Psychologie der Wut

Tut Wut wirklich gut?

Interview: Fritz Imhof Wie sind Wut, Zorn und Aggression aus psychologischer Sicht zu bewerten? Wie geht der Psychologe und Psychiater mit Wut um? Und können solche negativen Kräfte auch zur Heilung eingesetzt werden? Wir sprachen mit Dr. Christian Schäfer, Chefarzt für Psychiatrie an der evangelischen Lukasstiftung in Altenburg (bei Leipzig).

 

Magazin INSIST: Christian Schäfer, was fällt Ihnen spontan zum Thema «Wut» ein?

Christian Schäfer: Kraft und Energie. Wut hat für mich etwas Reinigendes. 

 

Wie unterscheiden Sie Wut von Zorn?

Wenn man Zorn mit Ärger gleichsetzt, ist Zorn objektbezogen. Er richtet sich auf eine konkrete Sache. Wut dagegen ist spontaner und kann plötzlich ausbrechen. Man kann «rasend vor Wut» sein. Man kann Dinge aus Wut zerstören.

 

Was verbinden Sie mit dem Begriff «Wutbürger»?

Ein wunderbares Wort, das in Deutschland im Zusammenhang mit der Protestbewegung gegen den neuen Hauptbahnhof in Stuttgart entwickelt worden ist. Wutbürger sind Menschen, die erfahren haben, dass ihre Ablehnung des Projektes nicht wirklich wahrgenommen und ihr Anliegen nicht gehört worden ist. Die Wutbürger aus Stuttgart kamen, und das ist das Besondere, aus der konservativen Mittelschicht.

 

Wird uns dieser Begriff in Zukunft vermehrt beschäftigen?

Der Begriff «Wutbürger» wird sicher immer mit den Demonstrationen gegen den Hauptbahnhof Stuttgart verbunden bleiben. Ich hoffe aber, dass die Menschen auch in Zukunft ihre Unzufriedenheit mit öffentlichen Zeichen zum Ausdruck bringen werden. Ich denke vor allem auch an die Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten – von Syrien bis Marokko. Da konnten wütende, vom System enttäuschte Menschen etwas erreichen, was vor 20 Jahren noch nicht möglich war. Auch sie sind Wutbürger.

 

Was ist der Unterschied von Wut und Aggression?

Vereinfacht gesagt ist Aggression die dunkle Schwester der Wut. Aggression ist darauf ausgerichtet, jemandem oder auch einer Sache zu schaden oder ihn gar zu zerstören. Mit dem Bild einer Pyramide ausgedrückt: Unten ist der Zorn, dann kommt die Wut und an der Spitze ist die Aggression. 

 

Kann Wut eine reinigende Wirkung haben?

Ja, sicher. Wir versuchen zum Beispiel in der Klinik SGM, den Patienten das Äussern von Wut und Zorn anzutrainieren. Wer seine Wut oder seinen Zorn zu lange herunterschluckt, kann krank werden. Die Wut und der Zorn an sich sind nicht negativ. Die Frage ist aber, was damit erreicht werden soll. Jeder kennt das Donnerwetter, das der Vater zuhause schon gegenüber seinen Kindern entfacht hat. Es kann gut tun, der Wut ihren Lauf zu lassen. In diesem Sinne gilt: «Wut tut gut!» Wut darf sich jedoch nie in Aggression verwandeln.

 

Kann sich hinter depressivem Verhalten unterdrückte Wut verstecken?

Ja. Gerade Menschen, die sehr ruhig wirken, weil sie sich nicht wehren können, werden leicht depressiv. Das Schlimme ist, dass Wut, die sich gegen Umstände und andere Menschen richtet und die man nicht äussern kann, schliesslich gegen sich selbst gerichtet wird. Viele Selbstmordversuche sind nicht nur eine Aggression gegen sich selbst, sondern auch eine unterdrückte Aggression gegen die Aussenwelt. Wenn die Wut ausgedrückt werden kann, kann die Seele wieder gesunden. Man braucht keine Angst vor seinem Zorn oder seiner Wut zu haben. 

 

Gibt es Methoden, mit denen man depressiven Menschen helfen kann, dass sie ihre Wut äussern und so Heilung erleben können?

Ja, die Methoden hängen aber von den Therapeuten und den unterschiedlichen Schulen ab. Ich verwende gerne das Rollenspiel. Ich spiele zum Beispiel den Chef, gegen den sich die bislang versteckte Wut richtet. Der Patient kann diese Wut in einem geschützten Rahmen äussern. Andere Therapeuten arbeiten in Gruppen, wo die Patienten gegenseitig ihre Wut äussern. Der Einzelne darf dabei erfahren, dass er mit seiner Wut nicht allein ist und sich nicht als Aussenseiter fühlen muss. 

 

Entstehen da nicht neue Verletzungen?

Manchmal ist es wichtig, eine Wunde, die eitert, nochmals zu öffnen, damit sie heilen kann.

