Bildende Kunst

Die Hölle auf Erden

Andreas Widmer Eine Modelllandschaft mit Hügeln und Bäumen auf einem Tisch in Hüfthöhe: auch im Kunstmuseum erwarte ich Erheiterung und Erinnerungen an kindliche Modellweltfreuden. Beim näheren Beobachten verflüchtigen sich jedoch solche Empfindungen sofort: Hier zeigt sich mir eine Hölle auf Erden.

 

Ich entdecke ein Heer von kleinen, präzise realistisch geformten und kolorierten 3-4 cm hohen Figürchen, die eine unvorstellbare Vielfalt von Gewaltakten vollziehen. Abgerissene Köpfe, alle möglichen Gliedmassen und Innereien liegen herum oder werden als bluttriefende Trophäen aufgespiesst um den Körper gewickelt, an Bäumen aufgehängt oder zu Bergen aufgetürmt. Mein Erschauern wird gesteigert durch die Entdeckung, dass viele der Figuren, obwohl sie wie normale Menschen aussehen, eigentlich Missgeburten sind – mit erschreckenden Vervielfachungen und Fehlplatzierungen von Körperteilen oder anderen Auswüchsen. Sie sind meist männlicher Statur, aber auch die Geschlechtsmerkmale sind nicht immer eindeutig platziert. Ein Teil der Figuren ist mit einer mehr oder weniger vollständigen
naziähnlichen Uniform bekleidet. Das blosse Andeuten verleiht der ganzen Darstellung einen überhistorischen Aspekt. Es sind aber nicht zwei oder mehrere Parteien identifizierbar, die sich bekämpfen. Die Gräuel werden an der eigenen Gruppe verübt.

 

Ein gnadenloses Werk

Das Werk geht an meine Substanz. Für einmal ist das Wort Abgrund wirklich angebracht. Eine Hoffnung, ein Lichtblick ist nirgendwo angedeutet. Es herrscht Gnadenlosigkeit. Da gibt es keine vertrauenserweckende Normalität.

Ein Modell verspricht Überblick. Man hat die Sache im Griff. Hier
ist alles geplant – als ein kleines, zwangsläufig verniedlichendes Abbild der eigenen Umgebung. Genau diese typischen Züge eines Modells wenden die britischen Künstler Jake und Dinos Chapman ins Monströse. 30’000 Figuren, in unzähligen, minutiös gestalteten grossen und kleinen Gewaltszenen angeordnet, ergeben eine überwältigende Wirkung. Das Modell der Grausamkeit wächst ins nicht mehr Fassbare, obwohl es aus praktischen Gründen in Teile zerlegt gezeigt wird. Es entzieht sich meinem Verstehen durch seine schiere Unüberblickbarkeit. Ein naturalistischer Gewaltfilm will zum Vornhe-rein überwältigen, und ich unterliege ihm bereitwillig. Chapmans verkleinerter Massstab gibt mir jedoch immer die Möglichkeit, mich zu distanzieren.

 

Eine menschliche Hölle

Die Hölle ist also von Menschen gemacht. Das machen die Chapmans deutlich.  Die Hölle ist keine Veranstaltung Gottes oder der Kirche. Auch das Kreuz erscheint irgendwo in einer Szene ihrer Modellwelt, mit einem verdorrten Gekreuzigten, umgeben von abgehackten und aufgespiessten Köpfen. Aber die Hölle erscheint hier unüberblickbar und bar jeder Hoffnung. Die Umkehrung der dem Modell spezifischen Kleinmassstäblichkeit ins Uferlose entspricht wohl am eindringlichsten dem Kategorienverlust, den ich am Grund der Hölle vermute. Hier wird eine realistische Beschreibung gezeigt. 

Natürlich wollen die Chapmans provozieren. Aber kann hinter dieser jahrelangen aufopfernden Arbeit an einer Modellwelt die schnelle provokative Geste vermutet werden, die so viele Künstler pflegen? Ich bin gezwungen, ihr Werk ernst zu nehmen. Hat ihnen diese Arbeit Lust bereitet? Eine ambivalente Lust, wie ich sie beim blossen Beschreiben ansatzweise auch empfinde? Erfreuen sie sich am unaufhörlichen Erfinden von Grausamkeiten? Trieben sie solche Empfindungen während des langen Entstehungsprozesses an? Das könnte ja durchaus mitspielen. Belastend bleibt auf jeden Fall das Wissen, dass es Menschen gibt, die sich derart ausführlich der Erfindung solcher Grausamkeiten und Verkrüppelungen hingeben.

Geben uns die Chapmans mit dem Modellformat vielleicht den Hinweis, dass wir im Grunde die Möglichkeit haben, uns von der Hölle zu distanzieren? Sie nehmen für sich in Anspruch, moralische Fragen anzusprechen, was heutzutage in der Kunstwelt nur selten geschieht. Wollen sie uns mit dem Modell des Schreckens kurieren oder warnen? Halten sie uns einen Spiegel vor? Versuchen sie, die Dämonen der Gewalt zu bannen? Oder muss die Darstellung der Hölle mit einem Hinweis auf Hoffnung verbunden bleiben?

 

Andreas Widmer ist freischaffender Künstler und Lehrer für Bildnerisches Gestalten. 

andreaswidmer@STOP-SPAM.gmx.ch 

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