Rachepsalmen

Sollen wir unsere Feinde hassen?

Beat WeberDie Psalmen sind bei vielen Menschen beliebt und gelten als ermutigende Lieder- und Gebetssammlung der Bibel. Wenn in diesen Gebeten aber von «Feinden» die Rede ist, finden sich heftige Aussagen der Vergeltung. Wie gehen wir damit um und was haben uns diese «Rachepsalmen» heute noch zu sagen?

 

Gegenüber den «schlimmen» Aussagen der «Rachepsalmen»2 melden sich aus christlicher Sicht, insbesondere in der für die (Post-)Moderne typischen Bibelauslegung, Irritationen und Vorbehalte. Wie solche Psalmen verstehbar sind, soll am bekannten Psalm 139 anhand der Verse 19–22 gezeigt werden3:

19 Wenn du doch tötetest, Gott, den Frevler! Ja, ihr Blut-Männer, weichet von mir! 

20 Sie, die immer neu dich nennen in Arglist, erhebend (deinen Namen) in Trug, deine Widersacher.  

21 Sollte ich nicht, die dich hassen, HERR, hassen und für die, die sich gegen dich auflehnen, Ekel empfinden?! 

22 Mit äusserstem Hass hasse ich sie; zu Feinden sind sie geworden mir.

 

Rachepsalmen gehören dazu

Der Psalm 139 gilt als beliebter und gerne gelesener Psalm – die aufgeführten Verse freilich ausgenommen. Wer hat diesen Psalm nicht schon verwendet und dabei den «unschönen» Passus weggelassen?

Generell ist zu sagen, dass Psalm 139 oft zu einseitig als «tröstlich» wahrgenommen wird. Überdies sind die genannten «Problemverse» ein integraler Bestandteil des Psalms. Damit besteht zu deren Tilgung kein Grund. Gefragt ist aber eine gesamtbiblische Einordnung, im Zuge derer eine «Relativierung» angebracht sein kann, gemäss dem Prinzip «Schrift wird mit Schrift ausgelegt».

 

Einige Positionslichter

Eine Abhandlung zur Feind- und Vergeltungs-Thematik in den Psalmen ist hier nicht möglich. In knapper,
thesenartiger Form sollen gleichwohl einige «Positionslichter» auf diesem unwegsamen Terrain aufgestellt werden:

