie nicht verbiegen. Deshalb ist es wichtig, neben der existenziellen Auseinandersetzung auch immer wieder die theologische, exegetische Arbeit mit den biblischen Texten zu suchen. Wir betrachten biblische Texte immer auch durch unsere eigene Brille und müssen uns deshalb bemühen, diese Brille abzulegen. Wir sollen versuchen, ganz beim Text zu sein und uns zu fragen, in welchem Kontext ein biblischer Text entstanden ist, was er den Menschen damals sagen wollte, welche Wirkungsgeschichte er hatte und welche seiner Aussagen in unsere moderne Welt übersetzt werden können. Durch das Studium von Kommentaren, die Diskussion mit Fachleuten und anderen Bibellesenden entgehen wir der Gefahr, biblische Texte zu vereinnahmen. 

 

Ganz beim Gegenüber

«Was soll ich für Dich tun?», hat Jesus den blinden Bartimäus gefragt. Auch wenn offensichtlich war, dass Blindheit den Mann quälte, ging Jesus nicht einfach davon aus, dass er selber schon wusste, was das Gegenüber brauchte. Er liess sich die Situation schildern und gab nicht vor, schon zu wissen, was die Sorge des Blinden war. So sollten auch wir ganz beim Gegenüber, bei seiner Welt und seinen Fragen sein und sorgsam zu verstehen suchen, was das Gegenüber wirklich braucht. Die Bibel in die Welt zu tragen heisst, sorgfältig nach dem Kontext zu fragen, in den sie sprechen soll. Wir sollten eher die Bibel mit dem Gegenüber ins Gespräch bringen als von uns aus eine dogmatische Wahrheit zu verkünden. Diese Haltung hat viel mit Bescheidenheit zu tun, was mich zum letzten Punkt führt. 

 

Ganz bei Gott

«An Gottes Segen ist alles gelegen», heisst ein altes Sprichwort. Es drückt das geistliche Wissen aus, dass nicht wir das Wirken des Wortes in Händen halten. Der Geist, der die Menschen bei der Entstehung der Texte bewegt hat, der Geist, der die Vermittlung der Texte begleitet hat, der Geist, der es ermöglicht, dass Gott durch die Texte heute zu uns spricht, derselbe Geist wird es auch wirken, dass unser Gegenüber neu berührt und durch die Texte mit Gott ins Gespräch geführt wird. Es liegt nicht bei uns sondern ganz bei Gott, dass die Worte der Bibel weiter zu den Menschen sprechen. 

 

Rita Famos ist Beauftragte für die Pfarrerausbildung in der Deutschschweiz und Mitglied des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. 

rita.famos@STOP-SPAM.zh.ref.ch 

 

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