Beruf und Berufung

Ein Gefäss, die Kirche zu erneuern

Dorothea Gebauer Zunächst scheint Christa Gerber der eigene Lebensweg klar: Heiraten, Kinder bekommen – das Übliche, «Normale» eben. Doch mit 22 Jahren macht sie eine intensive geist-liche Erfahrung. 

 

Im Tanz vor Gott spürt Christa Gerber seine Gegenwart und eine «ganz grosse Freude». Damit verbunden ist die «Einladung» zu einem ehelosen Leben. Schritt für Schritt wird ihr deren Bedeutung aufgehen. Jetzt lebt die nun 34-Jährige im «El Roi1», einem evangelischen Stadtkloster in Kleinbasel.    

 

Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam

Die reformierte Pfarrerin sucht noch während des Theologiestudiums Literatur zum Thema Zölibat und stösst auf die sogenannten Evangelischen Räte «Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam». Sie lernt dabei interessante Menschen wie Theresa von Avila kennen, die als Frau im
ultrakonservativen Spanien ein mutiges und tiefes geistliches Leben wagt. Von der Radikalität eines Franz von Assisi ist sie angetan. Sie liest von Luther, der mit seinem Schritt vom Kloster in die Ehe die Norm für die Kirchen der Reformation setzte. «Statt Fehler des Mönchtums zu korrigieren, hat man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet», sagt Gerber dazu. Damit sei auch die Berufung zum zölibatären Leben abgewertet worden. Ohne Klöster fehle der Kirche Entscheidendes: «Wir haben eine Triebkraft zu Reformen und zu einem lebendigen Glauben weggeworfen. Ein wichtiges Gefäss zur Erneuerung ist der Kirche verloren gegangen», so Gerber.  

 

Das Kommunitäre ist attraktiver   

Nach einem Aufenthalt in Kanada besucht Christa Gerber Kommunitäten und lernt viele attraktive Gemeinschaften kennen. Doch der Funke springt nicht über. «Nun ziehe ich erstmal das Vikariat durch», sagt sie sich und macht wichtige Berufserfahrungen. Sie merkt, dass ihr das Pfarrerinnendasein gefällt. Dazwischen lernt sie auch einen Mann kennen. «Eine schöne Erfahrung!» Aber das kommunitäre Leben bleibt attraktiver. Gott habe sie durch diese Erfahrung herausgefordert zur Frage: «Was willst du?» Er habe ihre freie Entscheidung gewollt. 2007 lernt sie in Italien ein junges, dynamisches ökumenisches Kloster kennen. In der Auseinandersetzung mit dem ita-lienischen katholischen Kontext wird ihr jedoch bewusst: Ich möchte in meiner, der reformierten Kirche bleiben. Da gehöre ich hin. Sie hat mich ordiniert. 

 

Ein von Gott geführter Zeitpunkt

In diesem Zusammenhang lässt sie die evangelische Kommunität El Roi nicht mehr los. Ihr gehören Schwester Margrit Schmid, Schwester Ruth Sutter und Schwester Annekäthi Kachel an – eigenständige, interessante Frauen. Deren Frömmigkeitsstil und Spiritualität passen zu Christa Gerber. Sie spürt Spiel- und Gestaltungsraum. Zum Zeitpunkt ihrer Begegnung wollen die drei die Kommunität gerade schliessen. «Oder es muss was Neues werden», sagen die Schwestern, die bereits seit 23 Jahren in Kleinbasel ihren Dienst tun. Christa Gerber lebt einen Monat mit ihnen. Sie kann sich immer besser vorstellen, in dieser Gemeinschaft zu leben und so eine neue Phase einzuläuten. Ihre Erfahrung beim Tanzen vor Gott erfährt nun die eigentliche Deutung: Der Ruf zur Ehelosigkeit gehört in den Zusammenhang dieser klösterlichen Lebensform.  

Sie spricht ungern davon, dass man in ihrer Situation «ach, auf so vieles verzichten muss». Der Verzicht komme erst an zweiter Stelle. Ihr Stand sei für sie ein Weg, schneller zum Eigentlichen zu kommen. Die Möglichkeit eines intensiven Gebetslebens sei ein Vorrecht dieser Lebensform. 

 

Aus dem Hamsterrad ausbrechen

Viele Menschen fühlen sich laut Gerber im Leben wie in einem Hamsterrad. Die klösterliche Lebensform, die in gewisser Hinsicht aus dem normalen Lebensverlauf herausgenommen ist, sage: Du bist nicht einfach nur Sachzwängen und engen Strukturen unterworfen; du kannst ausbrechen. Im Kloster würden sie als Gemeinschaft ein Stück weit ausbrechen, um so näher am Menschen und an der Welt zu sein: Im «El Roi» heisst das Fürbitte für die Personen im Multikulti-Quartier Kleinbasel, für Konfirmandengruppen oder für Leitungspersonen, die ins Stadtkloster kommen.

Bereits gibt es Gespräche mit weiteren Frauen ihrer Generation, die auf der Suche nach einer Gemeinschaft sind. Ein verbindlicher äusserer Kreis ist dabei, sich zu formieren. Sein Ziel ist ein kommunitäres Leben in unterschiedlichen Wohnungen mit unterschiedlichen Berufungen.

 

1 Zur Bedeutung dieses Namens siehe: www.el-roi.ch 


Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin 

dorothea.gebauer@STOP-SPAM.insist.ch 

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