Religionen

Ein Mormone an der Spitze der USA?

Georg Schmid Dass ein Mormone Präsident der USA werden könnte, war noch vor einem halben Jahrhundert ein unvorstellbarer Gedanke. Ist der Glaube der «Heiligen der letzten Tage» unter Christen in den USA «salonfähig» geworden?

 

Patriotismus konnte man den Mitgliedern der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage» nie absprechen.

 

Liebe zu Amerika

Für die Jünger des ersten Propheten und Präsidenten der Kirche, Joseph Smith war und ist Amerika neben Palästina/Israel das zweite heilige Land. Schon das Paradies befand sich – so wird fromm vermutet – in Amerika. Noah wurde dann aber mit seiner Arche über den Atlantik getrieben, worauf  die Menschheit sich im vorderen Orient weiter entfaltete. Noch in vorchristlicher Zeit fanden aber Teile des Volkes Israel wieder nach Amerika. Auch Jesus besuchte nach seiner Auferstehung in Jerusalem Amerika, um dort sein Evangelium nochmals zu verkünden und seine Kirche einzusetzen. Kurz – die Liebe zu Amerika treibt in der Mormonenkirche die farbigsten Blüten.

Auch die Familientreue der Mormonen ist mindestens seit der Zeit, als sie sich 1890 offiziell von der mormonischen Praxis der Polygamie lösten, ein weitherum anerkanntes Markenzeichen der Kirche. Anerkennung findet auch das grosse soziale Engagement der Mormonenkirchen.

 

Fragen bleiben

Trotzdem: Auch wenn eventuell ein Mormone ins Weisse Haus einziehen wird,  mit uneingeschränkter Anerkennung kann die Mormonenkirche auch in Zukunft nicht rechnen. Christen werden sich nach wie vor fragen, wie denn z.B. die «Offenbarungen» an den Propheten Joseph Smith in der Spätphase seines Lebens sich mit einem biblisch fundierten  Glauben in Einklang bringen lassen. Gott hat – so wird prophetisch spekuliert – einen Körper, wohnt auf einem Planeten und ist verheiratet. Er war früher einmal selbst Mensch und hat sich nun zu Gott entwickelt. Gott war, was wir sind, und wir werden sein, was Gott jetzt ist. Er wird sich aber dannzumal wieder weiter entwickelt haben.

Zudem hinterfragen Christen und Nichtchristen – und zunehmend auch junge Mormonen – weiterhin auch die Glaubwürdigkeit des Propheten, der «goldene Platten» mit «ägyptischen Zeichen» übersetzt und Zeugen vorgelegt habe, wobei die Platten  einmal nur im engsten Umkreis von Josef Smith «gesehen» wurden, ein anderes Mal vor weiteren Zeugen in Tücher gehüllt waren. Die so genannte «Übersetzung» dieser Botschaft enthält nicht nur manche historische Unmöglichkeiten. Sie wirkt durchs Band romanhaft ideenreich. Weil der Prophet einmal nicht nur angeblich goldene Platten, sondern einen effektiv vorliegenden ägyptischen Papyrus übersetzt und das Resultat als «Buch Abraham»  in den Kanon der heiligen Schriften eingefügt hat, liessen sich in neuerer Zeit seine Übersetzungskünste anhand des wieder entdeckten ägyptischen Originals nachprüfen. Joseph Smith hatte selbstverständlich absolut keine ägyptologischen Kenntnisse. Er hat an keiner Stelle übersetzt. Er hat nur wild phantasiert.

Kurz: Auch weiterhin werden viele die Mormonen bewundern in manchen Werten, die sie vertreten. Aber im Detail betrachtet wirkt ihr Glaube nach wie vor skurril.

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@swissonline.ch

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