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Was Provokationen auslösen

Hanspeter Schmutz Warum reagieren viele Muslime so anders auf religiöse Provokationen als Menschen aus christlich geprägten Ländern? Und: Was hat der Flügelschlag eines Schmetterlings in der Schweiz mit dem Klima in Puerto Rico zu tun?

 

Satire «muss alles dürfen», sagte der 77-jährige Däne Kurt Westergaard kürzlich trotzig gegenüber der Zeitung «Der Bund1». Er hatte mit seiner Karikatur «Mohammed mit Bombenturban» 2005 erstmals weltweit gewalttätige Proteste ausgelöst und dabei mit seiner Botschaft Recht bekommen. 

Mehrere islamkritische Provokationen später sorgt nun der blasphemische Mohammed-Film «Die Unschuld der Muslime» für neue Aufregung. Eine unfruchtbare und peinliche
Provokation, zweifellos. Aber gab es in der Vergangenheit nicht schon mehrere blasphemische Jesus-Filme?
«Jésus de Montreal» (1989), um einen der harmloseren zu nennen, wurde sogar für den Oscar nominiert. Und gibt es im islamischen Raum nicht immer wieder anti-jüdische und anti-christliche Provokationen? Dass diese Nadelstiche kaum zu Reaktionen in der westlichen Welt geführt haben, zeigt weniger die Kraftlosigkeit des christlichen Glaubens, sondern viel mehr die ihm innewohnende kulturelle Wirkung bis heute. 

Christliche Kirchen und Kathedralen wurden oft auf dem Grundriss eines Kreuzes errichtet. Bei Christus und seinem Tod am Kreuz stossen wir
auf das Fundament des christlichen Glaubens. Hier stirbt der Sohn Gottes für alle, die wegen ihres Widerstandes (oder ihrer Gleichgültigkeit) gegen den Gott des Lebens den Tod riskieren. Im Drama zwischen Gut und Böse übernimmt Jesus die Folgen des Bösen, um uns das Gute zu ermöglichen. Christus will uns zu Freunden machen. Er will uns durch Liebe und Überzeugung und nicht durch Drohung oder Zwang gewinnen. Das sagt uns das Kreuz.

Auch wenn die Kirchen im Verlaufe der Geschichte dieses Fundament immer wieder verleugnet haben – die Grundbotschaft bleibt bestehen. Echtes Christsein entwickelt sich nur in einer Atmosphäre der Toleranz, die es erlaubt, von Jesus wegzugehen2. Diese Entscheidung hat – wie jede andere – ihre Folgen, die Entscheidungsfreiheit bleibt aber gewahrt. Die politisch dazu passende Ordnung ist die Demokratie. Die Toleranz des christlichen Glaubens und der Freiraum der Demokratie ermöglichen eine von allen getragene gesellschaftliche Entwicklung zum Guten. Und das wäre eigentlich allen Menschen weltweit zu gönnen.

 

Im Vorfeld zur diesjährigen Jahrestagung der Kampagne «Stopp-Armut-2015» am 15. September 2012 fand in Thun eine internationale Konsultation von «Micah Network3» statt. Dabei kam es auch zu einer Begegnung zwischen evangelikalen Parlamentariern aus dem Nationalrat und Vertretern von «Micah Network», organisiert von der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) und dem Verband der Freikirchen Schweiz (VFG). 

Ruth Padilla Deborst, Tochter des evangelikalen «Befreiungstheologen» René Padilla, erläuterte gegenüber den Parlamentariern den bekannten Schmetterlings-Effekt mit der ursprünglichen Grundfrage: «Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?» Der Flügelschlag eines Schmetterlings in der Schweiz, so Ruth Padilla, könne in der Tat sehr viel auslösen. Und zwar ganz direkt in ihrer derzeitigen Heimat Puerto Rico. Die vermögenden Puerto Ricaner hätten ihr Geld dank dem Bankgeheimnis zu einem grossen Teil bei Schweizer Banken versteckt, um Steuern umgehen zu können. Somit müssten die Mittelklasse und die ärmeren Volksschichten den Steuerhaushalt von Puerto Rico bestreiten. 

Nun, eigentlich wusste man ja schon vor mehr als 10 Jahren, dass das ursprünglich gut gemeinte Bankgeheimnis immer mehr für die Steuerumgehung missbraucht worden ist4. Und bekanntlich dringt das ungute Treiben im Schutze der Geheimnistuerei unter internationalem Druck langsam aber stetig ans Licht. Das bringt Puerto Rico aber noch wenig. Ruth Padilla jedenfalls machte aus ihrer Bitte zuhanden der Parlamentarier und der Vertreter der SEA und des VFG kein Geheimnis: «Wir brauchen von der Schweiz nur eines – mehr Gerechtigkeit!» 

Vielleicht können wir unseren Bemühungen in der Entwicklungszusammenarbeit ja noch ein weiteres kleines Zeichen beifügen: den Flügelschlag eines Schmetterlings, der das wirtschaftliche Klima von Puerto Rico zum Guten verändert.

 

1  «Der Bund» vom 18.9.12

2  Joh 6,67

3  Diese evangelikale Bewegung beruht auf der «Micah Challenge» Kampagne, die das prophetische Buch Micha als Aufforderung für das sozialpolitische Engagement gegen die weltweite
Armut versteht.

4  Siehe das Bulletin aus dem VBG-Institut vom Januar 2006 unter www.insist.ch (Service-Teil)

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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