Schönheit der Bibel

Eine herrliche und süsse Wahrheit

Dorothea Gebauer Die Seele nährt sich an dem, worüber sie sich freut, sagt Augustinus. Die schiere Freude empfindet der Psalmdichter, wenn er Gottes Wort begegnet. Er fühlt sich «Wie einer, der grosse Beute macht1». 

 

Es ist anzunehmen, dass diese Freude nicht eine rein kognitive oder ein kühl rationales Zur-Kenntnis-Nehmen der grossen und ewig gültigen Wahrheiten war. Ich stelle mir David als einen vor, der hingerissen ist von seinem Gott. Der sich, manchmal voller Zorn, manchmal im Glücks-taumel, vor Gott aufhält. «Gott ist das herrlichste aller Wesen, ihn nicht zu lieben und nicht an ihm seine Freude zu finden, ist ein grosser Verlust für uns und beleidigt ihn2», sagt John Piper, baptistischer Pastor und Autor. 

 

Sinnlichkeit erweckt zum Leben 

Wie finden wir Freude an diesem «herrlichsten aller
Wesen» und dem, was Gott sagt? Da hilft es, wenn wir die Bibel als ein ganz und gar sinnliches Schriftstück und
literarisches Kunstwerk begreifen. In einem Klima des fundamentalistischen Rückzuges, der narzisstischen Selbstbespiegelung oder einer Reduktion der Bibel auf
einen Ratgeber für alle Lebensfragen bedarf dies einer Neubesinnung. Zwar spricht der deutsche Schriftsteller und Künstler Gerrit Pitthan von der Kunst, wenn er sagt: «Eine umfassende Sinnlichkeit erweckt Sprache und Charaktere, ja Kunst überhaupt3». Ein Transfer zur Bibel als einem Sprachkunstwerk sei an dieser Stelle gestattet. Etwa so: Wer das Sinnenfrohe biblischer Schriften immer wieder geniesst, erweckt seine Beziehung zu Gott immer wieder neu. Auch darüber entfaltet sich göttliche Wahrheit. 

 

Schönheit oder eine erotische Beziehung zur Sprache 

Kurt Marti (geb. 1921), Schweizer Pfarrer und Autor, bringt in vielen seiner Publikationen zum Ausdruck, dass die Religion und ihre calvinistischen Vertreter häufig karg und spröde seien oder verklemmt daherkämen: «Stirbt die Erotik, so verdorrt die Religion zur abstrakten Metaphysik (wie früher) oder zur trockenen Ethik (wie heute)4.» Er fordert an anderer Stelle ein «erotisches Verhältnis zur Sprache5». Nur das, was ich von ganzem Herzen liebe, offenbart sich mir. Rudolf Bohren, Theologe aus Grindelwald und ein sinnenfroher Mensch, der gerne Aquarelle malte, Ski fuhr und Bäume fällte, sagt in seinem Vermächtnis «Dass Gott schön werde»: «Predigen soll in die Freude führen. In der Freude kommt die Rede von Gott zu ihrem Ziel6.» Der heutige Papst Benedikt XVI. spricht von den «Bildern des Schönen», in denen sich «das Geheimnis des unsichtbaren Gottes versichtbart». Bei Augustinus ist das Schöne die Erscheinungsweise von «Ewigkeit in der Zeit». Erotik und Schönheit also nicht als Beiwerk oder Folklore, sondern als zentrale Momente der Gottesoffenbarung. Mit wirksamer Bildsprache, die Wirklichkeit neu schafft. 

 

Wohltemperiertheit, Bildersturm, Leibfeindlichkeit und Gesetzlichkeit

Gott hat uns in der Bibel vorgelegt, wie wir leben sollen. Er hat dafür aber kein Regelwerk geschaffen, sondern ein Werk, das an alle unsere Sinne adressiert ist. Wenn nach Marti Literatur ein Lob der Sprache ist, lobt die Bibel die Sprache in einem fort. Sie fährt mit allem auf, was sich unter Literatur einordnen lässt: Zarte Lyrik, packende Thriller, freche Satire, böser Spott, lustige Posse, brillante Debatte, leidenschaftlicher Liebesbrief – alles ist in diesem Meister-Werk enthalten. Die handelnden Figuren sind brav oder schrill, folgen Gott auf geraden und krummen Wegen. Deren Abgründe und Verwicklungen sind oft tief; die Visionen eines Johannes kühn und wild. 