 

Wäre es nicht wichtig, dass der Zorn auch mal gegenüber dem wirklichen Chef geäussert werden könnte?

Das ist der zweite Schritt. Zuerst muss in einem andern Rahmen geübt werden. Wenn der Patient die nötige Sicherheit gewonnen hat, kann er in die «freie Wildbahn» gehen, also zum Beispiel zum Chef.  Möglich ist auch, dass dieses Gespräch in Gegenwart des Therapeuten stattfindet. Er kann dann die belastenden Themen aufnehmen: zum Beispiel, dass der Angestellte keinen eigenen Schreibtisch hat, oder dass er immer wieder mit zusätzlichen Aufgaben belastet wird. 

 

Wie schwierig ist es, den Chef für ein solches Dreiergespräch zu gewinnen?

Das ist im Allgemeinen schon möglich. Es kann nützlich sein, wenn ich dem Chef erkläre, dass ich «seine Hilfe brauche», um dem Angestellten zu helfen. Das Gespräch kann dann im geschützten Rahmen der Klinik stattfinden. Dabei soll der Chef nicht schlecht hingestellt werden, sondern der Patient soll die Möglichkeit haben, die angestaute Wut im geschützten Rahmen zu äussern. Hier traut er sich das auch zu. Oft fehlt einfach die Kommunikation zwischen Vorgesetzten und Angestellten.

 

Für viele Christen ist es bereits Sünde, einem andern Menschen seinen Zorn entgegenzuschleudern.

Zur Liebe können auch Wut und Zorn gehören. Gottes Gedanken sind ja auch wahr. Wenn es aber nur um Wahrhaftigkeit geht, werden wir kalt und herzlos. Wenn das Pendel zu stark zur Liebe ausschlägt, kann es sein, dass eine nötige Korrektur ausbleibt. Mein Paradebeispiel ist die Tempelräumung. Hier geht Jesus voller Zorn durch den Tempel und wirft die Stände der Händler um, weil er die Würde des Tempels als Haus seines Vaters verletzt sieht. Jesus scheut sich nicht, klar zu sagen: «So geht es nicht!» Liebe muss auch den Mut zum Zorn haben – um schliesslich das Gegenüber wieder umarmen zu können. 

 

Kennen Sie neben der Tempelräumung noch andere gute biblische Beispiele für den «heiligen Zorn»?

Ich denke auch an die Apostelgeschichte und den dortigen Streit zwischen Paulus und Barnabas um den Jünger Markus. Trotz ihrem Streit haben die beiden Missionare später wieder miteinander zusammengearbeitet. Auch die andern Apostel haben sich gestritten, wenn sie um den richtigen Weg rangen. Solcher Streit muss möglich sein. 

 

Kann man Wut und Zorn kontrollieren lernen?

Es gibt Menschen, die ihr Herz auf der Zunge haben und sich sehr emotional verhalten. Sie können mit ihrem Verhalten viel Porzellan zerschlagen. Oft kommen sie nicht deswegen zu uns in die Klinik. Aber in der zweiten oder dritten Woche fragen sie plötzlich, ob und wie sie ihren Zorn kontrollieren können. 

Es gibt dazu gute Ratschläge. Man kann einfach mit der Antwort etwas zuwarten, wenn der Gesprächspartner uns verletzt hat. Oder: Ich schaue auf meine Uhr und stelle nach 60 Sekunden fest, ob mein Zorn immer noch präsent ist. In diesem Fall ist er wahrscheinlich gerechtfertigt. 

Dazu gibt es aber auch verhaltenstherapeutische Massnahmen. Eine davon lautet schlicht: Kaugummi kauen. Ich konzentriere mich in der heissen Phase des Zorns auf den Geschmack des Kaugummis und versuche, meine Gedanken zu kanalisieren. Oder ich trage ein Gummibändchen um den Arm, an dem ich zupfen kann, um mich in heiklen Momenten selbst zu spüren – bis ich wieder ruhiger geworden bin. In besonderen Fällen kann auch ein pflanzliches oder chemisches Beruhigungsmittel helfen, dem Zorn im kritischen Moment die Spitze zu nehmen. 

 

Kann Wut auch in positive Energie umgewandelt werden?

Auf jeden Fall. Statt zum Beispiel verärgert nach Hause zu kommen und meine Wut an Frau und Kindern auszulassen, kann ich ins Fitnessstudio gehen. So tue ich etwas für meine Gesundheit und kann gleichzeitig meinen Zorn und meine Wut herunterfahren. Oder Sie können in einem Chor mitmachen und dort die negative Energie in lauten Gesang umwandeln. Auch Musikmachen ist eine Möglichkeit. Jeder muss selbst herausfinden, was ihm gut tut. Auch ein Spaziergang oder Gartenarbeit können die Seele zur Ruhe bringen. Künstler können ihre ganze Energie auf die Leinwand bringen. Wir praktizieren das in der Maltherapie.  

