Bibel

Glauben ist nicht machbar

Felix Ruther «Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.» So übersetzte Luther Jesaja 7,9. Die Übersetzung «Hoffnung für alle» schreibt: «Wenn euch der Glaube an mich nicht hält, dann hält euch gar nichts mehr!» Man könnte auch übersetzen: «Wenn ihr euch nicht (an Jahwe) festhaltet, dann werdet ihr keinen Halt haben.» Offensichtlich ist es entscheidend, wo und wie der Glaube verwurzelt ist. 

 

Die eine Wortwurzel, hier in «festhalten» und «Halt», umfasst eine Vielfalt von Bedeutungen: Wahrheit, Festigkeit, fester Grund, aber auch Treue, trauen, sich anvertrauen, sich auf etwas stellen, oder eben: an etwas glauben. Gerade die Differenziertheit dieser verschiedenen Bedeutungen macht die Grossartigkeit dieses Satzes aus. Der Glaube erscheint somit als ein Festhalten an Gott, durch das der Mensch festen Halt für sein Leben gewinnt. 

 

Alle glauben

Das heisst aber, dass der Glaube auf der Ebene des Wissens, das wir selber erwerben können, weder vorkommt noch überhaupt darin gefunden werden kann. Und es bedeutet weiter, dass jeder Versuch, den Glauben auf dieser Wissensebene beweisen zu wollen, notwendig scheitern muss. Er ist im Gefüge dieser Art des Wissens nicht anzutreffen. Wer ihn somit innerhalb dieser Form des Wissens zu widerlegen sucht, der hat nicht verstanden, was Glaube ist.

Es gibt zwei Grundformen des menschlichen Verhaltens der Wirklichkeit gegenüber, wobei die eine nicht auf die andere zurückzuführen ist, weil sich beide auf ganz verschiedenen Ebenen abspielen. Beide Denkweisen sind legitim und notwendig: sowohl das rechnende1 Denken, das der Machbarkeit zugeordnet ist, wie auch das besinnliche Denken, das über den Sinn nachdenkt. 

Glauben im Sinne von «Auf etwas Stehen», «Halt finden» ist nicht eine unfertige Form des Wissens, ein Meinen, das man in machbares Wissen umsetzen könnte und sollte. Der Glaube muss daher dem Bereich der Weltanschauung zugeordnet werden. Da jeder Mensch in irgendeiner Form zur Wirklichkeit Stellung beziehen muss, und da kein Mensch das anders als in der Weise eines Glaubens tun kann, muss jeder Mensch auf seine Art glauben.

 

Boden finden

Allgemein ist also der Glaube die nicht auf Wissen reduzierbare Form des Standfassens im Ganzen der Wirklichkeit, also eine Sinnfindung. Und ohne diesen Ort eines Sinnes, der ihn trägt, kann der Mensch gar nicht handeln. Ohne Sinn kommt der Mensch in die Situation des Nicht-mehr-leben-Könnens, selbst wenn irdischer Komfort im Überfluss vorhanden ist. Sinn kann aber nicht aus Wissen abgeleitet werden. Ihn aus dem Beweiswissen der Machbarkeit herstellen zu wollen, entspräche dem absurden Versuch Münchhausens, sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen zu wollen. Aus dem Sumpf der Ungewissheit zieht sich niemand selber heraus. Sinn, und damit der Boden, auf dem unsere Existenz als Ganzes stehen und leben kann, kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden. So viel kann in einer allgemeinen Analyse der Grundhaltung des Glaubens gesagt werden. 

 

Christlich glauben

Christlich glauben bedeutet nun, sich dem Gott der Bibel anzuvertrauen. In jenem Gott festen Grund und Sinn zu finden, der uns sein liebendes Angesicht in Jesus gezeigt und uns durch ihn zum Voraus angesprochen hat. Somit ist der Glaube die Antwort unserer ganzen Existenz auf das Wort, das alle Dinge trägt und hält. Damit geht im Glauben das Empfangen dem Machen immer voran. Insofern ist der christliche Glaube ein Affront gegen die methodische Grundeinstellung der Naturwissenschaften, die oft vorschnell aufs Ganze unseres Wirklichkeitsbezuges ausgedehnt wird. Als «Techne » fordern uns die Naturwissenschaften auf, uns auf das Machbare zu verlassen und davon den Boden zu erhoffen, der uns trägt. Das Primat des Empfangens vor dem Machen läuft dieser gesellschaftlichen Strömung zuwider. 

Das ist wohl auch ein Grund, warum uns der Glaube, das Sich-Anvertrauen an das Nichtmachbare – an Gott selber, heute so schwer fällt. 

 

1 Martin Heidegger spricht vom rechnenden Denken und vom besinnlichen Denken.


Felix Ruther ist Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST

felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch 

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