Film

Drama statt Happy End

Andy Schindler-Walch Ein Happy End in einem romantischen Beziehungsfilm freut viele Zuschauer. Doch ein allzu schönes Filmende kann auch Wut und Streit in einer realen Beziehung auslösen.

 

Der Amerikaner Jonathan Lawton führte für ein Filmdrehbuch Interviews mit mehreren Prostituierten. Er hörte deprimierende Alltagsgeschichten, die sich um Sexualität und Drogensucht drehten. Seine Erfahrungen liess er in sein Drehbuch einfliessen.

 

Märchen statt Sozialdrama

Im ursprünglichen Drehbuch geht es um eine drogenabhängige Prostituierte, die sich in einen reichen Industriellen verliebt. Sie erlebt eine ungewöhnliche Woche in der Welt dieses Mannes, bevor sie wieder auf der Strasse landet und ihrer Tätigkeit weiter nachgehen muss. Der Titel des bekannten Drehbuchs lautet «Pretty Woman». Der Film sollte das ungeschönte Leben einer Frau am Rande der Gesellschaft zeigen. Doch dann kaufte der Disney-Konzern das Drehbuch, und aus dem Sozialdrama wurde ein zuckersüsses Märchen, das die Verwandlung eines modernen Aschenputtels zeigt, das am Schluss den reichen und gut aussehenden Mann bekommt. Dem Publikum gefiel dieser unrealistische Film so gut, dass «Pretty Woman» zum meistgesehenen Streifen des Jahres wurde und mehr als 463 Millionen Dollar einspielte.

 

Gegenteilige Wirkung

Bei unzähligen Liebes- und Beziehungsfilmen läuft es bis heute immer auf das Gleiche hinaus: Mann und Frau finden am Schluss des Films zusammen. Damit werden die Erwartungen vieler Zuschauer an einen solchen Film erfüllt. Doch ein Happy End auf der Leinwand kann im realen Leben eine ganz andere Wirkung erzeugen, nämlich Wut und Streit unter den Zuschauern. Gerade heute, wo in der Schweiz rund jede zweite Ehe geschieden wird, ist diese Reaktion nicht zu unterschätzen. 

 

«Happy End»

Schon vor über 50 Jahren nahm der Berner Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti das Thema auf. Er schrieb eine Kurzgeschichte unter dem Titel «Happy End», die mit folgenden Worten beginnt: «Sie umarmen sich, und alles ist wieder gut. Das Wort ENDE flimmert über ihrem Kuss. Das Kino ist aus. Zornig schiebt er sich zum Ausgang, seine Frau bleibt im Gedränge hilflos stecken, weit hinter ihm. Er tritt auf die Strasse, bleibt aber nicht stehen und geht, ohne sie abzuwarten, geht voll Zorn, und die Nacht ist dunkel. Atemlos, mit kleinen, verzweifelten Schritten holt sie ihn ein, er geht und sie holt ihn wieder ein und keucht. Eine Schande, sagt er im Gehen, eine Affenschande, wie du geheult hast. Mich nimmt nur wunder warum, sagt er1

 

Unrealistische Filme

In Liebes- und Beziehungsfilmen werden innerhalb von zwei Stunden Erwartungen und Wünsche erfüllt, die sich im wahren Leben nicht so schnell erfüllen lassen. Forscher an der Heriot-Watt-Universität in Edinburgh haben 40 Filmhits aus den Jahren 1995 bis 2005 auf ihren Realitätsbezug untersucht und kamen zum Ergebnis, dass diese sehr unrealistisch sind. Sie zeigten 200 Testpersonen je in einer Gruppe einen Beziehungsfilm und ein realistisches Sozialdrama und befragten sie danach. Die Menschen, besonders Frauen, die den Beziehungsfilm gesehen hatten, waren viel stärker als die andere Gruppe der Ansicht, dass die Liebe eine Frage der Vorherbestimmung sei und der Partner ohne viele Worte die Wünsche des Gegenübers erkennen könne. Durch solche Filme wird, so die Forscher, ein falsches Bild von einer Beziehung vorgespiegelt.

 

Beziehungen brauchen Zeit

Filme wie «Pretty Woman», «Für immer Liebe» oder «Wie werde ich ihn los – in 10 Tagen?» gaukeln den Zuschauern vor, es sei innert kurzer Zeit möglich, den perfekten Lebenspartner zu finden, der alle persönlichen Sehnsüchte stillt. Vor solchen Vorstellungen sind auch viele Christen nicht gefeit. Im realen Leben braucht eine Beziehung aber regelmässig das Gespräch, und es kann Jahre dauern, bis sich Liebe und Vertrauen soweit entwickelt haben, wie dies in den Filmen innerhalb von zwei Stunden gezeigt wird. 

 

1 Marti, Kurt «Dorfgeschichten»


Andy Schindler-Walch ist Filmspezialist; er bespricht Filme in mehreren Zeitschriften und für Radio Life Channel.

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