Spiritualität

Grundhaltungen für die Spiritualität am Montag

Markus Lerchi Wenn ich aus meiner christlichen Grundüberzeugung heraus meinen Alltag gestalten und meinen Beruf ausüben will1, ist es grundlegend, dass ich meine Gottesbeziehung auch im Alltag bewusst einübe und pflege. 

 

Dazu sind mir in den letzten Jahren Grundintentionen aus der Regel des Benedikt von Nursia eine grosse Hilfe geworden. Was 1500 Jahre lang Bestand hatte, wird wohl auch in der heutigen modernen Zeit, auch in meinem Leben hilfreich sein. Auch wenn ich nicht in einem Kloster lebe.

 

Zeit

Um das geistliche Leben im Alltag zu fördern ist es wichtig, gute Rhythmen zu finden: von einer guten Tagesstruktur bis hin zum Wechsel der Zeiten übers Jahr. Im heutigen Lärm der Zeit ist es ganz schwierig, sich Freiräume für das Hören auf Gott freizuhalten. Und doch ist es unerlässlich, im Alltag nicht nur an die Arbeit in Beruf, Haushalt und Familie zu denken, sondern auch das Beten nicht zu vergessen. Immer wieder, nicht nur am Sonntag im Gottesdienst. 

Mir hilft die Merkregel: 10 Minuten pro Tag – eine ganze Stunde am Stück pro Woche – einen stillen Tag pro Monat – eine Retraiten-Woche pro Jahr. Das lässt sich ganz frei, vielfältig und auf kreative Weise umsetzen. Ein Bekannter von mir etwa geht immer am Samstag mit seinem Hund eine Stunde lang spazieren. Das macht sonst seine Frau. Aber einmal pro Woche verbringt er auf diese Weise seine «Stunde mit Gott». Den «Tag pro Monat» versuche ich in Form eines Stille-Wochenendes pro Quartal zu realisieren. Wenn ich das anderen erzähle, höre ich sofort massiven Einspruch: «Du hast es gut als lediger Mann, da geht so etwas. Aber ich als berufstätige Mutter bzw. als berufstätiger Vater kann so etwas glatt vergessen.» Da wage ich zu widersprechen. Auch mir als Single fällt das nicht leicht. Ohne bewusste Planung – und Verzicht auf anderes – würde sich kaum je mal ein Retraiten-Wochenende «einfach so ergeben». 

Gerne denke ich an einen Familienvater, der mir einmal freudestrahlend erzählt hat, sie hätten das als Ehepaar versucht: Er habe seine Frau ein Wochenende lang von allen Haushaltpflichten entbunden. Die beiden Jungs seien ganz glücklich gewesen, mal den Papi ganz für sich zu haben; und die Mutter habe mit ihrer Freundin ein Stille-Wochenende in einem Einkehrhaus genossen. Eine Win-win-Situation für alle vier Familienmitglieder.

Ebenfalls zu diesem Themenbereich gehört, dass ich ganz bewusst nicht immer überall und sofort erreichbar bin. Neue elektronische mobile Medien hin oder her. Ganz besonders in den Ferien. Es tut mir unglaublich gut, in der unterrichtsfreien Zeit mal wirklich abzuschalten und ganz wegzugehen. Nicht nur im örtlichen Sinn, sondern auch mit den Gedanken weg von Schule und Schülern zu sein.

 

Lektüre

«Lectio» – gute geistliche Lesung – ist ein anderes wichtiges benediktinisches Stichwort. Die Lesung pflege ich auf zwei Arten. Zum einen lese ich wenn immer möglich täglich in der Bibel. Zur Zeit (und wohl noch einige Jahre) bin ich daran, mal wieder die ganze Bibel von vorne bis hinten zu lesen. Dazu verwende ich «Erklärt – Der Kommentar zur Zürcher Bibel» und lese so Spalte für Spalte die Bibel und den dazugehörigen kurzen Kommentar für interessierte Laien. Das finde ich echt spannend. 

Zum anderen lese ich ständig ein nicht allzu schweres, in weitestem Sinne geistliches Buch. Die Zeit dazu nehme ich mir tagsüber oder auch am frühen Abend. Statt mehr oder weniger gedankenlos im Tram am Abend in einer Gratiszeitung zu blättern, lese ich auf diese Weise drei bis vier Bücher pro Jahr – quasi nebenbei.

 

Gemeinschaft

Noch ein letzter Hinweis auf ein Stichwort, das Benedikt auch ganz wichtig war: Gemeinschaft. Als Single muss ich der Gemeinschaft ganz besonders Aufmerksamkeit widmen. Aber möglicherweise ist das auch in Familien nicht wesentlich anders, wenn man sich längerfristig nicht nur um die eigene (Ehepaar- oder Familien-)Achse drehen will. Das heisst, bewusst langfristige, beständige Freundschaften zu pflegen, sich in berufs- oder hobbyorientierte Gruppen einzubringen – und zwar nicht nur im frommen Umfeld. Das will ich gezielt einüben – mitten im Alltag. 

 

1  Siehe auch den Beitrag von Markus Lerchi auf Seite 32


Dr. Markus Lerchi ist Chemiker und Ethiker und freier Mitarbeiter bei den Vereinigten Bibelgruppen (VBG) im Bereich Spiritualität.

Markus.lerchi@STOP-SPAM.bluemail.ch 

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