Theologie

Der Zorn des Allmächtigen

Paul Kleiner  Kann Gott wütend werden? Der Theologe Paul Kleiner geht dieser Frage in der Variante des «göttlichen Zorns» nach. Dieser mag mit der menschlichen Wut verwandt sein, unterscheidet sich aber doch in vielem von unsern menschlichen Gefühlsausbrüchen.

 

 1. Der zornige Jesus

Das Jesus-Bild vieler Menschen hat wenig mit Zorn zu tun. Der Schmerzensmann am Kreuz leidet. Der Jesus mit den langen wallenden Haaren heilt und predigt. Er verkündigt und verkörpert den liebenden Vater. Er wendet sich barmherzig den Bedürftigen und Verachteten zu. Er liebt seine Feinde.

Daneben gibt es aber auch einige irritierende Abschnitte. Ausdrücklich wird in den Evangelien zwei Mal von Jesu Zorn berichtet, in beiden Fällen verbunden mit Trauer:

  • Angesichts eines Kranken in der Synagoge beobachten die Menschen, ob Jesus am Sabbat heilen wird. Sie erwarten und hoffen, mit einer solchen Gesetzesübertretung – eine Heilung wurde als ärztliche Arbeit betrachtet und Arbeiten war am Sabbat untersagt – eine solide Anklage gegen Jesus in der Hand zu haben. Er aber fordert sie heraus: Soll man am Sabbat Gutes oder Böses tun, Leben erhalten oder töten? Da schweigen sie – und das macht Jesus wütend und traurig zugleich1.
  • Am Grab von Lazarus ist Jesus auch zornig und traurig2: Weil der Tod sich seines Freundes bemächtigt hat; weil die trauernde Menge diese Todesmacht als endgültig akzeptiert; weil einige Anwesende ihm begrenzte Liebe vorwerfen und ihm lediglich begrenzte Macht zutrauen.

Weitere Erzählungen geben noch mehr Tiefenschärfe für den Zorn Jesu, auch ohne diesen Begriff direkt zu verwenden:

  • Ein besessener Mann beschwört Jesus, er solle ihn nicht quälen3. Ein quälender Jesus scheint nicht zu seiner Feindesliebe zu passen. Trotzdem mutet dies Jesus seinem Gegenüber zu, indem er dem unsauberen Geist auszufahren gebietet4. Und gerade im Quälen erweist sich Gottes Barmherzigkeit an diesem Menschen5!
  • Als Jesus vom Berg der Verklärung herunterkommt, trifft er seine Jünger im Streit mit Schriftgelehrten. Anlass dafür ist, dass seine Nachfolger einen stummen Knaben nicht heilen können. Da rastet Jesus aus: «Du ungläubiges Geschlecht! Wie lang muss ich bei euch sein und euch ertragen6?» Der Unglaube seiner Jünger bringt Jesus in Rage.
  • Die Szene der so genannten Tempelreinigung erzählt nur Jesu Taten und Worte; seine Emotionen werden nicht ausdrücklich genannt. Aber es ist naheliegend, dass der physische und verbale Widerstand von Jesus auch mit Zorn und Unwillen verbunden ist: gegen die Unterminierung der Gottesbeziehung durch Effizienz und Habgier sowie gegen den Ausschluss der Nicht-Juden (und der Frauen) vom Gebet7.

Jesus erzählt nicht nur Geschichten von Gott als einem liebenden Vater8, sondern auch vom barmherzigen und zornigen Herrn: Einer erlässt in unendlicher Grosszügigkeit seinem Angestellten eine riesengrosse Schuld – und wird zornig, als er erfährt, dass dieser einen kleinen Geldbetrag bei einem Mitangestellten ohne Erbarmen eintreibt9. Ein anderer Herr wird zornig, weil eingeladene Gäste nicht zur Hochzeit seines Sohnes kommen wollen10. Beide Geschichten enden mit schweren Sanktionen für die Betroffenen, sei es lebenslange Haft oder Tod.

