Philosophie

So sagte Pythagoras ...

Sara Stöcklin Wer sich an einer Diskussion beteiligt, bedient sich mal besserer, mal schlechterer Argumente. Die Philosophie, die Begründungen gerne hinterfragt, benennt verschiedene Typen solcher Argumente. Das «Rutschbahn-Argument» etwa, das in dieser Kolumne schon einmal thematisiert wurde1, stellt eine Handlungsweise als «Dammbruch» für eine unerwünschte Entwicklung dar. Mindestens so alt und ebenso beliebt ist das Argument, das den schönen lateinischen Namen «ad verecundiam» trägt. 

 

Dieser «Beweis durch Ehrfurcht» will die Richtigkeit einer Aussage durch die Berufung auf eine Autorität beweisen. Statt eine sachliche Begründung vorzubringen, beruft sich der Disputant auf fremdes Expertenwissen – etwa auf eine sachverständige Person, eine Website, «die Regierung» oder eine wissenschaftliche Studie. Gute Erfolgschancen hat seine Argumentation, wenn die Zuhörerschaft die genannte Autorität für genauso glaubwürdig hält wie er selbst.  

 

Sich auf eine Autorität berufen

Schon in der Philosophie der Antike wurde das Autoritätsargument ebenso häufig vorgebracht wie in Frage gestellt. Platon oder Pythagoras erreichten zuweilen einen beinahe göttlichen Status – wer sich glaubhaft auf ihre Worte berufen konnte, musste keine oder wenig weitere Überzeugungsarbeit leisten. 

Entsprechend selbstsicher reagierte der charismatische Kirchenvater Gregor von Nazianz († 390) auf den Vorwurf seitens der Philosophen, eine Argumentation aufgrund der
Bibel sei nicht stichhaltig. «Auch wenn ihr nicht aufhört, euch darüber lustig zu machen und es zu verhöhnen», so Gregor, Christen würden sich aus demselben Grund auf den Glauben an das Schriftzeugnis berufen wie die Philosophen auf Pythagoras. Es liege in der gemeinsamen Überzeugung, «dass wir den Worten der göttlich
inspirierten Männer nicht misstrauen sollen, sondern dass ihre Glaubwürdigkeit Beweis ihrer Lehre ist – ein stärkerer Beweis als alle gewaltigen Reden und Gegenreden2». Gregor gibt offen zu, dass er «Autoritätsargumente» ins Feld führt. Gleichzeitig tritt er dafür ein, dass solche Argumente durchaus legitim sind. Wenn die Verlässlichkeit einer Autorität gewährleistet ist, widerspricht es nicht der Vernunft, ihren Äusserungen vorbehaltlos zu vertrauen. Im Gegenteil – es ist naheliegend und sinnvoll. Weil Gregor die biblischen Autoren für göttlich inspiriert hält, Gott selbst gleichsam
«Garant» ihrer Worte ist, hält er
ihr Zeugnis für zuverlässiger als «alle gewaltigen Reden und Gegen-reden».

Ein Fünfjähriger argumentiert völlig rational, wenn er seiner kleinen Schwester davon abrät, den Teppich anzuzünden, einzig und allein «weil Papa es verboten hat» – genauso rational handelt die Schwester, wenn sie der Empfehlung ihres Bruders Folge leistet. Die gemeinsame Anerkennung einer Autorität und das Wissen um ihre Zuverlässigkeit genügen, um ein Familienmitglied zu überzeugen. 

 

Überzeugungsarbeit

Auch Christen, die sich über die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift einig sind, dürfen einander «ad verecundiam» überzeugen und «ad verecundiam» überzeugt werden. Das ist kein «blinder Glaube», sondern sinnvolles Vertrauen in eine gemeinsame Autorität. 

Gleichzeitig müssen sich Christen darüber im Klaren sein, dass ein «argumentum ad verecundiam» nur innerhalb einer Gruppierung funktioniert, die dieselbe Autorität als zuverlässig anerkennt. Ausserhalb einer solchen Gruppierung ist diese Argumentation weder legitim, sinnvoll, noch zielführend. 

Wenn christliche Politikerinnen und Politiker die Gesellschaft von biblischen Werten überzeugen wollen, sind sie herausgefordert, solche Werte für alle nachvollziehbar zu begründen. Dies erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit Sachverhalten und Argumenten –  eine Auseinandersetzung, die sich lohnt.  Denn wenn sich die Zuverlässigkeit der biblischen Autorität darin bestätigt, wird bei Christen wie auch bei anders Glaubenden das Vertrauen in diese Autorität gestärkt.

 

1 Magazin INSIST 2/11

2 Gregor von Nazianz, Orationes theologicae 4,102 


Sara Stöcklin-Kaldewey hat Philosophie und Theologie studiert und ist Doktorandin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Uni Basel.

sarastoecklin@STOP-SPAM.gmx.ch  

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