Psychologie

IV-Renten für «Eigenbrötler» und «Besserwisserinnen»?

Beat Stübi  «Bitte denken Sie an einen Mitarbeiter, dessen Verhalten ‚schwierig’ und für Ihren Betrieb mit besonderen Problemen verbunden war.» Diese Einstiegsfrage wurde in einer Umfrage über 1000 Basler Vorgesetzten und Personalverantwortlichen gestellt. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) wollte mit einer Studie1 die Dynamik von psychischen Problemen am Arbeitsplatz besser verstehen.

 

Die Befragung in Basel zeigte, dass 25 Prozent der Mitarbeitenden psychische Probleme mit Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit aufweisen. Genannt wurden u.a. Leistungseinbussen oder Krankheitsausfälle. Dies ist eine grosse Belastung für die Betriebe. 

 

Zwischenmenschliche Probleme

Interessanterweise sind dies aber nicht die Hauptprobleme: Am meisten «Nerven gekostet» haben die zwischenmenschlichen Probleme mit diesen Mitarbeitenden. Dies zeigte sich intuitiv auch an den Spitzna-men, welche die Vorgesetzten an ihre «schwierigen Mitarbeitenden» zur administrativen Kennzeichnung vergeben mussten: Eine Mitarbeiterin mit angeberischem Verhalten wurde als «Besserwisserin» bezeichnet, eine depressive Mitarbeiterin als «Heulsuse» und ein Mann mit auffälligem Verhalten als «Eigenbrötler». Die Vergabe dieser spontanen Spitznamen hatte in der Studie wahrscheinlich eine Art «Ventilfunktion». Sie bestätigen, dass Mitarbeitende mit psychischen Problemen für Vorgesetzte und Teams eine grosse emotionale Belastung sein können. Die meistgenannten konkreten Verhaltensauffälligkeiten waren nicht diagnostisch relevant, sondern beschrieben Alltagsverhalten wie «Launenhaftigkeit» oder «Konzentrationsprobleme».

 

Psychisch Kranke integrieren

In den letzten Jahrzehnten haben die IV-Renten für psychisch kranke Menschen stark zugenommen, heute machen sie bereits 40% des ganzen Rentenbestandes aus. Statistisch gesehen ist es aber nicht so, dass heute mehr Menschen psychische Probleme haben als früher! Es ist jedoch schwieriger geworden, mit psychischen Problemen am Arbeitsplatz zu bestehen. Das Ziel der 6. IV-Revision ist es, in den nächsten Jahren 17‘000 heutige IV-Rentnerinnen und Rentner wieder in die Wirtschaft zu integrieren. Dieses Ziel wirkt sehr ambitiös, wenn schon heute die Betriebe mit psychisch kranken Menschen überfordert sind. In der Basler-Studie zeigte sich dies deutlich: Anfänglich reagierten viele Vorgesetzte engagiert und verständnisvoll. Mit den konkreten psychischen Problemen ihrer Mitarbeitenden waren sie aber überfordert und wussten schliesslich doch nur eine Lösung: die Kündigung. 

Ein Abteilungsleiter einer grossen staatlichen Behinderteninstitution nannte mir vor Kurzem zwei Typen von Vorgesetzten, welche Menschen mit psychischen Problemen einstellen: Einerseits persönlich Betroffene, die psychisch kranke Bekannte oder Verwandte haben. Anderseits Vorgesetzte mit christlichen Überzeugungen. Ich teile diese Erfahrung: In der Stiftung «sbe» finden wir immer
wieder christlich motivierte Unternehmerinnen und Unternehmer, welche unseren beeinträchtigten Lernenden eine Chance geben. Sie und ihre Teams brauchen aber die professionelle Unterstützung von Fachleuten, so genannte «Job Coaches», damit die Zusammenarbeit mit den psychisch beeinträchtigten Mitarbeitenden längerfristig gelingt. Es ist hilfreich, wenn Probleme nicht als «Charakterprobleme» eingeordnet, sondern als Symptome einer psychischen Problematik verstanden werden. Entsprechend kann dann reagiert werden.

 

1 Baer, N., Frick, U., Fasel, T. & Wiedermann, W. (2011). «Schwierige» Mitarbeiter – Wahrnehmung und Bewältigung psychisch bedingter Problemsituationen durch Vorgesetzte und Personalverantwortliche. Bericht im Rahmen des Forschungsprogramms zu Invalidität und Behinderung. Bern: Bundesamt für Sozialversicherungen.


Beat Stübi ist Psychologe FSP und CEO der «Stiftung sbe» für berufliche und 

soziale Eingliederung. 

beat.stuebi@STOP-SPAM.gmx.ch

To top