Theater

Wut ist kein Selbstzweck

Interview: Adrian Furrer Die Theaterbühne gilt als Ort, wo Gefühle ihren freien Raum haben können. Tut Wut also dem Theater gut? Unser Kolumnist sprach darüber mit der Theaterregisseurin Sandra Strunz1.

 

Magazin INSIST: Sandra Strunz, kann man sagen, dass Wut für etliche Ihrer Arbeiten ein wichtiger Motor ist?

Sandra Strunz: Lang habe ich gesagt, dass die Sehnsucht der Figuren der wichtigste Beweggrund für meine Inszenierungen ist. Aber natürlich treffe ich als politisch denkender Mensch immer wieder auf Themen und gesellschaftliche Prozesse, die mich ausserordentlich empören, und eigentlich verstehe ich nicht, dass man in der subventionierten Kunst Dinge machen kann, die nicht politisch sind, das macht mich dann wütend. Wir leben in einer so ruinösen und destruktiven Gesellschaft: Wie kann man da etwas anderes machen wollen, als sich darum zu sorgen, dass das verändert wird?

 

Ist Ihre letzte Arbeit «Die Unsicht-baren2» auch aus der Empörung entstanden? 

Sie ist aus einem Interesse entstanden. Ich bin nicht mit dem Ziel angetreten, ein politisches Statement abzugeben oder einen theatralischen Informationsabend zu veranstalten. Mich haben die individuellen Geschichten dieser Menschen interessiert. Im Verlauf der vertieften Beschäftigung mit den Gründen und Umständen, aus denen heraus sie sich auf den Weg gemacht haben, sind dann allerdings schon ziemlich heftige Gefühle aufgebrochen: Entsetzen, Ohnmacht und auch Wut, als mir klar wurde, wie stark wir verdrängen, dass die Misere in den Ländern, aus denen die Leute fliehen, ganz direkt mit unseren wirtschaftlichen Bedürfnissen zusammenhängt. Zugespitzt formuliert: Wir beuten die Rohstoffe aus, lassen die Meere leerfischen und wundern uns dann, wenn diese Menschen zu uns kommen wollen; wo sollen sie denn sonst hin?

 

Kann man eine solche Wut eins zu eins auf die Bühne übertragen?

Es war uns in unserem Abend wichtig, keine leiddurchtränkten Texte über die Seelenzustände der Personen zu deklamieren, sondern einfach das, was ihnen zustösst auf ihrer Wirtschaftsflucht, möglichst genau zu erzählen und zu verkörpern. Auch der lange Wutmonolog zum Schluss, der die ganzen Verstrickungen unserer westlichen Welt mit den Katastrophen in den ärmsten Ländern zum Thema machte, von Glencore über Nestlé bis zu den Waffengeschäften, war angebunden an die Verzweiflung der Figur. Wut als Selbstzweck auf der Bühne ist kein ausreichendes Gefühl, Emotionen sollen im Zuschauer entstehen. Es geht im Theater, in der Kunst überhaupt, darum, einen ästhetischen Raum zu schaffen, in dem es dann möglich wird, die Sinne und Gefühle der Betrachter zu erreichen, ihre Herzen zu bewegen. Und wenn dann zum Beispiel Wut entsteht, soll diese Emotion sich mit einer Erkenntnis paaren.

 

Aber ist es nicht etwas vom Aufregendsten und Faszinierendsten im Theater, einem Schauspieler zuzuschauen, der seinen Emotionen, seiner Wut freien Lauf lässt? 

Tatsächlich kann das etwas sehr Befreiendes oder auch Kathartisches3  haben, wenn ein Spieler oder eine Spielerin in einer Entgrenzung die Selbstkontrolle hergibt. Das ist ja auch ein Teil der Berechtigung und Notwendigkeit von Theater: ein Ort zu sein, an dem Extremzustände so direkt und intensiv erlebt werden können wie sonst nirgends. Der Schauspieler ist dann der, der die Spannungen, die in unserem Selbstwerdungs- und Anpassungsprozess notwendigerweise entstehen, stellvertretend thematisieren und ausagieren kann. Dass der Schauspieler bzw. der Künstler diese Aufgabe übernehmen kann, ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Obwohl selber davon natürlich überhaupt nicht frei, empfinde ich im privaten Bereich Wut – oft ein Ersatz für verdrängte Angst oder Trauer – als höchst problematisch, als egoistisch und undifferenziert. Im Spiel aber wird sie zur Diskussion (aus)gestellt und hält uns einen Spiegel hin für das, was in uns alles noch schlummert und verarbeitet werden muss.

 

1 Sandra Strunz studierte in Hamburg Regie und inszeniert seither sowohl an grossen Schauspielhäusern wie Hamburg, Zürich oder Dresden als auch in der freien Szene. Im Jahr 2000 wurde sie als beste Nachwuchsregisseurin ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich. 

2  Die letzte Arbeit von Sandra Strunz «Die 

Unsichtbaren» am Theaterhaus Gessnerallee Zürich, war eine performative Rekonstruktion aus dokumentarischem und literarischem 

Material über Wünsche, Sehnsüchte, Ängste 

und Hoffnungen afrikanischer Flüchtlinge.

3 «Reinigendes»

 

Adrian Furrer ist professioneller Schauspieler und lebt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

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