Musik

Wut in der Musik

Jean-Daniel von Lerber Was unterscheidet eine «christliche Musikgruppe» von einer Band, die einfach nur Musik macht? Unser Autor gibt eine überraschende Antwort.

 

Am 12. Mai wurde ich vom OK des katholischen Weltjugendtages nach Muri AG eingeladen, um dort im Rahmen eines Workshops zum Thema «Aufbau einer christlichen Band» zu sprechen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde fragte ich die Teilnehmenden, worin denn der Unterschied zwischen dem «Aufbau einer christlichen Band» und dem «Aufbau einer Band» liege? Hm, tja, also … Es geht um den Text; um das, wovon bzw. worüber man singt. Stimmt. Und sonst noch …? Nun … Es kommt auf die Einstellung an. Auch richtig.

 

Warum nicht das Beste?

Als Denkhilfe stellte ich die gleiche Frage im Blick auf den Unterschied zwischen einem christlichen Bäcker und einem Bäcker. Die Kunden wollen gutes Brot kaufen. Sie messen den Bäcker daran, wie vortrefflich sein Brot mundet. Es gewinnt der Bäcker, der das beste Brot backt – seine christliche Einstellung ist dabei zweitrangig. Sein Glaube kann allerdings der Grund für seine guten Brote sein. Wenn für Gott nur das Beste gut genug ist, wieso dann nicht auch für die Kunden in der Bäckerei?

Auch Musiker sollten von dieser Haltung beseelt sein. Die Zuhörer sollen wegen der guten Qualität angesprochen werden – sowohl in musikalischer wie auch textlicher Hinsicht. Fromme Worte machen schlechte Musik nicht besser. Und technisch hervorragende Musiker werden durch miserable Texte abgewertet.  

 

Schein und Sein

Das Schlüsselwort heisst Authentizität. Auf Wikipedia steht dazu: «Als authentisch gilt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.» Im Unterabschnitt «MUSIK» ist vermerkt: «In populärer Musik wird Authentizität vielfach mit ‚Streetcredibility’ übersetzt.» 

Das ist interessant. Streetcredibility heisst laut Duden, dass jemand Respekt und Glaubwürdigkeit auf der «Strasse» hat. Er wird «im Volk» – also bei Ihnen und mir, beim Nachbarn, beim ganz normalen Bürger als echt wahrgenommen. Das geht aufs «Ganze»: Gefragt ist der ganze Mensch – mit seinen Emotionen, Fehlern, Zweifeln und Fragen. Nur die Summe all dieser Facetten kann zur Glaubwürdigkeit führen.

 

Wütende Christen

Ausgehend vom Thema dieses Magazins möchte ich sagen: Lasst uns wütend sein! Fröhlich, ängstlich und traurig sind wir mehr als genug. Wütende Christen habe ich bisher aber nur wenige getroffen. König David ist auch in dieser Hinsicht ein grosses Vorbild! Er hat Gott gegenüber kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um seinen Zorn über eine Situation oder Menschen ging.

Wut ist auch das Thema dieses «modernen» Mundarttextes:

Ich ha gnueg vo de Wält, wo nu oberflächlich grinset und mit dräckige Händ euses Gwüsse verschmiert. Ich ha gnueg vo de Wält, wo sich nu mit Schminki zeiget und sich clever verstellt, das me d’Wahret nöd gseht.

Es Mänscheläbe isch gar nöd wichtig, s’isch nu es Muschter ohni en Wert! Wottsch öppis säge, isch es nöd richtig, bisch nu es Muschter ohni Wert!

Ich ha gnueg vo de Wält, wo sich nach de Mehrheit richtet und für jedes Jahrzähnt neui Massstäb diktiert. Ich ha gnueg vo de Wält, wo im Wohlstand droht z’versinke, wo nu d’Banknote zellt, au wenn s’Läbe zerschellt.

Es Mänscheläbe …

Ich ha gnueg vo de Wält, wo nie nach em Schöpfer fraget, wo d’Natur schliesst mit Gwalt, jedes Land ruiniert. Ich ha gnueg vo de Wält, wo sich nu cha sälber rüeme und sich stolz eso stellt, wie wänns Gott gar nöd gäb.

Es Mänscheläbe …

 

Diesen Text habe ich vor 32 Jahren geschrieben! Es war der erste Song unserer ersten LP mit der Band «Marchstei». Zur Wut zu stehen, gehört dazu. Mir scheint, der Text trifft den Kern auch heute noch erstaunlich präzis. Das ist zwar erschreckend, aber authentisch. Und damit das, was eine «christliche» Band ausmachen sollte.

 

Jean-Daniel von Lerber ist seit 30 Jahren Kulturagent; er leitet PROFILE Productions in Richterswil ZH.

jean@STOP-SPAM.profile-productions.ch 

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