Spiritualität am Montag

Das «Fromme» tun

Markus Lerchi Während meiner Studienzeit wohnte ich in einer grossen Wohngemeinschaft mit acht Leuten, die allesamt in der gleichen Kirchgemeinde engagiert waren. Mein ehrenamtliches Mitarbeiten betraf vor allem die Hauskreisarbeit und das verantwortliche Mitleiten und Gestalten eines vierzehntäglichen Gottesdienstes für junge Erwachsene. 

 

Neben organisatorischen Tätigkeiten übernahm ich sehr oft die Aufgabe, «vorne zu stehen». Ich gab biblische Impulse, leitete Andachten und hielt Predigten. Das war die eine Seite, wie mich die jungen Leute, Freundinnen und Freunde in der Gemeinde erlebten. 

Eine ganz andere Seite war mein alltägliches Leben in der WG. Das bekamen nicht nur meine Mitbewohner hautnah mit, sondern auch manche Besucher, die bei uns ein und aus gingen. Einmal drückte ich mich – mit einer zugegebenermassen schwachen Begründung – vor dem jährlichen grossen «Gartentag», an dem wir zum Jäten, Heckenschneiden und zum Entsorgen des Grünabfalls aufgerufen waren. Das kam gar nicht gut an. Vor allem nicht, weil ich am Folgetag eine grössere Hauskreisrunde leitete und bei dieser Gelegenheit einen ganz tollen, frommen Input weitergab ...

 

Die alltäglichen Dinge

Dieses Erlebnis hat mich etwas ganz Wichtiges gelehrt. Es ist eine Sache, was und wie ich vor einem geneigten Publikum fromm rede. Natürlich kann ein solcher Input die Zuhörenden ansprechen und sie (hoffentlich öfter mal) in ihrem Glauben weiterbringen und näher zu Jesus führen. Wie ich im ganz gewöhnlichen Alltag lebe, mich im Haushalt oder auf der Strasse verhalte, ob ich meine WG-Ämtli mache oder eben nicht, diese Dinge sind aber mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar wichtiger. Mein Handeln wird sehr aufmerksam und fein, oft unbewusst und intuitiv wahrgenommen. Dies ist vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Fall. Je älter ich werde, umso mehr wächst meine Überzeugung, dass das unspektakuläre Zeugnis in alltäglichen Dingen, ob ich also mit meinem Leben einladend bin für ein Leben als Christ oder nicht, für andere bedeutsamer ist als das, was ich gewissermassen in «offizieller Mission» als Christ sage oder schreibe.

 

Christsein als Chemielehrer

Heute bin ich Gymnasiallehrer für Chemie. «Worin zeigt sich dein Christsein im Beruf?» werde ich ab und zu gefragt. Meine Antwort darauf ist nicht ganz einfach, und doch im Grunde genommen simpel: Es soll sich zeigen in meiner alltäglichen Art und Weise, wie ich mit den Menschen (und Dingen!) an meinem Arbeitsplatz umgehe. Primär mit den Schülerinnen und Schülern, aber auch mit dem Lehrerkollegium, der Laborantin, dem Putz-personal und der Schulleitung.

So kann ich von meinen Klassen nicht Pünktlichkeit einfordern, wenn ich mir selber nicht Mühe gebe, beim Gongschlag bereit zu sein. Oder es macht sich schlecht, wenn ich von meinen Schülerinnen erwarte, dass sie gewisse chemische Formeln auswendig lernen, selber aber auch nach einem halben Jahr die Namen meiner Schüler noch nicht kenne. Oder ich finde, dass sich Klassen zu Recht aufregen dürften, wenn ich selber nicht bereit bin, Prüfungen zu verschieben, aber ewig lange mit den Korrekturen – und Noten – auf mich warten liesse.

Alle sollen merken, dass ich Leistung in meinem Schulfach trenne von der persönlichen Wertschätzung den Schülerinnen und Schülern gegenüber. Wie weit dies im Alltag auch gelingt, weiss ich natürlich nicht. Eine Hilfe dazu ist, dass ich oft für sie bete. Das kann in meiner Stillen Zeit am Morgen sein, irgendwann tagsüber unterwegs, in den Ferien, in der Schule oder auch im Rahmen eines VBG-Gebetstreffens für Mittelschullehrkräfte. Eine besonders geeignete Zeit zum Beten sind die Prüfungen. Da sind die Schüler voll beschäftigt – und ich habe nichts zu tun. Langsam gehe ich dann in Gedanken betend durch die Reihen. Bei den Erstklässlern tue ich dies anhand der Klassenphoto auf dem Pult und merke mir dabei gleich die Namen. Ich bete z.B. darum, dass die Schülerinnen und Schüler die Leistung aufs Papier bringen können, die ihrem Können auch entspricht. Oder dass Gott diesen jungen Menschen den Weg ins Leben hinein weist, so dass sie aufblühen und sich mit ihren spezifischen Gaben in unsere Gesellschaft einbringen können. Auch wenn diese wohl in den meisten Fällen nicht im Bereich der Chemie liegen.  

 

Dr. Markus Lerchi ist Gymnasiallehrer für Chemie und Ethik. Ausserdem ist er freier Mitarbeiter bei den Vereinigten Bibelgruppen (VBG) im Bereich Spiritualität.

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