Fragen und Zweifel

«Stolpersteine» in der Bibel

Interview: Fritz Imhof Jede Zeit hat ihre Fragen und Einwände zur Bibel. Sie können ehrlich oder auch vorgeschoben sein. Wir stellen aus Sicht eines suchenden Menschen einige aktuelle Fragen an den Apologeten und Naturwissenschafter Felix Ruther.

 

Magazin INSIST: Felix Ruther, mit der Bibel wurden schon die schlimmsten Dinge wie Kriege gerechtfertigt. Hat nicht die Bibel selbst zu Kriegen aufgerufen?

Felix Ruther: Ich möchte kurz vorausschicken, dass ich auf dem Hintergrund meines derzeitigen Bibelverständnisses antworte. Damit will ich sagen, dass ich klar zwischen Bibelverständnis und Bibel unterscheide. Das
Bibelverständnis ist immer nur Stückwerk und sollte, so lange der Glaube lebendig bleibt, auch Veränderung erfahren dürfen. Zudem ist «mein» Bibelverständnis nie absolut. Daher darf es auch nie zur Trennung von meinen Glaubensgeschwistern führen, mit denen ich gemeinsam bekenne: «Jesus ist Herr.»

 

Und nun zur Frage. Die Bibel selber1  ist kein handelndes Subjekt. Der Mensch macht etwas mit den biblischen Worten, und er kann mit ihnen machen, was er will.
Die Bibel kann sich nicht wehren. Ob er auch den Willen Gottes trifft, steht auf einem andern Blatt. Schon in der Versuchungsgeschichte sehen wir, wie sowohl Jesus als auch Satan die Bibel zitieren2. Wer also Bibelworte ausspricht, folgt nicht automatisch dem Willen Gottes. Auf die Frage, was das Zentralste am Glauben sei, antwortete Jesus mit dem Doppelgebot der Liebe3 (Mt 22,37-40).
Das hat Augustinus (354-430) aufgenommen, indem er sagt: «Wer also die ganzen heiligen Schriften oder wenigstens irgendeinen Teil davon verstanden zu haben glaubt, aber ... jene Doppelliebe zu Gott und zum Mitmenschen nicht auferbaut, der hat sie noch nicht verstanden.»

 

Oftmals hat man sich auf die Worte der Bibel berufen und sich dabei die Köpfe blutig geschlagen. 

Wir können uns eben aus der Bibel den Tod holen oder das Leben. Daher müssen wir einen geistlichen Geschmackssinn entwickeln. Z.B. könnte man anhand von Galater 5,19 (Früchte des «Fleisches») und Galater 5,22 (Frucht des Geistes) urteilen: Jede Auslegung, die in Richtung von «Liebe, Freude, Friede, Langmut ...» geht, hat den Atem des Heiligen Geistes. Das Gegenteil sehen wir in Galater 5,19. Wilhelm von Saint-Thierry (1075-148) sagt demgemäss: «Die Heilige Schrift will in dem gleichen Geist, in dem sie geschrieben wurde, gelesen und verstanden werden.» Auch Ambrosius (339-397) ermahnte die Christen: «Sie sollen daran denken, dass
Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten muss.»

Ich denke aber, dass heute höchstens noch krankhafte Fundamentalisten die Bibel als Rechtfertigung für kriegerische Handlungen benutzen. Uns trifft eher die Frage: Wenden wir die Worte aus der Schrift nur wie Gerichtsparteien bei einem Prozess an? Geht es uns nur darum, Recht zu behalten? Oder reichen wir uns die Schriftworte wie ein Stück Brot, um einander zu nähren, um Mahl zu feiern mit dem Brot des Wortes? Jesus wollte in seiner Person und in seinen Worten Brot «für das Leben der Welt» sein. 

 

Muss man an eine Sechstageschöpfung glauben, wenn man die Bibel ernst nehmen will?

Man muss nicht nur nicht, man sollte es auch nicht! Damit will ich sagen, dass jene, die dies glauben, die Bibel gerade nicht ernst nehmen, denn sie lesen einen antiken Text mit den Augen der modernen Naturwissenschaften, was dem Text eben nicht gerecht wird. Mit dieser Interpretation von 1. Mose 1-11 ist immer auch die Ansicht verbunden, die Erde sei höchstens 10’000 Jahre alt. Diese Vorstellung widerspricht aber aus kosmologischer, geologischer, physikalischer und biologischer Sicht dem Erdalter von ca. 4,7 Mia. Jahren. Diese Art der Bibelinterpretation ist zudem relativ jung. Praktisch alle grossen Theologen der Kirchengeschichte teilen diese Vorstellung nicht. Auch zur Zeit Darwins kann man feststellen, dass sich, mit wenigen Ausnahmen, die führenden christlichen Denker bereitwillig sowohl mit der Evolutionstheorie wie auch mit der Vorstellung einer «alten» Erde arrangierten. Im Grossen und Ganzen waren die christlichen Geologen lange vor dem Auftauchen von Darwins Theorie mit der Frage nach dem Alter der Erde in Berührung gekommen und hatten sich mit der Vorstellung einer «alten» Erde ausgesöhnt.

