Kirchen

Leben und gelesen werden

Peter Schmid  Ein Sonntagabend im Winter. Die Fabrikhalle wird über Treppen erreicht. Allein die Bühne ist beleuchtet. Die Worship-Band spielt ohne Theatralik, das Anspiel ist knapp. «Mis Härz gib i dir Herr», singen die Besucher. Miteinander beten sie für Anliegen, die der Moderator nennt. Weitere Songs. Zur Kollekte spielt die Band einen Rockklassiker. Der Input thematisiert das Wachstum im Glauben. «Die Angst ist: Gott, ich traue dir nicht zu, dass du mitkommst.» Der Pastor macht Mut, Blockaden zu überwinden. Das gediegene Magazin, das beim Ausgang aufliegt, stellt ihn näher vor. Er hat nach der Gründung des ICF Bern1 noch über ein Jahrzehnt als Berufsschullehrer gearbeitet. 

 

Wo ist die fetzige Show, die ICF-Gottesdienste – wenn man Medien glaubt – auszeichnet? Der Besuch im ICF der Bundesstadt widerlegt Klischees. Er macht deutlich: Es kommt auf die Brille an, mit der Kirchen wahrgenommen werden. 

 

Die Sicht von aussen

Der Apostel Paulus hat die christliche Gemeinde verglichen mit einem «Brief des Christus», der «von allen Menschen gelesen» wird2. Europäische Kirchen waren während Jahrhunderten privilegiert, mit der Staatsmacht liiert. Heute können sie nicht mehr bestimmen, wie sie gelesen werden (Alex Kurz). In der Öffentlichkeit konkurrieren verschiedene Lesarten, Urteile und Wahrnehmungen. 

Medien beeinflussen verstärkt das Image von Kirchen. Beim Beschreiben ihrer Events geben sie ihnen ein Etikett: langweilig, kopflastig, irrelevant – oder unaufgeklärt, vereinnahmend und fundamentalistisch. Aussensichten stellen das Selbstverständnis der christlichen Gemein-
schaften in Frage. Dabei gilt weiterhin: Lebendige Fische schwimmen gegen den Strom. Indirekt bestätigen freidenkerisch inspirierte Attacken die Vitalität des Christentums. 

 

Viele Lebenswelten, ein Evangelium

Studien gleichen Leselupen. Das Nationale Forschungsprogramm NFP 58 hat die religiöse Landschaft zwischen Bodensee und Lac Léman soziologisch vermessen. Nun wissen wir: Von den über 5700 religiösen Gemeinschaften im Land stellen die Freikirchen ein Viertel. Und: Mehr als doppelt so viele Freikirchler als Reformierte sind an Sonntagen im Gottesdienst! «Die Zukunft der Reformierten» von Jörg Stolz und Edmée Ballif (2010) zieht ein einfaches Fazit: Sie werden ärmer, älter und kleiner sein. Laut der Sinus-Milieu-Studie sind die Zürcher Reformierten in der Mehrheit der Lebenswelten nicht attraktiv präsent. Verantwortliche der Kirchen und die Basis sollten sich den Aussensichten stellen, ohne einzuknicken.

Wie liest die Öffentlichkeit Freikirchen? Wer auf der Website des Tages-Anzeigers den Suchbegriff Freikirchen eingibt, findet im Dutzend der jüngsten Artikel acht über den ICF. Dadurch verändert sich das Bild, das sich die Deutschschweizer von Freikirchen machen. Wachstum und Popelemente heben den ICF von der insgesamt unauffälligen Szene ab. Fürs Ganze steht die Bewegung nicht. Doch nach einer Recherche über den Kinderbetreuer, der sich auch in die Kinderarbeit einer ICF-Gemeinde eingeschlichen hatte (ohne Schaden anzurichten), legt die Zeitung dem Sektenexperten den Titel in den Mund: «Für Freikirchler können Freikirchler nicht pädophil sein.» 

 

Die Sicht der Bibel

Schweizer Christen werden vielfach anders wahrgenommen, als ihnen lieb ist. Das sollte sie irritieren. Doch lassen sie sich – fragt der US-Theologe Brian McLaren – auch noch von der Bibel lesen? Sie fordert noch ganz anders heraus. Christus hat sich für die Kirche hingegeben, um sie zu heiligen und rein zu machen durch das Wort3. Der Auferstandene erscheint dem Seher im Buch der Offenbarung mit Augen wie Feuerflammen. Wie keiner sonst durchschaut er allen Schein der sieben Gemeinden, er warnt, weist zurecht und ermutigt4. Im Ringen um ein realistisches Selbstbild zwischen Innen- und Aussensichten wird es darauf ankommen, dass wir uns vor allem seinen Augen aussetzen. 

 

1  ICF: International Christian Fellowship. ICF Bern im Internet: www.icf-bern.ch  

2  2 Kor 3,2

3  Eph 5,25f.

4  Offb 1-3

 

Peter Schmid ist Theologe und Redaktor beim Webportal Livenet.ch.

petrus@STOP-SPAM.livenet.ch 

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