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Das religiöse Jahrhundert

Hanspeter Schmutz Statt eines Rückgangs erleben wir in letzter Zeit ein überraschendes Aufblühen religiöser Gesinnungen. Vielleicht kann man nach dem «atheistischen» Jahrhundert mit zwei grossen Weltkriegen tatsächlich von einem religiösen Jahrhundert sprechen. Ob dies ein Grund zur Sorge oder zur Freude ist, entscheidet sich an der Gestalt dieser Religion.

 

Das Jahrhundert Gottes ist angebrochen. Das sagt zumindest Monica Toft1. Sie lehrt in Harvard und Oxford Politik und vertritt ihre These im Buch «God’s Century». Die Religion sei zwar in Europa zumindest in akademischen Kreisen fast verschwunden, das gelte aber nicht für den Rest der Welt. Toft ist sich bewusst, dass Religion Staaten auch auseinanderreissen kann. Man denke z.B. nur an Nigeria. «Auf der anderen Seite hat Religion positiven Einfluss: Sie übt Druck auf autoritäre Regime aus, und sie stiftet Frieden. Religiöse Gruppen zählen zu den wichtigsten Mediatoren in Konflikten.»

Zweifellos kann Religion solche Auswirkungen haben, v.a. bei Menschen mit einer christlichen Weltanschauung. Bekanntlich gilt dies aber bedeutend weniger für den Islam. Es ist also entscheidend, wie Religion gelehrt und gelebt wird. Von daher ist der Aussage des deutschen Publizisten Peter Hahne zuzustimmen, der anlässlich des diesjährigen Pfingstfestes in Bobengrün betonte: «Wir haben nicht zu viel Islam in Deutschland, sondern zu wenig Christentum.» In diesem Sinn und Geist darf das «Jahrhundert Gottes» durchaus kommen.

 

Bei den kommenden US-Präsidentschaftswahlen werden die Christen Weichen stellen, zählen sie doch zur weltanschaulich stärksten Gruppe. Dem gegenwärtigen Präsidenten Barack Obama lässt sich das Christsein kaum absprechen, auch wenn man ihm nicht in allem folgen kann. Als Mormone gehört auch sein Gegenkandidat Mitt Romney zum christlichen Umfeld, wenn auch zu einer christlichen Sondergruppe. Die beiden Politiker repräsentieren aber recht unterschiedliche Konzepte. Wem werden die evangelikalen Christen ihre Stimme geben? Jene, die der «Tea Party» nahestehen, wollen den Staat und seinen Einfluss so stark verkleinern, dass er in der Badewanne ersäuft werden kann. Die gegenwärtige Blockadepolitik der Republikaner weckt die Befürchtung, dass die Drohung ernst gemeint sein könnte. Anders Obama. Er setzt sich für eine gerechtere Gesundheitsversorgung und – etwas zögerlich – auch für eine neue Energiepolitik ein. Das Gesundheitswesen ist heute dermassen asozial, dass bei Krankheit immer mehr Menschen in Not geraten. Der Öl-Rausch hat die USA in mindestens zwei – (auch) auf Lügen basierende – Kriege und in eine enge «Freundschaft» mit dem grössten Öl-Produzenten der Welt – Saudi-Arabien – geführt. Hier müssten eigentlich die Evangelikalen im Zeichen der Barmherzigkeit sowie ihrer engen Beziehung zum Schöpfer und zu seiner Schöpfung Gegensteuer geben, auch wenn dies die Laune der Tea Party verderben könnte. 

Tatsächlich scheint in den USA unter den Evangelikalen ein Umdenken stattzufinden. Das hört man etwa aus den Predigten der evangelikalen Mustergemeinde Willow Creek in Chicago heraus. Oder man liest es im Buch von Marcia Pally über die «neuen Evangelikalen». Sie haben sich von der religiösen Rechten distanziert und einen «antimilitaristischen und antikonsumistischen» Kurs eingeschlagen. «Der wöchentliche Kirchgang korreliert mit der Ablehnung von Abtreibung und Homosexuellenehe, seit 2006 jedoch korreliert er auch mit Umweltschutz, Armutsbekämpfung und der Überzeugung, dass die Diplomatie der militärischen Stärke bei der Sicherung des Friedens überlegen ist2.» Laut Pally machen die «neuen Evangelikalen» etwa 20 bis 25 Prozent der US-Bevölkerung aus. Auch sie sind staatskritisch, dies aber mit Herz. 

Gegen Schluss des Buches stellt die Autorin dieses Umdenken in einen grösseren Zusammenhang: «Die amerikanischen New Evangelicals sind nicht ‚neu’, sondern kehren zurück zur politischen Vision und zum sozialen Engagement, das Evangelikale seit dem siebzehnten Jahrhundert bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert ausgezeichnet hat3

Werden die «neuen Evangelikalen» die kommenden Präsidentschaftswahlen entscheiden? Zumindest könnten sie mithelfen, dass der evangelikale Glaube nicht länger nur mit der Tea Party in Verbindung gebracht wird. Unter diesen neuen Vorzeichen könnte man sich vielleicht sogar ein «Jahrhundert Gottes» wünschen.

 

1  Livenet News vom 6.6.12

2 Marcia Pally in «Welt Online» vom 19.10.10

3  Marcia Pally in «Die neuen Evangelikalen in den USA», S. 300

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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