Funkstille

... und wenn die Bibel schweigt?

Peter Henning Viele Christen erleben, dass ihnen die Bibel plötzlich nichts mehr sagt. Sie erleben das sowohl in glücklichen wie auch in schweren Zeiten. Warum scheint die Bibel dann plötzlich stumm zu sein? Schweigt in diesen Zeiten auch Gott?

 

Vielleicht schweigt die Bibel, weil wir schon «alles» wissen. Oder es könnte sein, dass die persönliche Stimmung, Lust und Laune oder das Lebensschicksal uns unempfänglich machen für das Reden der Bibel. Wie auch immer: Den Eindruck, dass Gott schweigt, gibt es nicht erst seit heute. 

 

Das Schweigen Gottes in der Bibel

Schon die Autoren der Bibel kannten das «Schweigen
Gottes».

Da schreit ein Beter: «Gott, schweige doch nicht! Gott, bleib nicht so still und ruhig1!» Der Psalm 35 z.B. ist aus der Erfahrung heraus entstanden, dass Gott abwesend ist. 

 

Die Erfahrung, dass man von Gott keine Antwort bekommt, kann eine tiefe und bedrohliche Verzweiflung auslösen. 

Das wird äusserst anschaulich in Psalm 69 geschildert: «Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund mehr ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange warten muss auf meinen Gott.» Und
Psalm 88 endet mit dem durchdringenden Gebetsschrei bedrohlich verlassener Menschen ohne Perspektive, Hoffnung und Lobpreis.

 

Einige Psalmbeter wollen solch ein völliges Schweigen Gottes unbedingt verhindern. Sie kennen Schmerz und Anfechtung, die solche Zeiten belasten. Deshalb formulieren sie immer wieder die dringende Bitte: «Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir und ein Fremdling wie alle meine Väter2.» 

Gottes Abwesenheit kann beim Gläubigen auch Schweigen auslösen.

Die Lebensumstände verdichten sich so stark zu einem unerträglichen «gordischen Knoten», dass Gottes Abwesenheit geradezu «sprachlos» macht:

«Ich bin wie taub und höre nicht und wie ein Stummer, der seinen Mund nicht auftut. Ich muss sein wie einer, der nicht hört und keine Widerrede in seinem Munde hat3.» – «Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun; denn du hast es getan4...». 

 

Schuld und Sünde trennen von Gott. Nicht nur die Bibel, sondern jeder weiss es: Schuld und Sünde lösen nicht nur unter uns Menschen Kommunikationsstörungen aus. Unvergebene Schuld kann auch die Ursache dafür sein, dass wir Gottes Stimme nicht mehr hören. Die Propheten haben Israel vor dieser Möglichkeit unablässig gewarnt – und in besonders schlimmen Zeiten analysierten sie Ursache und Wirkung messerscharf: «Wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut5.» Besonders dramatisch beschreibt das Amos: «Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der Herr, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde ... nach dem Wort des HERRN, es zu hören; dass sie hin und her von einem Meer zum andern, von Norden nach Osten laufen und des HERRN Wort suchen – und doch nicht finden werden6.» 

 

Warum kann die Bibel schweigen?

Es kann sein, dass die Lebensumstände so bedrängend sind, dass wir nichts anderes mehr denken, fühlen und wahrnehmen können. 

Alles rotiert in Kopf, Herz und Seele derart, dass wir nichts anderes mehr aufnehmen können – auch keine Bibeltexte mehr. Schwierigkeiten und Bedrängnisse gebärden sich wie eine Besatzungsmacht, die das Sehen, Hören, Agieren und Reagieren total bestimmen und in der Folge Glaube, Liebe und Hoffnung total verschütten. Wir sind dann mit Sorgen und Nöten so «voll» gestopft, dass uns von aussen gar nichts mehr erreichen kann. Wir sind für externe Botschaften verschlossen, weil wir einfach schon so «voll» sind. 

 

Bibelworte können sperrig werden.

In Leid und Not kann sich die Bibel – wenn wir sie dann überhaupt noch lesen – als äusserst sperrig erweisen. Ihre Worte reiben sich dann in schier unerträglicher Dissonanz an unserer Realität und können Wut, Aggression, Misstrauen und Zweifel auslösen. Wir mögen dann bestimmte Bibelworte gar nicht mehr hören und fühlen uns mit der Zeit wie betrogen. Jeremia hat diese Situation durchlitten: «HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen .... aber nun bin ich zum Spott geworden und jedermann verlacht mich ... Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen7...». Auf der Achterbahn seiner Gefühle verflucht er sogar seinen Geburtstag8. Gottes Wort kommt in solchen Fällen bei uns nicht mehr an, weil sich unsere Erfahrung dagegen sträubt. 

 

Es kann sein, dass wir die Bibel nicht reden lassen.

