Gesellschaft

Vom Wutbürger zum Mutbürger

Alex Nussbaumer In einem Essay unter dem Titel «Der Wutbürger» im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel1» hat der Journalist Dirk Kurbjuweit diesen Ausdruck zwar nicht erfunden, aber nachhaltig geprägt. Er beschreibt den Wutbürger als Angehörigen eines bürgerlichen Milieus, welcher mit der bürgerlichen Tradition gebrochen und der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt hat. 

 

Wutbürger haben jahrzehntelang
gesetzestreu und obrigkeitsergeben gelebt. Nun aber sehen sie einen Punkt erreicht, an dem sie die Legitimität staatlicher Entscheidungen nicht mehr anerkennen; vor allem deshalb nicht, weil ihre individuellen Interessen berührt sind. Wutbürger sind vornehmlich ältere, wohlhabende und konservative Menschen. Sie wenden sich gegen als willkürlich empfundene politische Entscheidungen und zeichnen sich durch wachsenden Protestwillen aus. «Wutbürger» wurde 2010 zum deutschen «Wort des Jahres» gekürt2. Es fand sogar Eingang in den Duden.

 

Bewahren, was man hat

Im Protest gegen das Stuttgarter Bahnhofsprojekt «Stuttgart 21» äusserten sich auch wohlhabende und konservative Leute, die nicht mehr jung und früher staatstragend waren. CDU-Wähler und Rentner zeigten sich zutiefst empört über die Pläne der Politiker. 

Der Wutbürger wehrt sich gegen den Wandel. Er will nicht Weltbürger sein. Die Proteste von Wutbürgern sind Ausdruck einer skeptischen Mitte, die bewahren will, was sie hat und kennt. Sie nehmen in Kauf, dass ihre Aktionen unter Umständen zu Lasten der Zukunft des Landes gehen. Hierhin gehören z.B. wutbürgerliche Kampagnen gegen Windkraftanlagen. Wutbürger gehen aber nicht nur gegen Neubauten auf die Strasse, sie machen auch gegen soziale Projekte mobil. Im Gegensatz zu anderen Protestbewegungen richtet sich der Blick der Wutbürger nicht nach vorn auf eine neue, bessere Gesellschaft, sondern zurück auf das Bekannte, Altvertraute, das es gegen brachiale Modernisierung zu verteidigen gilt. Der Wutbürger ist also das Gegenteil des Weltverbesserers. Er wendet sich gegen alle, die anders leben, anders aussehen, anders glauben und gegen alles, das seine vertraute Umgebung unziemlich verändert.

 

Oben und unten

In einigen Medien wurden die Wutbürger auch als renitent, egoistisch und spiessbürgerlich beschrieben. Ein Wutbürger ist vor allem in Sorge um die eigene, kleine Welt, seinen Job und seine Familie. Die Identifikation mit Staat und Gesellschaft ist eher gering. Ein Wutbürger steht politisch nicht automatisch rechts; er hat keine starke ideologische oder parteipolitische Bindung. Er ist getrieben von einem glühenden Misstrauen gegenüber dem Parlamentarismus und demokratischen Institutionen.

Im wutbürgerlichen Weltbild herrscht eine klare Hierarchie: Auf der einen Seite sind «die da oben». Sie haben die Macht, die auf eine Art missbraucht wird, die einem anständigen Bürger die Galle hochgehen lässt. Diese Anständigen stehen auf der anderen Seite. Sie haben zwar nicht die Macht, aber die Moral auf ihrer Seite.

 

Protest als Segen

Nicht alle teilen die Einschätzung des Phänomens Wutbürger als kleinkarierte, egoistische und zukunftsvergessene Angsthasen. In einer Replik auf den erwähnten Spiegelartikel  bezeichnete Barbara Supp die Proteste gegen Stuttgart 21 als Segen für die Demokratie. Sie sprach nicht von Wut-, sondern von Mutbürgern.

Sind Christen nun Wutbürger oder Mutbürger? Betrifft ihr Gottvertrauen ausschliesslich ihr individuelles Ergehen? Oder wirkt es sich z.B. auch auf das Wohl der andern und das Abstimmungsverhalten aus? Das Vertrauen auf den dreieinen Gott gibt Hoffnung – auch im Hinblick auf die Zukunft unseres Landes. Diese Hoffnung verleiht Kraft. Wir müssen nicht – von Angst getrieben – als Wutbürger agieren, sondern können uns als Mutbürger für eine bessere Zukunft einsetzen.


1 Ausgabe 41/2010

2 Eine wutbürgerliche Cabaretnummer findet sich unter www.youtube.com/watch?v=zfclpHQ4c8Y 


Alex Nussbaumer hat zuerst Mathematik und Physik, später auch Theologie studiert.
Er ist heute Pfarrer in der reformierten Kirche Uster.

alex.nussbaumer@STOP-SPAM.zh.ref.ch 

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