Wut in der Revolution

Ein arabischer Frühling – auch für Christen?

Interview: Sara Stöcklin Der Tessiner Jonathan Stutz (26) studierte in Basel und Rom Theologie, bevor er 2010 für ein Studienjahr nach Kairo zog, um Arabisch zu lernen. Das Dominikanische Institut für Orientalische Studien (IDEO), das ihn beherbergte, befindet sich in der Altstadt von Kairo, nicht unweit des Tahrirplatzes, auf dem Demonstranten im Januar 2011 den Rücktritt von Husni Mubarak erzwangen. Unversehens wurde Jonathan Stutz Zeuge weltgeschichtlicher Ereignisse. Für das Magazin INSIST blickt er auf sein Studienjahr zurück und erzählt, wie die Christen in Kairo den Umsturz erlebt haben und mit welchen Gefühlen sie der Zukunft entgegensehen.

 

Magazin INSIST: Jonathan Stutz, wie kamen Sie auf die Idee, gerade nach Kairo zu gehen und dort Arabisch zu lernen?

Jonathan Stutz: Während meines Studienjahrs in Rom habe ich das päpstliche Institut für Islamstudien kennengelernt, das ein Partnerinstitut in Kairo hat. Nach dem Abschluss des Bachelors in Theologie wollte ich etwas Neues ausprobieren und mich einer Herausforderung stellen.

 

Sie konnten nicht ahnen, welche Umbrüche Ägypten ausgerechnet in diesem Jahr erleben würde. Wann wurde Ihnen die Tragweite der Ereignisse bewusst?

Sie wurde mir erst nach und nach bewusst. Als aber nach drei Wochen Protest der Abgang Mubaraks im Fernsehen angekündigt wurde und sich daraufhin die Bevölkerung der ganzen Stadt auf die Strassen begab, wusste ich, dass nun ein neues Kapitel der Geschichte angefangen hatte.

 

Gelebt und studiert haben Sie im Dominikanischen Institut, das zu einem Kloster gehört. Wie alt ist das Kloster, und wie viele Brüder leben dort?

Das Kloster und das Institut wurden in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg gegründet. Eine wichtige Rolle spielte dabei der ägyptische Dominikaner, Priester und Islamwissenschaftler Georges Anawati1, der sich in der katholischen Kirche für eine neue Sicht auf den Islam eingesetzt hat. Heute leben hier sechs Brüder und zwei Novizen, die alle mit dem Studium der islamischen Kultur und entsprechender Quellen beschäftigt sind. Dazu nimmt das Haus immer wieder Gäste aus dem Ausland auf.

 

Sind die Brüder selbst Ägypter?

Die meisten sind Franzosen – das Kloster gehört der französischen Provinz an –, leben aber schon seit langem im mittleren Orient. Einer der Brüder hat für längere Zeit im Irak gelebt. Nur einer ist Ägypter, daneben gibt es noch einen Syrer und einen Libanesen. 

 

Wie haben die Brüder die Revolution erlebt? Mit welchen Gefühlen war sie verbunden?

Sie waren auf jeden Fall überrascht. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass sich doch noch jemand getrauen würde, sich gegen das Regime zu erheben. Doch haben sich alle Brüder mit den Leuten auf der Strasse verbunden gefühlt und deren Empfindungen ganz und gar geteilt. Deshalb waren in den ersten Wochen die Wut und die Angst auch innerhalb der Klostermauer zu spüren. Es waren schliesslich viele Bekannte und Freunde in die Revolution involviert.

 

Hatten Sie auch engeren Kontakt zu koptischen Christen? Verhielt es sich bei ihnen ähnlich?

Im Laufe des Jahres konnte ich viele Kontakte zu Kopten knüpfen, ebenso wie mit katholischen und evangelischen Christen. Ich habe bei ihnen sowohl Freude für den nun anstehenden Machtwechsel als auch grosse Sorge um die noch ungewisse Zukunft spüren können.

 

Sie haben von Wut und Angst gesprochen. Wie wurden denn die Christen vom Regime behandelt?

Der Umgang mit den christlichen Kirchen war vom Anliegen des Mubarak-Regimes bestimmt, die eigene Macht zu erhalten. So wurde vordergründig eine freundschaftliche Beziehung zu den Oberhäuptern gepflegt – etwa zu dem kürzlich verstorbenen Papst Shenouda III. –, während gleichzeitig die Forderungen der Islamisten berücksichtigt wurden, um der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aufgrund dieser Politik kam es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf Kirchen, zum Beispiel unter dem Vorwand, dass die Christen keine Bauberechtigung hatten. Der Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandrien im Januar 2011 wurde, wie sich herausgestellt hat, vom Innenminister angeordnet – als Alibiübung für eine strikte Sicherheitspolitik.