Die Bibel schweigt, wenn wir sie nicht sagen lassen, was sie sagen will und in selbstgewählter Autonomie unsere eigenen Wege gehen, ohne Rücksicht auf Gottes Zuspruch und Anspruch. Das betont ja Amos im bereits erwähnten Ausblick: Es kann nach langem Ungehorsam Zeiten geben, in denen wir Gottes Wort nicht mehr finden. Auch die Bibel bleibt dann stumm, weil wir sie zum Schweigen gebracht haben. 

 

Wie leben, glauben und hoffen wir weiter, wenn die Bibel schweigt?

Zunächst befinden wir uns in «biblischer Gesellschaft», wenn wir die Bibel nicht mehr hören können und wir uns von Gott verlassen fühlen. Auch Jesus hat das ja am Kreuz durchgemacht. Das gehört zur Realität des wandernden Gottesvolkes in der Welt. Unser Glaube bleibt ein angefochtener Glaube. Aber die Bibel weiss, dass Gottes Schweigen in der Regel kein Dauerzustand ist. Deshalb dürfen wir kritisch nachfragen: Wenn die Bibel schweigt, schweigt dann auch Gott? Oder redet Gott auch dann, wenn uns die Bibel nicht erreicht? Ich bin überzeugt, dass eine schweigende Bibel Gott nicht zum Schweigen bringen kann. Er hält uns auch dann noch in seinen Händen, wenn uns sein Wort nicht anspricht, ja sogar ärgert und unter gewissen Umständen sogar verzweifeln lässt.

 

Was tun, wenn sich die Verheissung mit unserer Situation reibt?

Ich habe es mehrmals intensiv erlebt, wie sich Gottes Verheissungen mit der Realität meiner persönlichen Si-tuation und meines Umfeldes reiben können. Da konnte ich oft nicht mehr hören, und der Glaube war nur noch ein «glimmender Docht».

In diesen Zeiten lernte ich in den Psalmen das «Klagen vor Gott». Wenn Gott schweigt, dann bleibt nichts anderes übrig, als IHM das zu klagen: «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch Ruhe geben9.» So lädt Jesus ein! Gott liebt die Elenden mit
ihren zerbrochenen Herzen mehr als pseudostarke Fromme10. Deswegen weiss sich Jesus in erster Linie zu den «Kranken» gesandt und nicht zu denen, die sich für gesund halten.

 

Regelmässig lesen – trotz allem.

Ich versuchte jeweils, die regelmässige Bibellese nach Möglichkeit trotz allem weiter zu pflegen – gegen alle Gefühle und negativen Empfindungen. Vor Jahren musste ich nach einer Diskushernie in der Physiotherapie Bewegungen «gegen den Schmerz» zum Aufbau der Rückenmuskulatur machen. Die Aussicht auf Schmerzfreiheit hatte mich dazu motiviert. Auch der Rat, die Bibel trotz aller berechtigter Vorbehalte weiterzulesen, ist berechtigt. Denn eines Tages kann es passieren, dass die Bibel  für uns plötzlich wieder zu einem lebendigen Wort  wird. 

 

Gottes Reden auch jenseits der Bibel hören.

Das Senfkorn kleine Wort «Dennoch-Vertrauen» öffnet uns für den Gott, der nicht schweigt, auch wenn die Bibel schweigt. Denn wer weiterhin Heimweh nach Gott hat, der ist bereit für Gottes überraschendes Reden – auch jenseits der Bibel. Gott kann, wenn es die Umstände erfordern, auch andere Mittel der Kommunikation aktivieren. 

Dazu braucht er oft Menschen aus Kirche, Gemeinde, Hauskreis und Verein sowie Freunde oder Nachbarn, die uns plötzlich und unerwartet zum «Wort Gottes» werden, sei es per Brief, Telefon, SMS, Bemerkungen, Zuwendungen, Geschenk, Einladungen etc. Dietrich Bonhoeffer weist darauf hin, dass wir einander «Christus» sein dürfen11

 

Die Nachfolgepraxis überprüfen.

Die Selbstprüfung der Nachfolgepraxis und Lebensführung im Licht Gottes kann befreiend wirken. Deshalb betet David: «Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.» Wer böse Wege geht, verliert auf Dauer das innere Hörvermögen für «Gottes leise Stimme». Die Bibel will uns korrigieren und «gegen den Strich bürsten» (Paul Schütz). Wer sich das gefallen lässt, der wird (wieder) hören können.

 

Auf jeden Fall gilt: 

Wenn die Bibel schweigt, dann schweigt Gott noch lange nicht. Das ist unsere Chance! 

 

1 Ps 83 2 Ps 39,13; 35,22-23; 109,1

3 Ps 38,14-15 4 Ps 39,10

5 Jes 1,15 6 Am 8,11-12

7 Jer 20,7-9 8 Jer 20,14-18

9 Mt 11,28 10 Jes 57,15; 61,1; 66,2

11 in seinem Büchlein «Gemeinsames Leben»

 

Peter Henning, Pfr. Mag. Theol., ist Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar TDS in Aarau.

p.henning@STOP-SPAM.tdsaarau.ch

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