Naturwissenschaften

Naturwissenschaften liefern keine Beweise

Konrad Zehnder Die Naturwissenschaften liefern keine Beweise, insbesondere auch keine Gottesbeweise. Sie können weder sagen, ob Gott existiert noch ob er nicht existiert. In der Naturwissenschaft heisst das geflügelte Wort: «Absence of evidence is not evidence of absence» – das Fehlen von Beweisen ist kein Beweis für Abwesenheit.

 

Diese Binsenwahrheit gilt nicht nur für die Gottesfrage. Sie lässt sich auf alles anwenden, was vermutet, aber nicht zureichend bewiesen werden kann. Was als «zureichend» akzeptiert wird, kann dabei je nach Situation und Ansprüchen enger oder weiter gefasst sein.

 

Streitpunkt Klimaerwärmung

Ein aktuelles Beispiel eines wissenschaftlichen Meinungsstreites ist die Klimaerwärmung. Die grosse Mehrheit der Fachleute ist sich einig: Der im Vergleich zur bekannten Klimageschichte äusserst rasante globale Temperaturanstieg von fast einem Grad Celsius in ca. 100 Jahren – verbunden mit dem Anstieg der Treib-hausgase – ist hauptsächlich durch die anthropogene1 Verbrennung fossiler Brennstoffe verursacht worden. Diese Ansicht bleibt aber eine
sehr wahrscheinliche Hypothese. Das ganze Geschehen ist viel zu komplex, und es gibt noch zu viele unbekannte Einflussfaktoren, um den Zusammenhang zweifelsfrei belegen zu können. So kann es sich eine kleine Minderheit von Experten leisten, das Gegenteil zu behaupten. 

Dies tut etwa Fritz Vahrenholt in seinem Buch «Die kalte Sonne: Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet.» Für die Klimaerwärmung ist
gemäss seiner Ansicht nicht der
CO2-Ausstoss verantwortlich, sondern die Sonnenaktivität. Das fordert die Politik und Gesellschaft heraus. Sie müssen aufgrund starker Indizien handeln und können nicht warten, bis alle Zweifel ausgeräumt sind. Wenn schon manche brennende Frage innerhalb der Wissenschaft nur unbefriedigend beantwortet werden kann, trifft dies umso mehr auf Fragen ausserhalb der wissenschaftlichen Disziplinen zu. 

 

Hinweise entdecken und deuten

Eine der ältesten unbeweisbaren Fragen ist jene nach der Existenz Gottes und dem Ursprung der Welt. Obwohl ich weiss, dass grosse Philosophen, Theologen und einflussreiche Naturwissenschaftler sehr viel darüber nachgedacht und Bedeutendes darüber geschrieben haben, beschäftigt diese Frage auch mich existenziell. Innerhalb der Philosophie wurden von Immanuel Kant und anderen Grenzen der Erkenntnis postuliert. Dass diese Grenzen auch für alle wissenschaftliche Erkenntnis gelten, ist heute den meisten Naturwissenschaftlern klar. Wer mit wissenschaftlichen Methoden nach direkten oder indirekten Gottesbeweisen sucht, kann als Wissenschaftler nicht ernst genommen werden. 

Wenn wir uns einmal dieses unnötigen Anspruches, Beweise zu liefern, entledigt haben, können wir gerade auch als Naturwissenschaftler nur darüber staunen, wie die Natur voller Hinweise auf Gott ist. Solche Hinweise müssen wir nicht erst in den grossen Rätseln suchen, die Forschende noch haben oder am Entdecken sind2. Gott verbirgt sich nicht in Rätseln, welche die Naturwissenschaft nicht lösen kann – auch wenn der Vorrat an solchen Rätseln unerschöpflich gross ist. Alle diese Rätsel, und selbst ihre unvermeidlich vorläufigen Lösungen, sind glühende Hinweise auf ihn. Der Schöpfer lässt sich aber nicht entdecken wie ein neues Elementarteilchen. Die Experimente mit dem grossen Teilchenbeschleuniger in Genf, die Erforschung des Weltraums oder die auf Hochtouren laufende Forschung am genetischen Code der Lebewesen gehen an die Grenzen der Machbarkeit wissenschaftlicher Forschung. Sie werden naturwissenschaftliche Antworten auf naturwissenschaftliche Fragen geben, zugleich aber mehr neue Fragen aufwerfen als sie lösen können. 

Gott lässt uns die Freiheit, seine Hinweise, die er so zahllos wie Sand am Meer in die ganze Schöpfung gestreut hat, zu sehen und zu deuten. Keine Erkenntnis oder äussere Gewissheit führt uns aus dieser Entscheidungsfreiheit heraus oder um sie herum. Nein, Gott verbirgt sich nicht in seiner Schöpfung, sondern er offenbart sich uns in ihr. Offenbarung ist persönliche Begegnung. Gott kann uns in seiner Schöpfung nahe kommen, er lässt uns in ihr seine Gedanken erahnen – aber nicht beweisen. «Gott ist nicht verfügbar», sagen dazu Philosophen und Theologen. Erst als Glaubende können wir glauben, dass die Schöpfung allein durch Gottes Wort entstanden ist3.

 

1 durch den Menschen verursacht

2 Ein berühmtes Beispiel ist die Frage: Wie ist Leben entstanden? Wie konnte sich aus einer
organischen Verbindung – der sogenannten Nukleinsäure – ein Molekül bilden, das die atomare Struktur einer spiralförmig verdrehten Leiter hat, das aus Millionen bis Milliarden von «Sprossen» besteht, in denen der genetische Bauplan des Lebewesens gespeichert ist, und das sich selbst reproduzieren kann? – Ein weiteres
berühmtes Beispiel ist die Frage: Woraus besteht das Universum? Die Bewegungen der Sterne und Galaxien weisen darauf hin, dass neben der sichtbaren Materie eine noch viel grössere «Dunkle Materie» oder «Dunkle Energie» 

existieren muss.

3 Hebr 11,3


Konrad Zehnder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Schweizerischen Geo- technischen Kommission der ETH Zürich. 

konrad.zehnder@STOP-SPAM.erdw.ethz.ch 

www.sgtk.ch/kzehnder 

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