Medizin

Sterben und Tod – unsere  Bestimmung 

Heinz Rüegger Medizin und Theologie haben ein eigenartig negatives Verhältnis zu dem entwickelt, was eigentlich das Natürlichste der Welt ist: die Tatsache, dass Menschen sterblich sind. Dank der «Palliative Care» hat diesbezüglich in letzter Zeit ein Umdenken in der Medizin eingesetzt. Christlicher Glaube ist herausgefordert, auch seinerseits ein neues, positiveres Verständnis der menschlichen Sterblichkeit zu entwickeln.

 

Unsere westliche Kultur hat ein weithin negatives Verhältnis zum Sterben und damit zur Endlichkeit des Menschen entwickelt. Das zeigt sich auch in der Medizin und in der Theologie.

 

Medizin als Kampf gegen das Sterben

Die westliche Schulmedizin bezieht ihre Motivation stark aus dem Kampf gegen den Tod. Der Mediziner Frank Nager spricht davon, dass sich die Medizin im 20. Jahrhundert zu einer «gigantischen Veranstaltung gegen Sterben und Tod» entwickelt habe und dass sie im Tod ihren letzten Feind, ihren Todfeind, sehe. «Vor allem in modernen Spitalzentren ist der Tod ein Scandalon. Krankenhäuser wollen nicht Sterbehäuser sein»– obwohl sie in einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft gerade das sind: spezialisierte Institutionen, die sich unter anderem hilfreich um Sterbende zu kümmern haben. 

Die moderne Medizin kann viel gegen das Sterben und zur Verlängerung des Lebens tun. So viel, dass inzwischen bereits der Ruf nach dem «Recht auf das eigene Sterben» ergeht, weil Menschen befürchten, dass sie die moderne Medizin nicht mehr sterben lässt, wenn es Zeit dafür wäre. Hier hat die Bewegung der «Palliative Care» in jüngster Zeit ein heilsames Umdenken gebracht: Von palliativer Medizin und Betreuung spricht man, wenn Kranke oder Sterbende nicht mehr mit dem Ziel der Heilung und Lebenserhaltung therapiert, sondern nur noch mit Massnahmen behandelt werden, die Schmerzen und andere belastende Symptome lindern. Für die «Pallia-tive Care» ist der Tod kein Feind, sondern etwas, das zum menschlichen Leben natürlicherweise dazugehört. Für die palliative Pflege gehört die Endlichkeit gerade zur Würde des Menschen, zu seiner von Gott gewollten wesensmässigen Bestimmung.

 

Die negative Bewertung des Todes im Christentum

Die grundsätzlich negative Bewertung des Todes in der Medizin gibt es auch in der offiziellen Lehre des Christentums, die – in seltener ökumenischer Übereinstimmung! – mit Paulus den Tod als Strafe für die Sünde Adams2, als Fluch und als «letzten Feind3» versteht. Demzufolge schuf Gott den Menschen unsterblich; der Tod kam erst im Nachhinein in die Menschheitsgeschichte. Wer so glaubt, wird kein positives Verhältnis zur menschlichen Endlichkeit und Sterblichkeit gewinnen, wird dem Tod nicht vertrauensvoll und mit einem tiefen Ja entgegen gehen können. Denn eigentlich sollte er ja nicht sein, ist er etwas Wider-natürliches, «das schlechthin Nichtseinsollende»4.Das ist aber nicht das Einzige, was über den Tod aus biblischer Sicht gesagt werden kann.

Wie die Medizin daran ist, dank der «Palliative Care-Bewegung» ein positiveres Verhältnis zum Sterben zu gewinnen, stünde es auch dem christlichen Glauben gut an, im Rückgriff auf andere biblische Interpretationen des Todes ein neues, bejahendes Verhältnis zur eigenen Sterblichkeit zu entwickeln. Zu erinnern wäre etwa daran, dass der Mensch in der hebräischen Bibel «adam» heisst, wörtlich: Erdling, weil er aus der vergänglichen Ackererde5 stammt. Was aus dem Staub der Erde geschaffen ist, ist naturhaft dazu bestimmt, wieder zu Erdenstaub zu werden6. Und nach Jesus Sirach 41,3f. sind alle Menschen von Anfang an von Gott dazu bestimmt, einmal zu sterben. Nicht als Strafe, nicht als Fluch, sondern weil es ihrem gottgegebenen Wesen so entspricht.

Mit dem amerikanischen Medizin-ethiker Daniel Callahan sehe ich eine zentrale Aufgabe von Medizin und Theologie darin, «unsere Sterblichkeit wieder anzunehmen, ihr mit unserem Leben wieder einen Sinnzusammenhang zu geben»7. Ein solch be-jahendes Verständnis des Todes im Sinne der «Palliative Care» wäre in Medizin und Theologie lebensdienlicher und würde es leichter machen, angstfreier dem eigenen Sterben entgegenzugehen.

 

1 F. Nager (1998), Gesundheit, Krankheit, 

Heilung, Tod. Luzern (3. Aufl.), S. 61f.

2 Röm 6,23

3 1 Kor 15,26

4 O. Weber (1983), Grundlagen der Dogmatik. Erster Band. Neukirchen-Vluyn (6. Aufl.), S. 694

5 hebr. «adamah»!

6 1 Mose 2,7 + 3,19

7 D. Callahan (1998), Nachdenken über den Tod. München, S. 150f.


Dr. theol. Heinz Rüegger MAE ist Theologe, Ethiker und Gerontologe. Er ist Mitarbeiter am Institut Neumünster, einer Institution der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule, und Seelsorger in einem Pflegeheim.

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