  • «Gerechtigkeit» ist ein hoher Wert. Dass es zu ihrer Erlangung oder Durchsetzung auch Formen der «Ahndung» bedarf, ist kaum bestritten. Gott ist «gerecht», und er liebt, wirkt und erhält Gerechtigkeit4. Ihm steht Ahndung zu – darin sind sich das Alte (AT) wie das Neue Testament (NT) einig5. Mit Vergeltungsaussagen in den Psalmen (und darüber hinaus) erbitten und leisten Menschen Widerstand gegen das Böse und den/die Bösen. Bedrückung und Zerstörung muss Einhalt geboten werden – gerade in Gottes Namen. Sieht man von einer Position ab, die Vergeltung grundsätzlich ablehnt6, so werden namentlich folgende Aspekte als befremdlich empfunden: 
  • 1. Gericht und Strafe Gottes werden nicht (nur) als endzeitlich aufgefasst, sondern sollen im Hier und Jetzt vollzogen werden.
  • 2. Vergeltung ist zwar Gottes Sache, aber sie wird – teils mit starken Emotionen (Freude, Hass u.a.) verbunden – als Wunsch oder Bitte des (gerechten) Beters geäussert.
  • 3. Der Sprechende beurteilt sein Begehren als rechtmässig und d.h. in Übereinstimmung mit Gottes Wesen und Handeln. Aspekte wie Duldung, (Feindes-)Liebe, Vergebungsbereitschaft kommen kaum zum Tragen.
  • Die Beurteilung solcher Gerichtsbitten hängt nicht an der Verhältnisbestimmung von AT und NT, insbesondere am Mass an Kontinuität und Diskontinuität zwischen den Testamenten. Dazu liegen in Kirche und Theologie unterschiedliche Verstehensmodelle vor, die z.T. konfessionell und denominationell eingefärbt sind. Man denke im evangelischen Bereich etwa an die diesbezügliche Differenz zwischen den Reformationskirchen und den Friedenskirchen (u.a. «Täufer»). Das AT (insbesondere «unliebsame» Aussagen darin) abzuwerten und ausschliesslich auf Jesu Worte und sein Vorbild, also auf Leitmaximen wie Nächsten- und Feindesliebe, Rechtsverzicht und Vergebungsbereitschaft7 zu setzen, ist problematisch. Dies führt zum Verlust wesentlicher Aspekte der Bibel. Zudem verbindet sich ein derartiger Reduktionismus mit der Tendenz, auch die – keineswegs seltenen! – Gerichtsaussagen Jesu bzw. des NTs8 zu überspielen. Die für das Verhältnis von AT und NT wichtigen «Antithesen» in Jesu Bergpredigt («Ihr habt gehört, dass gesagt ist: … Ich aber sage euch: …») – in unserem Zusammenhang sind diejenigen zur Gewaltlosigkeit und Feindesliebe9   wichtig – sind nicht unter dem Aspekt des Gegensatzes oder der Ablösung, sondern der Ergänzung, Erfüllung und Überbietung10 zu verstehen. Mit anderen Worten: Das «Neue», das Jesus darin bringt, hat Sinn und Recht im steten Verweis auf das «Alte» als bleibendem Hintergrund. Eine christliche Ethik, die dem nicht Rechnung trägt und Jesu Worte loslöst und damit «verabsolutiert», steht unter der Gefahr, das «Neue» – entgegen der Absicht – zu einem «Gesetz» zu verfestigen und damit neuerdings zum «Alten» zu machen11.
  • Biblischen Worten ist ein situativ-seelsorglicher Aspekt eigen, will heissen: Nicht alle Texte sind zu allen Zeiten für alle Menschen in gleichem Mass «gültig». Die Situativität biblischer Texte ist in Anschlag zu bringen, obwohl deren Einbindung in den Kanon der zwei-einen Bibel aus AT und NT diese in einen autoritativen Status mit allgemeiner und andauernder Gültigkeit hebt12. Feind- und Vergeltungsaussagen haben ihren Platz namentlich dort, wo eine vergleichbare Situation von Verleumdung, Rechtsbeugung, Lebensbedrohung u.ä. vorliegt (und Rechtsmittel nicht verfügbar oder korrumpiert sind). Darüber hinaus ist zu bedenken, dass Feind- und Vergeltungsaussagen in den Psalmen einen beschreibenden und keinen vorschreibenden Charakter haben. Zwar sind auch sie «nützlich zur Unterweisung in der Gerechtigkeit»13, aber es ergeht aus ihnen – anders als bei einem Gebot oder einer Ermahnung – kein unmittelbarer Anspruch, der das Ausgeführte in eine generelle Verbindlichkeit erheben würde.
