Literatur

Die leise literarische Art, sich zu empören 

Dorothea Gebauer Draussen brummen Hubschrauber über Demos der «Wall Street Occupy» Bewegung,  drinnen tagen vom 25. April bis zum 1. Mai hundert Autoren aus der ganzen Welt. Drinnen ist nicht ganz richtig. Zwar ereignet sich das New Yorker PEN Literatur Festival  an prominenten Orten wie dem Goethe Institut oder dem Deutschen Haus der New York University, aber das Festival hat sich längst zu einem Riesenspektakel ausgeweitet und posiert von Harlem bis Brooklyn mit allerlei Ausserliterarischem. Man muss ja schliesslich irgendwie alle begeistern für das alte Medium Buch. 

 

Eine der zentralen Figuren des Festivals ist Salman Rushdie, der dort der Schriftstellerin Herta Müller begegnet. Beide haben sie für ihr Schaffen einen Preis bezahlt, beide setzen als wehrhafte Intellektuelle totalitärer Denke und Zensur die Freiheit der Literatur entgegen. 

 

Literatur als Wächterin der Freiheit 

Podiumsgespräche und Theatervorstellungen kreisen darum, wie eine Nation wie die USA, wie die europäischen Staaten einen Beitrag zu Offenheit und Demokratie weiterhin leisten können. Wie und ob Literatur im Zeitalter von virtueller Protestbewegung und digitalem Diskurs überhaupt bestehen kann. «Literatur», so sagt Rushdie, «ist mehr als das Buch, ist ureigentlich das Fundament für alles, was von Bedeutung ist». Ist das naiv?  

 

Wahrheit der Literatur versus Geschichtsfälschung 

Als wäre sie eine Antwort auf diese Frage, gastiert Nobelpreisträgerin Herta Müller beim New Yorker Fes-tival und liest in deutscher Sprache. Ihr Vehikel gegen Tyrannei und Machtgebaren ist nicht die lärmende Empörung. Es ist die präzise, unsentimentale Sprache, die auch mit
genialen Wortschöpfungen das
Unfassbare und Ungeheuerliche
beschreibt. In «Atemschaukel» protokolliert sie ein Stück europäischen Dramas, nämlich die Deportation von Rumäniendeutschen in die Sowjetunion nach 1945 und schildert darin das Grauen des Lagerlebens. Zweifach ist das Leiden der Opfer: Als die Deportierten zurückkehren, gibt es niemanden, der sich in Rumänien die Horrorszenarien anhören will. Herta Müller hat sich die Geschichten erzählen lassen, gibt den Opfern eine Stimme und damit Würde zurück. Während sie liest, rückt ganz nah, was vor längerer Zeit passierte, das Buch trifft und rüttelt auf. 

Schreiben im anonymen Netz trägt die Gefahr in sich, dass es kein Gegenüber und keine Geschichte gibt, vor der man sich zu verantworten hätte. Es verändert die Wahrnehmung von Wirklichkeit. Doch egal, ob man via  Buch oder online publiziert: Ein Autor, so zeigt Herta Müller, ist immer ein Wächter von grossen Geschichten und deren Wahrheitsgehalt. Nur wenn Europa eine aufrichtige Erinnerungskultur pflegt, eine im Kern jüdisch-christliche Tradition, wird es eine Zukunft haben. Die Charta des Internationalen P.E.N. stellt Autoren und Autorinnen in den Dienst von übergeordneten Werten und fordert Künstler auf, sich wahrheitswidrigen Äusserungen entgegenzustellen. 


Die Charta des Internationalen P.E.N. («poets, essayists, novelists»)

Der P.E.N.-Club vertritt die folgenden Grundsätze:

1. Literatur kennt keine Landesgrenzen und muss auch in Zeiten innenpolitischer oder internationaler Erschütterungen eine allen Menschen gemeinsame Währung bleiben. 

2. Unter allen Umständen, und insbesondere auch im Krieg, sollen Werke der Kunst, der Erbbesitz der gesamten Menschheit, von nationalen und politischen Leidenschaften unangetastet bleiben.

3. Mitglieder des P.E.N. sollen jederzeit ihren ganzen Einfluss für das gute Einvernehmen und die gegenseitige Achtung der Nationen einsetzen. Sie verpflichten sich, mit äusserster Kraft für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken.

4. Der P.E.N. steht für den Grundsatz
eines ungehinderten Gedankenaustauschs innerhalb einer jeden Nation und zwischen allen Nationen, und seine Mitglieder verpflichten sich, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäusserung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten. Der P.E.N. erklärt sich für die Freiheit der Presse und verwirft jede Form der Zensur. Er steht auf dem Standpunkt, dass der notwendige Fortschritt in der Welt hin zu einer höher organisierten politischen und wirtschaft-lichen Ordnung eine freie Kritik gegenüber Regierungen, Verwaltungen und Institutionen zwingend erforderlich macht. Und da die Freiheit auch freiwillig geübte Zurückhaltung einschliesst, verpflichten sich die Mitglieder, solchen Auswüchsen einer freien Presse wie wahrheitswidrigen Veröffentlichungen, vorsätzlichen Fälschungen und Entstellungen von Tatsachen für politische und persönliche Ziele entgegenzuarbeiten.

Quelle: www.pen-deutschland.de  

 

Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin  

dorothea.gebauer@STOP-SPAM.insist.ch 

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