Gesellschaftliche Empörung

Wie Stéphane Hessel zur Empörung inspiriert 

Dorothea Gebauer Egalitär1, radikal, weltweit vernetzt. So könnte man die Impulse des Menschenrechtlers und Philosophen Stéphane Hessel in Stichworte fassen.

 

Schon die Vita des Stéphane Hessel flösst Respekt ein und verleiht seiner Person Autorität und hohe Glaubwürdigkeit. 

 

Einsatz für die Grundrechte

Der 1917 in Berlin geborene Jude erwirbt 1937 die französische Staatsbürgerschaft, nachdem er und seine Eltern nach Paris ausgewandert sind. 1941 wird er Mitglied der Résistance. 1944 wird er durch die Gestapo verhaftet und entgeht in Buchenwald und Mittelbau Dora zweimal der Hinrichtung. 

Direkt nach dem Krieg, im Jahre 1945, wird er zum Mitverfasser der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. «Es sollte ein Text entstehen, der den Kulturen aller Länder offenstand und niemanden schockierte», sagt er im Rückblick. Seine Begeisterung ist zu spüren, wenn er sich daran erinnert: 48 Staaten stimmen im Pariser Palais de Chaillot für die Annahme der Allgemeinen Menschenrechte! Grundrechte von universeller Gültigkeit, gültig für alle Männer und Frauen der ganzen Welt. 

1977 wird er ständiger Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Nationen in Genf. 1986 tritt er der sozialistischen Partei bei. 2003 setzt er sich für den Frieden in Israel und Palästina ein. 2008 appelliert er an die französische Regierung zugunsten der Finanzierung fester Unterkünfte für alle Obdachlosen. 

2010 verfasst er die beiden Streitschriften «Empört euch!»2 und danach «Engagiert euch!»3, welche unterdessen in 19. Auflage vorliegt. Noch als über 90-Jähriger bittet er Lehrer, mit Schülern das Gespräch über diese Themen suchen  zu dürfen.  

 

Vision von einer Welt, auf die wir stolz sein können

«Wir sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir stolz auf sie sein können.» Ein markanter Satz, der hilft, die Vision des Stéphane Hessel zu verstehen. In einer Gesellschaft, auf die wir nicht stolz sein können, gibt es Menschen, die in die Illegalität gedrängt werden. Es ist eine Gesellschaft der Abschiebungen, des Misstrauens gegen Zuwanderer; eine Gesellschaft, in der die Leistungen der Sozialversicherung brüchig geworden sind oder in der die Reichen die Medien beherrschen. Nach dem zweiten Weltkrieg habe die Gesellschaft einer «Erneuerung ohnegleichen» bedurft, so Hessel. Aber auch jetzt müsse sie so schnell wie möglich in eine Welt überführt werden, die «gerecht» ist, in der «alle gleich» sind und «jeder frei» ist. Diese Werte hat er in den Jahren zuvor verteidigen müssen; den Geist dieser Werte solle nun aber auch die Demokratie atmen. 

In beiden seiner vorliegenden Schriften klingen Freude und Zuversicht über verbindliche Massnahmen wie die Allgemeinen Menschenrechte durch. Kolonialvölker hätten sich in ihrem Unabhängigkeitskampf darauf berufen, sie habe Freiheitskämpfern Mut und Frankreich mit der Zeit klar gemacht, dass Algerien unabhängig zu sein habe. Und er geht in seiner Vision weiter: Nur im Verbund mit anderen könnten Menschenrechte weltweit gewahrt werden. Selbst die bestmögliche Regierung könne sie nicht mehr allein garantieren. Als institutionellen Rahmen schlägt er die Schaffung eines UN-Rates für wirtschaftliche und soziale Sicherheit mit 20-30 Staaten vor: Weltregulierung, nicht Weltregierung! 

Seine Kritikpunkte hören sich an, als entstammten sie dem Programm der Piraten in Deutschland oder der Occupy-Bewegung. Da ist die empörte Rede von der Schere zwischen Reich und Arm, «von der wir nicht zulassen dürfen, dass die sich weiter vertieft». Er fordert ein «entschiedenes Nein zum Diktat von Geld und Profit, zum Auseinanderklaffen von extremer Armut und arrogantem Reichtum». Stattdessen fordert er «ein entschiedenes Ja für eine wirklich unabhängige Presse und umfassende soziale Sicherheit». Er findet starke Worte, wenn er Schaltstellen der Macht beschreibt: Da sässen «Geldmaximierer, die sich keinen Deut ums Gemeinwohl scheren». Sie seien «egoistisch und anmassend». 

 

Vermächtnis oder Auftrag an die junge Generation

Hessel idealisiert die junge Generation nicht. Sie bliebe Umständen gegenüber, wo sie sich wehren könnte, eher passiv. Die Jugend von heute sei gefordert, für die Werte einzustehen, nach denen sich ihr Vertrauen und Misstrauen gegenüber den Regierenden bemisst. Er spricht von so genannten «Ohne mich Typen», denen  entscheidende Qualitäten verlorengegangen seien: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement. «Mischt euch ein, empört euch!» rät er. Er selbst habe sein ganzes Leben lang immer Gründe gefunden, sich zu engagieren. «Ich wünsche euch allen, jedem Einzelnen von euch, einen Grund zur Empörung.» Jungen Menschen, die überlegen, welchen Beruf sie ergreifen sollen, empfiehlt er: «Macht euch klar, was euch stört und empört. Und dann versucht herauszufinden, was ihr dagegen unternehmen könnt.» Dass das einen Preis kostet, verhehlt er nicht. Er lobt Lehrer, die in Frankreich auf die Strasse gehen und deren Gehalt deswegen gekürzt wird. Sie protestieren, weil die Schule nicht genügend Raum für Kreativität und kritisches Denken lässt. Auch klingt durchaus moralisch, wenn er sagt: «Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die Intellektuellen, die ganze Gesellschaft dürfen sich nicht kleinmachen und kleinkriegen lassen von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte, die es so weit gebracht hat, Frieden und Demokratie zu gefährden.»  Zwar kritisiert er die Medien, wenn er sagt, sie seien zur Massenkommunikation verkommen und böten keine Perspektive mehr ausser reinem Konsum. Als sei er ein 93-jähriger Vertreter der Facebook Generation sagt er jedoch: «Wer heute etwas erreichen will, muss gut vernetzt sein und sich aller modernen Kommunikationsmittel bedienen.»  

