Pädagogik

Grenzgänger oder Mauernbauer? 

Andreas Schmid «Politiker sind süchtig nach Moral» – so formuliert es der Germanist Peter von Matt – «weil sie wissen, dass man sich profilieren kann, wenn man moralisch argumentiert1». Geopfert wird dabei allerdings die sachgerechte Auseinanderset-zung ... 

 

Im letzten Herbst bewegte das Thema (zu früher) Sexualunterricht die schulpolitische Diskussion. Das Thema wurde mit einer Petition sowie mit einer für dieses Jahr geplanten Volksinitiative lanciert. Beide richteten sich gegen vermeintliche entsprechende Vorhaben im Lehrplan 21. Auf Seiten der Petitionäre wurde mit letztlich zumeist haltlo-sen Unterstellungen, Mutmassungen und Ideologieverdacht agiert. Kein Zufall: «Das Ziel jeden Moralisierens ist die Produktion von Empörung», formuliert von Matt weiter, «wer die Empörung steuern kann, hat die Sache in der Hand». 

 

Moralische Mauern bauen 

Hinter dem Thema Sexualerziehung im Lehrplan 21 werden liberale moralische Positionen vermutet. Deshalb wurde von nicht wenigen Christen der Verlust der eigenen, religiös fundierten Vorstellungen befürchtet. Sie konnten sich deshalb in redlicher Absicht vorbehaltlos hinter die Petition und Initiative stellen, nahmen dabei jedoch in Kauf, in einer Reihe mit Politikern zu stehen, die Sachlichkeit und Sorgfalt beiseite lassen und das Thema für eigene Zwecke instrumentalisieren. 

Wer moralisierend argumentiert, baut Mauern auf. Der Effekt ist abgrenzend, primär nach innen gerichtet und dient der Vergewisserung der eigenen Anhängerschaft und Identität. Eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Standpunkten kann so nicht stattfinden. Moral jedoch ist immer eine Frage geteilter Weltanschauung und Werte. Von gemeinsamen Werten können wir in unserer sich säkular-pluralistisch verstehenden Gesellschaft aber nicht ohne weiteres ausgehen. Angesichts von notwendigerweise unterschiedlichen Ausgangspunkten wirkt eine zur Schau gestellte Empörung deshalb eher scheinheilig. 

Perspektiven und konstruktive Ansätze im Umgang mit weltanschaulich divergierenden Themen zu erarbeiten, fällt in beiden Lagern schwer. Im mit der Petition bekämpften Grundlagenpapier wird zum Beispiel ein unhinterfragbarer «gesellschaftlicher Konsens» als Ergebnis ethischer Überlegungen postuliert. Damit hebelt man das elterliche Dispensationsrecht aus, ohne dass der diesbezügliche Ausgangspunkt offengelegt, sorgfältig begründet und fachlich abgestützt wird – eine unzulässige Ausnivellierung bestehender Werte-Unterschiede. 

 

In Frage stellen 

Wenn der Schule Erziehungsaufgaben übertragen werden, nehmen auch die Werte- und Zielkonflikte zu, die sich aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Haltungen ergeben. Statt dass man diese Tatsache beklagt, müsste man sie anerkennen und die Spannungsfelder differenziert bearbeiten: Wer kann und soll Werte entwickeln, definieren und in der Folge vermitteln? Wie weit reicht der Auftrag der Schule in diesem Bereich2? Welche Rechte hat sie, wenn sie nicht nur Bildung sondern (moralisch) sensible Erziehungsinhalte vermittelt? Diese Fragen hinter dem Thema Sexualerziehung müssen grundsätzlich geklärt werden. Das von der EDK publizierte Positionspapier zum Rahmenentwurf des Lehrplans 21 polarisiert deutlich weniger als das erwähnte Grundlagenpapier und könnte als Diskussionsbasis
dienen3 – sofern man Unterstellungen und moralische Empörung weglässt! 

 

Das Gespräch erleichtern

Zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Zeilen liegt auf meinem Schreibtisch ein Flyer zum 1. Basler Forum für Grenzgänger. Die Veranstalter laden Christen aller Denominationen ein, als «Grenzgänger zwischen einer theologischen Perspektive der Ewigkeit und einer säkularisierten Umwelt aktuelle Herausforderungen zu reflektieren». Dies erfordere eine mehrdimensionale Auseinandersetzung und einen respektvollen Umgang miteinander, so der Einladungstext. 

Grenzgänger kennen beide Seiten. Sie wissen, woher sie kommen und können gerade deswegen auf abschottenden Mauernbau verzichten. Damit werden sie für Menschen mit anderem weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund zu einem ernstzunehmenden Gesprächspartner. In diesem Sinne möchte ich lieber Grenzgänger als Mauernbauer sein. 

 

1 «Samstagsgespräch», Interview mit Peter von Matt im Anschluss an die Hildebrand-Affäre; 

Tages-Anzeiger, 14.1.2012

 2 vgl. den Artikel «Gott in der Schule» von 

Rahel Katzenstein im Magazin INSIST 1/2012

 3 vgl. das Grundsatzpapier der Steuergruppe zum Lehrplan 21: www.lehrplan.ch/content/grundsatzpapier-zum-themenkreis-sexualität-und-lehrplan-21  

 

Andreas Schmid ist Dozent Berufsbildung im Sek I-Studiengang an der PHZ Luzern. Er hat nach einer Tätigkeit als Oberstufenlehrer Erziehungswissenschaften studiert und leitete zehn Jahre den Bildungs-und Ferienort Campo Rasa. 

aj.schmid@STOP-SPAM.bluewin.ch  

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