Unsere frommen Magazine und Predigten bügeln da eher Dinge glatt und atmen langweilige Wohltemperiertheit. Weil sie das Problematische weglassen, fehlt auch das Aufregende. «Erbaulichkeit ist das Messer im Rücken der Literatur und die Idylle das Morphium der Christenheit» lautet dazu eine der Thesen von Pitthan. Gott ist dann nicht mein feuriger Liebhaber, sondern nur noch ein besseres Narkotikum. Via Losungen7 sichere ich ab, dass alles gut wird. Oder Gott ist mein Arbeitgeber oder der grosse Manager, dessen Aufträge ich abhole. Das endet in einem kühlen Kontrakt unter ganz Cleveren: Ich arbeite für dich, und du bezahlst mich. 

 

Im Abenteuer der Nachfolge ist aber nichts sicher, ausser dass Gott nicht von meiner Seite weicht. Einer, der das erlebt hat, ist der Barockdichter und Erfinder vieler empfindsamer Kirchenlieder, Paul Gerhardt (1607-1676). Seine Sprache ist die eines zärtlichen sehnsuchtsvoll Liebenden. In «Warum sollt ich mich denn grämen» etwa verlangt ihn danach, Gott leiblich «zu umfangen». «Geh aus mein Herz und suche Freud’» ist eine überschäumende Liebeserklärung an Gottes Schöpfung. Dem Dichter Liebe zum Kitsch zu unterstellen, wäre falsch. Wer von fünf Kindern vier frühzeitig verliert, wem nach 13 Jahren Ehe die eigene Frau wegstirbt und wer dennoch solche Texte dichtet, dessen Glaube taugt und trägt. Für viele Deutsche waren seine Lieder während zweier Weltkriege nicht süsse Sahnestückchen, sondern Schwarzbrot zum Überleben. Harsch fällt dagegen die Kritik Pitthans an einer kulturellen Engführung unter Evangelikalen aus: «'Religiöser Primitivismus neigt zu kulturellem Primitivismus'. Dieses Zitat ist sehr missverständlich, um es zu verstehen, muss man Primitivismus zweimal definieren. Religiöser Primitivismus ist ein positiv gefüllter Begriff, er deutet eine Bewegung weg von Kultus und Ritual hin zu den Wurzeln der Schrift und der Urgemeinde an. Kultureller Primitivismus ist negativ zu verstehen. Hier seien nur der Bildersturm, die Leibfeindlichkeit und die Gesetzlichkeit erwähnt. Zum religiösen Primitivismus gehören alle Freikirchen, die evangelikalen und charismatischen Teile der Kirchen8.» 

 

Wir haben gehört, gesehen, getastet 

Der Duden findet für den Begriff «sinnlich» folgende Synonyme: «fühlbar», «hörbar», «riechbar», «sichtbar», «tastbar», «wahrnehmbar» oder barocksprachlich «wonnevoll». Die Begegnung mit dem Auferstandenen, wie sie uns im 1. Johannesbrief 1,3 überliefert wurde, ist eine ganz und gar sinnliche Erfahrung. «Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben vom Wort des Lebens …. das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.» 

 

1 Ps 119,162

2 John Piper, Zeitschrift für aktive Christen, Nr. 132/4. Quartal 2010

3 wie Fussnote 8

4 Kurt Marti, Zärtlichkeit und Schmerz

5 dito

6 Heinz Käser, Kirchenzeitung Ref. Kirchgemeinde Gsteig/Interlaken (2/12)

7 In den Losungen finden sich Bibelverse, die für jeden Tag ausgelost 

wurden. Die «Losungen» gehen auf Nikolaus Graf von Zinzendorf 

(1700 – 1760) zurück, dem Gründer der Herrenhuter Bewegung. 

8 Gerrit Pithan, 78 provisorische Thesen zu Christentum und Kultur, 

erschienen in: www.gerrit-pithan.de

 

Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin  

dorothea.gebauer@STOP-SPAM.fesloe.ch

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