 

Kritische Würdigung

Mehrfach bezieht sich Hessel auf Jean-Paul Sartre. Darauf, dass wir selbst allein und absolut verantwortlich seien für diese Welt. Ohne Rückhalt, ohne Gott. Warum ist ihm das so wichtig? Was spräche dagegen, sich mit derselben Vehemenz und Empörung und in Verantwortung vor dem Schöpfergott für die Welt zu engagieren? Sartre selbst hat sich in einem seiner letzten Gespräche der jüdisch-christlichen Vorstellung der Hoffnung angenähert. Auch Hessel fordert von seinen Lesern «immerzu zu hoffen». Mit welcher Begründung? Beinahe naiv mutet sein Geschichtsbild an: Die Freiheit des Menschen schreite stufenweise voran. Sie sei eine Abfolge von Erschütterungen – und damit Herausforderungen. Am Ende stehe die vollständige Freiheit und der demokratische Staat in seiner idealen Form. Es ringt einem Respekt ab, wenn er als Humanist und Opfer der Nazi daran festhält, dass der Mensch zwar ein gefährliches Tier sei, aber sich auch viel einfallen lassen könne. Seine Argumentation wird leicht ideologielastig, wenn er die Veränderung nur über eine «aufsässige Linke» erwartet. 

Was Hessel zum Vordenker der deutschen Piratenpartei oder der Occupy-Bewegung macht,  ist zum einen der totale Egalitarismus und seine Radikalität in der Forderung nach Erneuerung. Ob in ihrer Kritik an der Verachtung der Schwächsten und der herrschenden Gier nach Konkurrenz oder im Aufdecken von Seilschaften und Machtspielen: Piraten bedienen dieses  Bedürfnis. Gleichheit und Gerechtigkeit sollen durch ein Grundeinkommen gesichert, das Klassensystem in Schulen durch ein Kurssystem ersetzt und Drogen legalisiert werden. Auch vollziehen sie  eine klare Absage an das repräsentative System und an die Delegation politischer Arbeit an Einzelne. Manche behaupten, dass unter den Piraten eher Angst vor einzelnen starken Persönlichkeiten herrsche. «Die
Piraten sind eine ideologische Partei, sie sind nicht harmlos!» warnt Susanne Gaschke in der ZEIT4 und kritisiert deren totalitären Transparenzanspruch. Nichts soll heimlich, nichts soll hinter verschlossenen Türen passieren. Gaschke kontert: «Es gibt in der Politik und auch im Leben Dinge, die nicht vorzeigbar sind.» 

Überraschend aktuell ist auch die Aufforderung Hessels, sich mit allen modernen Kommunikationsmitteln zu vernetzen. Derzeit  treten in den neuen politischen Parteien Netzwerkaktivisten gegen Politiker an, die völlig andere Wege der Kommunikation gehen und ihre Sprache nicht mehr verstehen. «Liquid Feed Back» ist für das junge Wählervolk dabei eine kleine Softwarelösung, die Basisdemokratie in Programmiersprache übersetzt. «Liquid Feed Back» hat folgende Phasen: Ideenphase mit Ideenquorum; Feedbackphase: Mitglieder geben Anregungen oder stellen Alternativvorschläge vor; Diskussionsquorum; Ruhephase und Abstimmungsphase. Meinungsbildung wird hier via Software betrieben. Die Coolness dieser Generation und ihre Anbetung des Technischen findet Susanne Gaschke  suspekt. Sie zitiert einen ihrer Vertreter, der sagt: «Wir wissen ausser technischen Details gar nichts besser als unsere Eltern, brauchen wir aber auch nicht.» Die Autorin hält diese Haltung für «infantil» und «gefährlich».

Es gibt viel, worüber es sich zu empören gilt. Der Ver-
lust an Glaubwürdigkeit derer, die ein Land führen wollen, ist fatal. Ob es genügt, sich zu empören und vor Banken in Frankfurt «Bloccupy» zu treiben, wenn man die Gier der Menschen bekämpfen will, lässt sich hinterfragen. Den Aspekt harter Arbeit bleibt uns Hessel schuldig. Oder wie es gelingen kann, auf breiter Basis  eine Wertediskussion einzuleiten. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes in Deutschland, diejenigen, die auch aus moralischen Trümmern Neuland schufen, haben sich nicht nur empört, sie haben sich aufgeopfert, ihr Leben gegeben. Bonhoeffer, einer, der für seine Empörung gegen den Naziterror als Märtyrer endete, sagt in seinem Glaubensbekenntnis: «Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtiges Gebet und verantwortliche Taten wartet und antwortet.» 

 

1  «egalitär»: auf Gleichheit gerichtet, soziale Gleichheit anstrebend 

(Wikipedia) 

2  Stéphane Hessel, Empört euch! Ullstein 

3  Stéphane Hessel, Engagiert euch! Ullstein

4  Die ZEIT vom 26. April «Totalitäre Transparenz» (Politik) 

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