  • Die Psalmworte mit Ahndungs- und Gerichtswünschen sind Teil von Gebeten, namentlich Klagebitten. Die Vergeltungsaussagen sind also an Gott adressiert und werden nicht den Feinden entgegengeschleudert (oder im eigenen Herzen und Denken gehegt). Sie stellen das Gericht Gott anheim und vollziehen es nicht selbst. Provokativ gesagt: Mit Psalmworten werden Menschen im Gebet «getötet»; es finden (dafür) keine in die eigene Hand genommene «Exekutionen» statt. Als Entlastungsargument taugt eine Verschiebung auf Gott allerdings nicht, denn Gottes Gerichtshandeln kann erschrecken-der als eine vom Menschen in die Hand genommene Vergeltung sein.
  • Während eine Verlesung solcher Passagen im Rahmen heutiger gottesdienstlicher Liturgie problematisch sein kann bzw. einer einbettenden Erklärung bedarf (um nicht Missverstehen und unnötige Ablehnung zu provozieren), können Feind- und Vergeltungsaussagen in therapeutisch-seelsorglichen Zusammenhängen sehr wohl ihren Platz haben. Sie bieten eine biblisch wie auch christlich legitimierte Hilfe dar, Verzweiflung und Aggression – vor Gott! – zuzulassen. Gründe und Verursacher werden im Gebet vor Gott benannt; damit wird krankhaften und glaubensgefährdenden Wegen wie dem Verstummen, der Resignation oder der Abspaltung von Ärger und Wut aus dem (Glaubens-)Leben gewehrt. Insofern bieten solche Psalmworte einen Identifikationsraum für traumatisierte Menschen(gruppen) und können einen die Not wendenden Schritt zum Heilwerden darstellen. Sie sind dabei durchaus subjektiv, einseitig und für eine bestimmte Zeit und Situation (auf)gegeben. Freilich sind sie biblisch wie seelsorglich nicht das einzige und schon gar nicht das letzte Wort. Als «vorläufiges» Wort, das sich der Wirklichkeit der gefallenen Welt verdankt, hat es seinen Platz – solange diese Erde besteht. Weitergeführt und im Sinne Jesu überboten werden kann und darf solche rechtmässige Vergeltung durch den noch besseren, ebenfalls durch Gebet gebahnten Weg der Vergebung14. Dieses aus der Liebe geborene und geschenkte Wort und Handeln wird das letzte und allein bleibende sein und werden. Im künftigen Äon, wo «kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein wird»15, wird es Vergeltung und Gericht für immer ablösen bzw. überflüssig machen.
  • Als Fazit ergibt sich, dass uns im Umgang mit solchen Feind- und Vergeltungsaussagen ein Abwägen aufgetragen ist. Die Waagschalen von Recht und Barmherzigkeit sind stets neu zu justieren und im konkreten Fall die Gewichte unterschiedlich aufzulegen. Das damit angezeigte «Sowohl-als-Auch» ist allerdings nicht im Sinn von Beliebigkeit und Einerlei zu (miss)verstehen, vielmehr ist im konkreten Einzelfall Eindeutigkeit vonnöten. Das Ausgeführte fügt sich in das der Kirche auferlegte Spannungsfeld zwischen dem «Schon-Jetzt» und dem «Noch-Nicht» oder – biblisch gesprochen – unserer Befindlichkeit als Christengemeinde «in der Welt», aber nicht «von dieser Welt». Die Rechts- und Gerichtsthematik lässt sich nicht angehen ohne Einbezug des Gottesverständnisses. Gerechtigkeit (und mit ihr Zorn und Gericht) und Liebe (und mit ihr Barmherzigkeit und Vergebung) sind im Wesen und Handeln Gottes verankert. In der Welt- und Heilsgeschichte finden und verbinden sie sich im Kreuzes- und Auferstehungsgeschehen Jesu Christi und werden dort geheimnisvoll eins. In dieser Welt voller Ungerechtigkeit, Leid und Tod bleibt uns angesichts der vielfältigen Irritationen und Anfechtungen aufgetragen, vom «verborgenen Gott», der uns als unverständlich, ungerecht und richtend begegnet, zum (in der Heiligen Schrift) «geoffenbarten Gott» zu fliehen. In Jesus Christus hat er sich den Seinen zugewandt und schafft und verbürgt ihnen im Gerichtsgeschehen auf Golgatha das Heil. 