Daher ist es überraschend, dass plötzlich der Glaube an eine junge Erde aufkam. Das geschah zuerst in den USA durch den Einfluss von Ellen White (1827-1915), einer Prophetin der Siebenten-Tags-Adventisten, und ihres Schülers, George McCready Price (1870-1963). 1961 erschien dann «The Genesis Flood» von Henry Morris und John Whitcomb, das in eine ähnliche Richtung ging und eine grosse Verbreitung fand. Seither hat die «Junge Erde-Ansicht» viele Anhänger gewonnen – mit verheerenden Folgen. Eine Untersuchung unter 16- bis 18-Jährigen zeigt, dass die Vorstellung, das Christentum schliesse notwendigerweise diese Vorstellungen ein, es diesen Jungen erschwert, einen Weg zu Christus zu finden. 

 

Es gibt viele biblische Texte, die sich widersprechen. Kann ein solches Buch glaubwürdig sein?

Wenn man die biblischen Texte als konzentrische Kreise betrachtet und im innersten Kreis nur die entscheidendsten Heilsaussagen platziert, kann ich dort keine Widersprüche wahrnehmen. Was dann in den äusseren Kreisen als möglicher Widerspruch auftaucht, muss mich nicht so stark beschäftigen. 

Es gibt theologische Richtungen, die alle «vermeintlichen» Widersprüche irgendwie harmonisieren und so aus der Welt schaffen wollen. Oft führt das zu sehr komplizierten Konstruktionen. Wer aber aus der Vollkommenheit Gottes einen vollkommenen Bibeltext ableitet, formuliert ein logisches Prinzip, das es in der Bibel so nicht gibt. Es ist also lediglich eine menschliche Meinung. Denn es ist ungeklärt, woher der Mensch wissen will, worin die Vollkommenheit Gottes besteht und wie sie sich auf die Bibel auswirkt.

Vermutlich entspringt diese Haltung einer Denkweise  des «Alles-oder-Nichts»: ein Widerspruch – und schon wird alles unglaubwürdig. Aber kein Mensch kann in dieser Welt mit einer solchen Haltung leben.

 

Ein Beispiel: In der Bibel heisst es «Auge um Auge – Zahn um Zahn». Auf der anderen Seite sagte Jesus: «Wenn dir einer auf die linke Backe schlägt, dann halte ihm auch die rechte hin.» Das ist doch ein ziemlicher Widerspruch?

Dieses Problem hat nur, wer glaubt, dass alle Worte der Bibel gleich gewertet werden müssen. Die Texte der
Bibel sind aber in ganz verschiedenen historischen Situationen entstanden, und man kann, ausgehend von den
ältesten Texten bis zu den Evangelien, eine pädagogische Absicht Gottes entdecken. Wenn Lamech4 sich noch brüstet, dass er für eine zugefügte Wunde einen Mann erschlägt und einen Jüngling für seine Striemen5, dann steht im «Auge um Auge-Prinzip» die Strafe schon in einem massvollen Verhältnis zur Tat. Sie stellt einen wichtigen Schritt auf dem Weg dar, den Gott mit den Menschen auf das grosse Ziel hin gehen möchte, nämlich «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst6». Leider sind wir aber auch heute noch weit davon entfernt. 

Zudem möchte ich festhalten, dass nicht die Bibel, sondern Jesus Gottes ultimative Offenbarung seines Willens darstellt. Das bedeutet, dass kein Satz der Bibel – an Jesus vorbei – mein Handeln bestimmen darf. Das christliche Denken über die biblische Moral wird grundlegend von der Tatsache beeinflusst, dass die Christen die Tora im Sinne eines von Gott gegebenen Regelwerkes, dem man bedingungslos gehorchen muss, aufgegeben haben. Das moralische Ideal der Christen findet sich nicht in einem geschriebenen Text, sondern in Jesus, der das «lebendige Wort Gottes» ist. Das Christentum ist also keine Religion des geschriebenen Gesetzes, sondern Nachfolge Jesu.  ◗

 

1 Vgl. unten: Die Bibel als Membran für Gottes Stimme (Paul Schütz)

2 Vgl. Mt 4,6

3 Mt 22,37-40

4 In 1 Mose 4 ist Lamech ein Nachkomme des Kain und der erstgeborene Sohn des Metuschael. Laut 1 Mose 4,19 nahm sich Lamech zwei Frauen, Ada und Zilla, und wurde damit zum ersten in der Bibel erwähnten Polygamisten.  

5 Gen 4,23

6 Gal 5,14 (3 Mose 19,15f.; Mt 22,37)

 

 

Felix Ruther ist  Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST.

felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch

 

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