Jesus Christus ist gemäss neutestamentlichem Zeugnis das Bild des unsichtbaren Gottes11. Er stellt nicht ein affektloses Bild dar, wie es von den alten Griechen her in die christliche Theologie eingedrungen ist: ein Gott ohne Gefühle, unbefleckt von den angeblich damit verbundenen Unvollkommenheiten. Ebenso wenig zeichnet das Neue Testament einen zahmen Jesus oder einen lieben Gott, welche im Gegensatz zum rachsüchtigen Gott des Alten Testaments stehen. Barmherzigkeit gegenüber Sündern ist nicht zu haben ohne Widerspruch gegen die Hartherzigkeit der Frommen. Die Heilungen von Krankheit sind Kampfhandlungen gegen Todesmächte. Das Heil des Reiches Gottes überwindet das Böse, das Gott entgegensteht. Zur Versöhnung mit dem Vater und zur Teilhabe am Festmahl gehören neue Kleider. Gemeinschaft mit Jesus richtet die gegenseitigen Vorurteile und Vorbehalte von Zöllnern und Zeloten, von Kollaborateuren mit und Terroristen gegen die Besatzungsmacht.

 

2. Gottes Zorn

Gottes Zorn ist breit bezeugt in der Bibel: über 200 Mal im Alten Testament mit sieben verschiedenen hebräischen Wortgruppen und über 40 Mal im Neuen Testament mit zwei verschiedenen griechischen Wortgruppen.

In den allermeisten Fällen ist Gottes Zorn seine dem Bösen zugewandte Seite. Gottes Zorn ist der Widerstand gegen alles Lebensfeindliche und Lebensmindernde. Er ist verbunden mit Gottes Eifer, das Gute durchzusetzen gegen allen Widerstand. Gott will und wird Gerechtigkeit und Frieden erhalten und aufrichten. Von der ersten bis zur letzten Seite der Bibel geht es um dieses «Projekt» Gottes: Leben zu schaffen, einen Kosmos als gerechte und friedliche Ordnung des Zusammenlebens zu kreieren. Dieser Schöpfung Gottes stehen von Beginn weg Chaosmächte entgegen. Die ganze biblische Geschichte erzählt von der Rebellion gegen Gott, vor allem aber von Gottes heilvollem mächtigen Handeln: Mit Leidenschaft und Ausdauer richtet er sein herrliches Reich auf und richtet alles Gott-Widrige, wobei in der bildhaften Rede des Gerichts alles Verbogene zurechtgebogen wird bzw. das Feuer alles läutert und das Unreine verbrennt.

Die Bibel bezeugt Gottes Zorn als innerweltliches Geschehen12 und als eschatologisches Endgericht13. Er trifft einzelne Menschen14 und ganze Völker15. Er gehört zur gegenwärtigen vergänglichen Welt: Psalm 90,9-12 verbindet die allgemeine Sterblichkeit des Menschen damit, und Paulus sieht die gesamte Menschheit unter Gottes Zorn16. Dieser richtet sich gegen alle Menschen17, insbesondere gegen das bundesbrüchige Volk Gottes18.

Schon im Alten Testament herrscht eine deutliche Asymmetrie zwischen Zorn und Erbarmen Gottes: «Sein Zorn währt einen Augenblick und lebenslang seine Gnade19.» Diese Asymmetrie ist in Gottes Wesen verankert: «Ich bin Gott und nicht ein Mensch20!» Darin unterscheidet sich Gottes Zorn grundlegend vom menschlichen Zorn, der immer wieder gefangen ist im Kreislauf des Bösen, von Gewalt und Gegengewalt, von Hass und Rache. Gottes Zorn hingegen beendet als «heilsames Brennen seiner Liebe» (Karl Barth) diesen Kreislauf, tötet den Tod und schafft dem Leben Raum.