 

Die Christen haben also die Gefühle der Protestierenden, die Ohnmacht gegenüber der Willkürherrschaft, geteilt. Haben sie der Revolution aber eher zugeschaut, oder sind sie selbst auch auf die Strasse gegangen?

Vor allem die jungen Christen haben sich der Revolution angeschlossen und sind auf die Strasse gegangen, trotz Warnungen seitens der religiösen Oberhäupter. Sie nutzen jetzt die Möglichkeit, sich zu engagieren und in der Politik mitzumischen – eine Möglichkeit, die es unter Mubarak nicht gab, da dieser nur mit den Oberhäuptern der Kirchen den Dialog pflegte. 

 

Versuchten diese Christen auch, das Geschehen «theologisch» zu reflektieren oder zu deuten? Hat der Glaube in ihrem Protest eine Rolle gespielt?

Oft wird von Seiten der Kopten mit konfessionellen Slogans skandiert, vor allem wenn es um das Einfordern der eigenen Rechte vor den politischen Institutionen geht. In Ägypten steht aber die nationale Identität im Vordergrund. Zu einem der Symbole der Revolution ist ein Halbmond mit einem daneben stehenden Kreuz geworden. Gleichzeitig höre ich immer öfter aus dem Mund von Priestern und Predigern, dass der Glaube dazu auffordert, sich für das Gemeinwohl aller einzusetzen – auch durch aktive Teilhabe am politischen Leben. Daran wird erkennbar, dass die christlichen Gemeinschaften derzeit versuchen, mit Berufung auf den Glauben ein neues Bewusstsein zu vermitteln.

 

Worauf berufen sie sich da genau?

Oft wird auf das Liebesgebot verwiesen, oder auf die Pflicht, für den König zu beten nach 1. Timotheus 2,2. Die Reflexion findet indes ganz natürlich und ungezwungen statt, so, als ob sie in der Luft läge.

 

Würden Sie sagen, der Glaube habe den jungen Christen geholfen, ihre Wut «konstruktiv» für die Veränderung der Gesellschaft zu nutzen? 

Auf jeden Fall. Ich habe zumindest den Eindruck, dass der Glaube sie immer wieder neue Ressourcen und Chancen entdecken lässt, um über die schwierige Situation der Gegenwart hinauszuschauen. Und gerade in der jetzigen Lage, in der sich eine Herrschaft der Islamisten ankündigt und viele Christen wie auch Muslime im Ungewissen über die Zukunft sind, erweist sich – so mein Wunsch – auch der Glaube als Hilfe, um auf die neuen Herausforderungen zuzugehen.

Gleichzeitig erhoffe ich mir, dass gerade der Glaube es vielen Christen ermöglicht, aus der Angst vor den Islamisten und aus der Selbstghettoisierung, wie sie in den letzten Jahrzehnten vielfach stattgefunden hat, auszubrechen.

 

Das ist eigentlich ein schönes Schlusswort. Trotzdem noch eine letzte Frage: Was sind die Hoffnungen der ägyptischen Kirche für die Zukunft?

Erstens besteht ihr Wunsch darin, dass sie wie bisher ein wichtiger Bezugspunkt im alltäglichen Leben der Menschen sein kann. Hier haben wir Europäer viel von den Kopten zu lernen. Zweitens wünscht sie sich, dass sie ihren Mitgliedern zu einem mündigen Leben in Politik und Gesellschaft verhelfen kann – nicht, um eine Politik zugunsten der Kirche anzustreben, sondern um sich für das ganze Volk einzusetzen. Drittens ist es ihr Anliegen, dass die Christen gerade dadurch lernen, die problematischen Aspekte in der zivilen Gesetzgebung, die bisher tatsächliche Nachteile für die Christen mit sich brachte, anzusprechen und sich auf dem Weg der Demokratie für eine wirkliche Gleichberechtigung der Minderheiten einzusetzen.

 

1 Die Biographie von Georges Anawati, geschrieben von einem Bruder am IDEO, ist vorletztes Jahr in deutscher Sprache beim Herder Verlag erschienen: Pérennès, Jean-Jacques. «Georges Anawati (1905-1994). Ein ägyptischer Christ und das Geheimnis des Islam.» Freiburg i. Br., 2010.

 

Jonathan Stutz, 26, ist evang.-ref. Theologiestudent, und wohnt in Ascona. Während der kürzlichen Revolution in Ägypten weilte er im Rahmen eines Studienaufenthaltes in Kairo.

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