Medien

Auf der Suche nach dem erfolgreichen Film

Fritz Imhof Das Internetportal jesus.ch hat mit einem kritischen Kommentar über die neue Migros-Marketingaktion «Animanca» einen unerwarteten Medienwirbel ausgelöst. Verblüffend war für die Redaktion, auf welch einem dünnen Fundament sensationelle Geschichten aufgebaut werden können. Ein Erfahrungsbericht aus dem Auge des Orkans.

 

Der Beitrag von jesus.ch/livenet.ch1 beleuchtete sachlich den esoterischen Hintergrund von Animanca. Dazu gab der Familienberater Beat Tanner Tipps, wie besorgte Eltern mit dem Thema in der Familie umgehen können.

Was dann folgte, ist ein Lehrstück zur Dynamik, die ein kritischer journalistischer Beitrag mit weltanschaulichen Aspekten in der heutigen Medienwelt auslösen kann. 

 

«Sturm von Freikirchen»

Zuerst griff die Verteilzeitung «20 Minuten» den Beitrag auf. Sie befragte die Redaktion von «Livenet» zu ihrer Haltung zur Migros-Kampagne und zur Esoterik. Die Redaktionsleitung von 20 Minuten wollte sich indessen nicht allein auf diese Meinung abstützen. Beim Nachfragen erfuhr sie, dass der Livenet-Redaktionsleiter2 auch ein Mandat als Informationsbeauftragter des Freikirchenverbandes innehat. Diese Information kombinierte «20 Minuten» dann zur plakativen Aussage: «Gläubige aus Freikirchen laufen Sturm gegen Amulette mit Tierzeichnungen ...». 

Das Thema verlagerte sich damit von der Kritik an einem Grossverteiler auf die Weltanschauung von Freikirchen. Dabei tauchte bei «20 Minuten» auch der Begriff «Schwarze Magie» auf – obwohl diese bisher kein Thema gewesen war, weder beim Artikel von jesus.ch noch beim Interview mit dem Redaktionsleiter. Die Redaktion hatte somit Reizworte eingebaut, auf welche die «20 Minuten»-Leser nun einprügeln konnten, – was sie dann auch reichlich taten. Um die 600 Reaktionen auf der Website der Zeitung bestätigten das vom redaktionellen Text vorgespurte Urteil über die «Freikirchen». Böse Mails von kirchen- und glaubenskritischen Menschen trafen auch bei der Livenet-Redaktion ein. 

 

Ein manipulativer Text wird kopiert

«20 Minuten» hatte den Takt vorgegeben. Nun folgte eine Stafette von weiteren Texten. Im «Tagesanzeiger online» schrieb Hugo Stamm von einem «frommen Angriff auf die Kinderaktion der Migros». «Le Matin» machte nochmals ein Interview mit «Livenet» und schrieb über den «Ärger der Evangelikalen» mit «Animanca». Es folgte die «Basler Zeitung online», die weitgehend den Text des «Tagesanzeigers» und der Zeitung «Der Bund» übernahm. Mit «Ticinolive.ch» gelangte derselbe Text ins Tessin. Nun begannen auch Blogger, auf den
fahrenden Zug aufzusteigen. Auch Viktor Giacobbo erwähnte die Story in der Satiresendung «Giacobbo-Müller» von SF1. Schliesslich nahm die Westschweizer «l’Illustrée» den Ball auf. Sie vergab den Kaktus der Woche an den Redaktionsleiter von «Livenet».

Bei all diesen Medien hatte die Kritik des Livenet-Redaktionsleiters keine Resonanz gefunden, dass die Migros mit «Animanca» eine Marketingaktion lanciert hat, welche Eltern unter den Druck der Kinder setzt. Die Eltern müssen an einem beliebigen Tag für eine Mindestsumme bei der Migros einkaufen, um an ein ganz bestimmtes Steinamulett heranzukommen. Frühere ähnliche Aktionen waren von Konsumentenorganisationen stark kritisiert worden. Diesmal stellten sich die Journalisten schützend vor die Migros.

 

Tabu Weltanschauung

Erstaunlich ist, wie leicht eine Stellungnahme mit weltanschaulicher Kritik an der Marketingaktion eines Grossverteilers zur undifferenzierten Freikirchen- und Evangelikalenschelte wird. Im vorliegenden Fall wurden die Freikirchler in Zuschriften und Blogs als jene gescholten, die auch gegen die Evolution, die Schwulen und die Abtreibung sind. Leute von gestern, die Intoleranten schlechthin. Fazit: Wer moderne Tabus berührt und weltanschauliche Kritik aus religiöser Sicht übt, muss sich warm anziehen.

Es gibt aber auch Positives in dieser Geschichte: Noch selten wurde ein
livenet/jesus.ch-Text so oft abgerufen wie die Animanca-Story, nämlich bei Redaktionsschluss 7500 mal. In der Westschweiz wurde der ursprüngliche Text original von «Christianisme aujourd’hui» übernommen – und löste damit Dankesmails an die Redaktion von «Livenet» aus. 

 

1 www.livenet.ch/themen/glaube/theologie_philosophie_religion/esoterik/207855-offen_fuer_das_geheimnisvolle_werden.html

2 … der mit dem Autor dieses Beitrags identisch ist.

 

Fritz Imhof  ist Co-Redaktor vom Magazin INSIST und Chefredaktor bei LIVENET.

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