Politik

Die Wut im Strassenverkehr

Philipp Hadorn

 

In Gerlafingen fuhren bis vor kurzem schwere Lastwagen ungebremst zwischen der Autobahnausfahrt und dem Stahlwerk mitten durch das Industriedorf. Viele der knapp 5000 Einwohnerinnen und Einwohner erlebten, wie die schweren Brummer Fussgänger und Velofahrerinnen auch auf Radweg und Zebrastreifen gefährdeten – bis hin zu Unfällen. Vor wenigen Jahren beschlossen wir im Gemeinderat, dem Langsamverkehr Priorität zu geben. Nun wurden verkehrsberuhigende Massnahmen erarbeitet – zum Schutze der schwächeren Verkehrsteilnehmenden. Zum Massnahmenpaket gehörten u.a. Blumentöpfe, Aufpflasterungen, Dorfeinfahrtsverengungen, eine flächendeckende Tempo 30-Zone und markierte Parkfelder auf den Quartierstrassen. Und Bushaltestellen auf der Fahrbahn. Regelmässig entsteht nun zwischen den Bushaltestellen eine Kolonne mit motorisierten Vehikeln, die sich – drastisch verlangsamt – hinter den ein- und aussteigenden Buspassagieren einreihen.Natürlich bedeutet diese Entschleunigung für die Autofahrerinnen und Autofahrer ein erzwungenes Warten – gerade auch morgens und abends zu den Stosszeiten. … Und in den warmen Jahreszeiten, wenn die Fensterscheiben unten sind, kann man zwischen den Nachrichten aus dem Autoradio nicht selten auch wütende Worte der wartenden Autofahrer hören. Noch heute frage ich mich, ob es nur die Wut ist über den Zeitverlust im Stau oder vielleicht doch die Betroffenheit über die News aus dem Radio über Ungerechtigkeiten, Krieg, Not und Verschandelung der Schöpfung, welche die Wartenden derart provoziert. Jesus hat Gier, Geiz und den falschen Umgang mit Geld gegeisselt. Dabei genügten ihm vereinzelt auch messerscharfe Worte nicht mehr, und er schuf – z.B. im Tempelhof – neue Fakten. Möge Christus meine Wut erhalten und steuern!

 

Philipp Hadorn ist SP-Nationalrat und Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. Er lebt mit seiner Frau und drei Jungs in Gerlafingen SO, wo er sich in der Evangelisch-methodistischen Kirche engagiert. mail@STOP-SPAM.philipp-hadorn.ch, www.philipp-hadorn.ch  

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Politik

Die hässliche Mauer

Daniel Beutler-Hohenberger 

 

Eine Promotionstour für Israelreisen im Februar 2012 führte uns mit allerlei interessanten Menschen zusammen. Wir trafen Reiseleiter, Korrespondenten, Palästinenser, Kibbuznik und Armeevertreter und konnten mit ihnen die aktuelle Lage Israels und die verschiedensten Sichtweisen über die inneren und äusseren Konflikte diskutieren. Vor allem der Besuch im biblischen Kernland Samaria mit Sichem, dann Shilo und Beth-El hinterliess bei uns allen tiefe Eindrücke. Im Verlaufe unseres Aufenthalts fuhren wir auch durch Bethlehem und mussten am Checkpoint eine gewisse Wartezeit in Kauf nehmen. Das ermöglichte eine längere Betrachtung der Trennmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Ein hässliches Gebilde aus Betonelementen, das sich in einer Schlangenlinie quer durchs Land zieht. Ein notwendiges Übel, das die Terrorattacken in den israelischen Städten um 90 (!) Prozent reduziert hat. Die Mauer macht es möglich, dass man sich in Tel Aviv und Jerusalem wieder sicherer fühlt, wenn man sich in ein Strassencafé setzt oder einen Bus besteigt. Mir war bekannt, dass es viele Kontroversen um diese Mauer gibt. Als ich am Abend aber im Internet darüber recherchierte, stockte mir der Atem über gewissen Stellungnahmen. Ausgerechnet von christlichen Organisationen und ihren Exponenten konnte man Aussagen bis hin zu Boykottaufrufen gegen Israel lesen, die bei mir nur noch Wut erzeugten. Wieviel Ignoranz darf sich noch «christlich» nennen? Wieviel bodenlose Blauäugigkeit darf sich noch als «barmherzig» bezeichnen? Hier geht es um Menschenleben! Ist jüdisches Leben weniger wert als zerstückeltes arabisches Landwirtschaftsland? Als ich auf der israelischen Seite die kleinen jüdischen Kinder sah, dachte ich bei mir: «Ja, für meine Kinder würde ich auch eine solch hässliche Mauer bauen!»

 

Dr. Daniel Beutler-Hohenberger ist Hausarzt und Publizist sowie Mitglied der Redaktion des «EDU-Standpunkt».

dan.beutler@STOP-SPAM.hin.ch

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