Es kann aber auch Sinn machen, die Ursachen der Wut zu ändern. Dies gilt zum Beispiel bei wutmachenden Situationen am Arbeitsplatz. Wie kann ich zum Beispiel den Umgang mit schwierigen Menschen anders gestalten, damit nicht immer wieder Wut hochkommt?

 

Gibt es Menschen, die selbst so unter ihrem Jähzorn leiden, dass sie zu Ihnen kommen, um sich behandeln zu lassen?

Wenn der Schaden gross ist, sei es auf der Beziehungsebene oder finanziell, kommt auch der Wunsch nach Hilfe. Ohne die Erfahrung eines Schadens kommt normalerweise niemand in die Therapie. Das sind zum Beispiel Menschen, die auch als Erwachsene unter einem ADHS-Syndrom1 leiden: Zum einen sind sie voller Freude, können aber plötzlich in destruktiven Zorn ausbrechen und dabei sich selbst und Anderen schaden. Sie werden zum Beispiel von der Polizei angehalten – und pöbeln den Polizisten an. Oder sie erleben immer wieder Beziehungsprobleme.

 

Wie gehe ich mit einem Chef um, der mich immer wieder zum Zorn reizt?

Ich kann den Chef nicht ändern, aber ich kann mich selbst ändern. Ich kann mein eigenes Verhalten überprüfen. Ich kann aber auch Verständnis entwickeln, wenn ich merke, dass mein Chef selbst von seinem Chef unter Druck gesetzt wird. Jemanden verstehen zu lernen, kann helfen. Es kann auch Sinn machen, Reizwörter zu vermeiden, welche meinen Chef auf die Palme bringen. Wenn mein Chef grossen Wert auf Pünktlichkeit legt, gebe ich mir Mühe, pünktlich zu sein. 

 

Wo liegen die Grenzen der Wut in der Therapie?

Wir lassen Wut auch in der Therapie zu. Jemand darf auch mal zornig sein, schreien und schimpfen. Aber Aggressionen in Form von Tätlichkeiten werden nicht erlaubt. Gegenstände unkontrolliert an eine Wand zu werfen oder sogar den Therapeuten tätlich anzugreifen, das lehnen wir in unserem Hause ab. Aber ein Boxsack darf und soll mal benutzt werden. Die Wut darf sich somit kontrolliert entladen, aber sich nie gewalttätig gegen Personen wenden. Wir werden in der Klinik eine Wii-Konsole anschaffen; damit kann man Spiele wie ein Töffrennen oder Bogenschiessen simulieren. Ob wir auf der Konsole auch miteinander boxen werden, weiss ich noch nicht. Diese Spiele bringen mit Bewegungssensoren
die Körperbewegung auf den Bildschirm und können so dazu dienen, Dampf abzulassen. Man kann damit einen Boxkampf austragen, ohne den Gegner wirklich zu berühren. 

 

Gibt es Beispiele in der Geschichte, wo Wut zu positiven Veränderungen geführt hat?

Ich denke an das Beispiel von Rosa Parks. Sie hat die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ausgelöst, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weissen Fahrgast zu räumen.

 

Braucht es dazu Leitfiguren, welche den Zorn in gute Bahnen lenken?

Ja, aber die Voraussetzung dazu ist, dass sich bereits Unzufriedenheit und Wut angestaut haben. Meistens ist es glücklicherweise so, dass sich in solchen Bewegungen integrative Figuren herauskristallisieren, welche die Bewegung zu einem guten Ziel führen. Wenn das nicht geschieht, bleibt der Ausgang offen oder gar destruktiv. Ich hoffe, dass zum Beispiel in Syrien eine gute Führungsfigur auftaucht. Sonst habe ich Angst um Minderheiten wie die zur Zeit regierenden Aleviten2

 

1  ADHS: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird auch als Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom oder Hyperkinetische Störung (HKS) bezeichnet. Sie ist eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit sowie Impulsivität und häufig auch Hyperaktivität auszeichnet.

2  Die Aleviten sind Mitglieder einer Konfession, die auf das 13./14. Jahrhundert zurückgeht und mit dem Zuzug von turkmenischen Stämmen in Anatolien entstanden ist. Sie hat sich in ihrer Theologie, nicht aber in ihrem Verständnis des religiösen Rechtes, aus dem schiitischen Islam entwickelt. Die Aleviten sind in Syrien eine bedeutende Minderheit und stellen zurzeit die politische Elite des Landes.

 

Dr. med. Christian Schäfer, 45, verheiratet, zwei Kinder, war bis 30.4.2012 Chefarzt für Psychiatrie der Klinik SGM in Langenthal. Am 1.7.2012 übernahm er die Position des Chefarztes Psychiatrie an der evangelischen Lukasstiftung in Altenburg (bei Leipzig).

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