Im Römerbrief wird der innere Zusammenhang zwischen Zorn und Gnade deutlicher. Paulus entfaltet ein Drama mit der gesamtbiblischen Szenerie: Gott ist gerecht, gut und herrlich; er stösst aber auf Ungerechtigkeit und Unwahrheit. Was geschieht? Gott lässt sich diese Lüge und Gottlosigkeit nicht gefallen, sondern wendet sich dem Bösen in zweifacher Weise zu: Zuerst ist von jeher sein «Zorn vom Himmel offenbart über alles gottlose Wesen der Menschen21». Dann ist seine Gerechtigkeit aus Gnade durch Jesus Christus offenbart22, der auf dieser Erde am Kreuz starb und dann auferstand. Am Kreuz von Jesus zürnt Gott der Sünde, besiegt den Tod, setzt der Feindschaft ein Ende und versöhnt den rebellischen Menschen mit sich selbst.

Das Kreuz Christi wird zwar nicht ausdrücklich mit dem Begriff des Zornes Gottes verbunden, aber es ist ganz klar als Gerichtsgeschehen beschrieben23: Das Kreuz Christi ist Gottes Hinwendung zum Bösen und zwar als Zorn und Widerstand, eben als Gericht gegen alles Gott-Widrige. Jesus lebt dieses radikale «Nein» Gottes gegen die menschliche Gottlosigkeit, und das kulminiert in seinem Tod am Kreuz. Jesus akzeptiert sie nicht, die menschliche Ablehnung des barmherzig-vollkommenen Gottes, der seine Sonne über Gute und Böse scheinen lässt24. Ebenso wenig wie die menschliche Ablehnung des grosszügig-vergebenden Gottes, bei dem rebellische Söhne, Prostituierte, unreine Nicht-Juden und habgierige Kollaborateure am Tisch Platz haben. Das führt ihn ans Kreuz. Jesus stirbt lieber durch die Hand der Sünder, als dass er ohne sie leben will. Gott gibt Jesus dahin, formuliert Paulus25. Dieser Tod am Kreuz ist eben auch Gottes Tat: Sein Erbarmen ist so gestaltet, dass es seinen Zorn umfasst und dass Gott in Jesus Christus die volle Härte des Bösen selber trägt, erträgt, wegträgt. Weil dieser Tod eben auch Gottes Tat ist, darum ist er heilsam und heilvoll: Er bedeutet die Erlösung zum Leben, die Befreiung vom Lebensfeindlichen, der Durchbruch der Herrschaft Gottes in Gerechtigkeit und Frieden. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt, der uns vom zukünftigen Zorn Gottes errettet26.

 

3. Dem zornigen Gott vertrauen

Die Bibel offenbart einen zornigen Gott, der mit uns Menschen leben will. Wollen wir das? Wie können wir ihm vertrauen?

Denkerisch stossen wir an nicht lösbare Probleme: Gott ist einerseits gut und andererseits ist er der Schöpfer eines Universums, in dem Böses geschieht. Dies führt zu seltenen Spitzensätzen in der Bibel wie «Ich gebe Frieden und schaffe Unheil27» oder «Böses und Gutes kommt aus dem Mund des Allerhöchsten28». Auch wenn die meisten Zornesäusserungen Gottes in der Bibel als Widerspruch gegen die Sünde verstanden werden – es gibt auch unverständlichen Zorn Gottes: Böses als sein Befehl. In den Klageliedern 3,34-37 werden die Folterung von Gefangenen und ungerechte Richter als Ereignisse erwähnt, die nicht nur von Gott zugelassen («sollte das der Herr nicht sehen?») sondern angeordnet sind: «Wer darf dann sagen, dass solches ohne des Herrn Befehl geschieht?» Wenn wir diese Aussagen in unsere Zeit verlängern: Auschwitz und Hiroshima, Tsunami und Erdbeben als «des Herrn Befehl»? Da stockt der Gedanke, das Wort, der Atem … Martin Luther hat vom verborgenen Gott gesprochen, vor dessen schrecklichen Herrlichkeit und unauslotbaren Majestät wir zum offenbarten Gott in Jesus Christus fliehen sollen. Die Wendung vom kurzen Zorn zur ewigen Gnade29, der Umsturz vom grimmigen Zorn zum herz-zerreissenden Erbarmen30 ist ein für alle Mal geschehen in Christus. Gott hat sich an Karfreitag und Ostersonntag definitiv darauf festgelegt. Christlicher Glaube ist der Fluchtweg zu Gott vor Gott.