 

1  Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Kapitels «Zum Umgang mit Feind- und Vergeltungsaussagen heute» in: Beat Weber, Werkbuch Psalmen III. Theologie und Spiritualität des Psalters und seiner Psalmen, Stuttgart (Kohlhammer) 2010,
S. 122–126. 

2  Ps 58,7–11; 59,6.14; 79,12; 109,6–15 (insofern man die Worte auf den Betenden und nicht auf die Frevler zurückführt); 137,8f.; 139,19–22

3  Die sich eng am hebräischen Wortlaut anschliessende Übersetzung stammt von Beat Weber.

4  vgl. u.a. Ps 5,9; 11,7; 33,5; 36,11

5  vgl. 5 Mose 32,35; Ps 9,9; 98,9; Röm 12,19

6  Damit setzt man sich freilich nicht nur von diesen Psalmenaussagen, sondern von weiten Teilen der Bibel ab.

7  vgl. u.a. Mt 5,21–26.38–48; 7,1–5; 22,34–40; 26,52; Röm 12,17–21

8  vgl. etwa Mt 5,20; 7,21–23; 18,2f.35; 25,41–46; 2 Thess 1,6–10; Offb 16; 20,15

9  Mt 5,38–48

10  vgl. Mt 5,17

11  Die «These» muss gewürdigt werden, bevor man zur «Antithese» fortschreiten kann. Das Problem liegt darin, dass wir – anders als die Ersthörer der Bergpredigt – nicht mehr in der Weise im AT beheimatet sind und von daher ihren Weg vom Alten zum Neuen nachvollziehen (können). Wir tendieren entsprechend dazu, direkt und d.h. unter Absehung der «These» (AT) die «Antithese» (Jesus, NT) anzusteuern. Dass sich aus einer solchen Grundhaltung problematische Verhaltensmuster einstellen können – etwa in der christlichen Erziehung (z.B. als Forderung an das aufwachsende Kind, von vornherein auf sein Recht bzw. die Gewaltabwehr verzichten zu müssen) –, sei hier nur angemerkt.

12  vgl. 2 Tim 3,16f.

13  2 Tim 3,16

14 vgl. Mt  6,12–15; 18,21–35

15 Offb 21,4

 

Die Psalmen und ihre Spiritualität

(HPS) Der Lindener Pfarrer und Fachdozent für Altes Testament an zwei Theologischen Seminaren in der Schweiz, Beat Weber, legt nach den mehr textanalytischen Werkbüchern I und II nun eine Gesamtsicht über die Theologie und Spiritualität des «Psalters und seiner Psalmen» vor, die auch für interessierte Laien ohne Griechischkenntnisse hilfreich ist. Das «Werkbuch Psalmen» will laut der Einführung «dem Transfer von Ressourcen und Einsichten aus der Psalmenforschung in die Bereiche von Studium, Kirche/Pfarramt und Schule dienen».

Wer sich mit den Psalmen auseinandersetzt, dem wird sofort klar, dass sich die Beschäftigung mit dem Psalter «nicht auf die Erarbeitung von Sachaussagen, Themen und Konzepten beschränken» kann. Die Psalmen sind ein zutiefst spirituelles Buch, will doch «der Psalter Menschen ins Gespräch mit Gott, das von der Klage bis zum Lob reicht, einbeziehen». 

Man merkt dem Buch die Doppelrolle des Autoren als predigender Gemeindepfarrer und dozierender Theologe an: Fachwissen wurde im Verlaufe der fünfjährigen Entstehungszeit «geerdet» und durch die spirituelle Praxis befruchtet.  Nach einer Einführung in die «Theologie und Auslegung» der Psalmen folgt das Buch mehr oder weniger der Reihenfolge des Psalters. Das Werkbuch macht den Aufbau des Psalmenbuches deutlich und vertieft an einzelnen Beispielen theologische Zusammenhänge. So ist etwa der Eingang zum Psalmenbuch (Kapitel 1-3) als «Leseanleitung» für alles Weitere zu verstehen. Im Psalter gehe es um «Weisheit und Wegweisung (Ps 1) – Königsherrschaft und Prophetie (Ps 2) – Beten und Singen (Ps 3)» (S. 28). Dass der Autor die schwierigen Seiten der Psalmen nicht überspringt, zeigt unser zusammenfassender Artikel (ab Seite 26) aus Kapitel 3.4.3. Alles in allem ein sorgfältig durchdachtes und sprachlich geschliffenes Werk, das die Psalmen samt ihrem Reichtum auch dem Laien zugänglich macht.

 

Weber, Beat. «Werkbuch Psalmen III. 

Theologie und Spiritualität des Psalters 

und seiner Psalmen.» 

Stuttgart, Kohlhammer, 2010. 

Paperback, 372 Seiten. CHF 41,90. 

ISBN 978-3-17-018676-7

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