Trotz des ergangenen Gerichts am Kreuz und des Triumphs Christi über das Böse steht der endgültige Sieg noch aus. Die Offenbarung des Johannes malt den Zorn Gottes im jüngsten Gericht in grellen Farben. Es ist sogar ausdrücklich der Zorn des Lammes, das doch das Zeichen des selber erlittenen Todes trägt! In welcher Be-
ziehung steht Gottes Gericht am Kreuz vor zweitausend Jahren zum Gericht am Ende der Zeit? In der Vollendung stellt sich wiederum ein unlösbares denkerisches Problem: «Gott wird sein alles in allem31» und die Hölle ist das definitive «Draussen32», die ewige Qual des zweiten Todes als Trennung vom Gott des Lebens.

Der Theologe Oswald Bayer schlägt vor, die Rede von der Hölle nicht als Prognose zu lesen, sondern als Diagnose33. Die Prognose «Wenn du das tust bzw. nicht tust, kommst du in die Hölle» sieht im Grund vom schon erfolgten Gericht am Kreuz Christi ab. Aber gerade dieses, genau so wie die Aussagen zum Endgericht, deckt diagnostisch den Ernst unserer menschlichen Lage auf: Ein Leben ohne Gott hat keinen Bestand, Sünde führt zum Tod, Gott lässt dem Bösen nicht das letzte Wort. Diese wahre, schreckliche, herrliche, gute Diagnose des Gerichts dürfen wir nicht verschweigen. Der dreieine Gott ist eine lebendige Person, mit überschäumender Liebe und ausgelassener Freude gegenüber uns Menschen, ebenso aber auch mit tiefer Trauer, Zorn und Abscheu gegenüber
allem, was diesen Menschen als sein Ebenbild verunstaltet und zerstört. Gott setzt mit eifernder Heiligkeit seine Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens durch, so dass kein Schimmer von Sünde und Tod mehr bleiben. Im Licht dieser Diagnose kehren Christen täglich um zu Gott und laden andere auch dazu ein, dem Vater Jesu Christi zu vertrauen.

 

1  Mk 3,5

2  Joh 11,33.38

3  Mk 5,7

4  Mk 5,8

5  Mk 5,19

6  Mk 9,19

7  Mk 11,15-17

8  Lk 15,11-32

9  Mt 18,34

10 Mt 22,7

11 Kol 1,15; Hebr 1,3

12  z.B. die Zerstörung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. in Dan 9,15

13  Offb 6,16-18

14  z.B. Aaron und Mirjam in 4. Mose 12,9

15  z.B. Assyrien in Jesaja 10,25

16  Röm 1,18; Eph 2,3

17  Mi 5,14; Offb 19,15

18  5. Mose 29,24-27

19  Ps 30,6; vergleiche auch 2. Mose 20,5-6 u.a.; Ps 103,9;  Jes 54,7-8

20 Hos 11,9

21  Röm 1,18

22  Röm 3,21-26

23  z.B. Joh 12,31.32; Röm 8,3

24  Mt 5,45-48

25  Röm 8,32

26  1 Thess 1,10

27  Jes 45,7

28  Klgl 3,38

29  Ps 30,6

30  Hos 11,9

31  1 Kor 15,28

32  Offb 22,15

33 Oswald Bayer: Gottes Zorn und sein Erbarmen; in: Theologische Beiträge 2010-4, S. 223-234. Analog sollten Aussagen zur so genannten Allversöhnung nicht prognostisch als Lehre verkündigt werden, sondern als Gegenstand des christlichen Gebets!


Paul Kleiner (49) ist Theologe und Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars (TDS) Aarau.

Er lebt mit seiner Frau in Winterthur.

p.kleiner@STOP-SPAM.tdsaarau.ch

 

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