Das missionarische Gespräch

Fragen statt Antworten

Sara Stöcklin Heisst ein missionarischer Lebensstil, Antworten zu geben, bevor Fragen gestellt werden, oder Fragen erst zu beantworten, wenn sie gestellt werden? Ersteres verbinden wir zu Recht mit aggressiver Evangelisation, die beim Gegenüber eine Abwehrhaltung auslöst. Letzteres ist aber ebenso problematisch, weil viele Menschen gar keine Fragen stellen.  

 

In Diskussionen um Evangelisation gehen wir oft wie selbstverständlich davon aus, dass die Menschen in unserem Kulturkreis Gott suchen und ein Bedürfnis nach Spiritualität haben. Davon kann keine Rede sein. Bei einer Befragung 2008 haben 69 Prozent der angesprochenen Schweizer und Schweizerinnen von sich behauptet, in Bezug auf die Religion wenig oder gar nicht «suchend» zu sein1

 

Eine Welt ohne Fragen

Auch wenn sich noch immer ein grosser Teil der Bevölkerung für religiös hält, erschöpft sich diese Religiosität oftmals im vagen Glauben an eine unbekannte Dimension des Seins. Ähnlich wie in der Antike werden religiöse Elemente, die als «nützlich» erscheinen (z.B. das Gebet, der Glaube an Schutzengel oder die Wiedergeburt), frei ausgewählt und kombiniert. Was Angst macht, wird abgelehnt. 

Im Bereich der Religion ernsthaftere Fragen zu stellen, scheint den Menschen aus mehreren Gründen nicht ratsam:

  • Eine intensive Auseinandersetzung könnte zur Erkenntnis führen, dass die gewählten Glaubenselemente unvereinbar sind und somit einen inneren Widerspruch im Glaubensgebäude sichtbar machen. Der Mensch glaubt häufig, was er glauben will. Da er intuitiv spürt, dass sich dieser «Wunschglaube» nicht durch Stabilität und innere Übereinstimmung auszeichnet, muss er ihn durch das Vermeiden jeglicher Fragen schützen. 
  • Fragen führen womöglich zu Antworten, die unbequem oder gar beängstigend sind. Es sind unliebsame Konsequenzen für den eigenen Lebensstil zu befürchten. Nicht zufällig vermeiden zahlreiche Menschen das Lesen von Dokumentationen und Informationen über die Produktion und Herkunft von Nahrungsmitteln, um sich kein schlechtes Gewissen machen zu lassen. Erst recht birgt religiöses Fragen die Gefahr, sich neuen Anforderungen an das eigene Verhalten auszusetzen. 
  • Fragen verlangt Offenheit für Weltanschauungen, die im Umfeld abgelehnt werden. Eine Auseinandersetzung könnte zur Erkenntnis führen, dass nicht nur ich selbst, sondern auch andere Menschen mit ihrer Weltanschauung falsch liegen und damit die hochgeschätzten Werte der Harmonie und Toleranz gefährden.  
  • Fragen macht verletzlich – es könnte als Ausdruck von Unsicherheit und Unkenntnis gewertet werden. Wer fragt, gibt zu, dass er noch nicht «angekommen», noch nicht abgeklärt ist. Bewundert werden Menschen, die in ihren Überzeugungen eine Festigkeit ausstrahlen, ohne darüber reden zu müssen.
  • Fragen signalisiert Interesse, das überinterpretiert werden könnte. Gibt ein Fragender den kleinen Finger, wird womöglich die ganze Hand genommen. Denn hat er seine Frage einmal gestellt, wird vom Gegenüber erwartet, dass er die Antwort bis zum Ende anhört – auch wenn sie ihm nicht passt oder länger ist, als erwartet.
  • Es ist angesichts dieser «Risiken und Nebenwirkungen» durchaus verständlich, dass viele Menschen keine Fragen stellen. Dies scheint nicht nur ein Phänomen unserer Zeit zu sein: «Da ist keiner, der nach Gott fragt2», schreibt Paulus an die Gemeinde von Rom.

 

Fragen stellen

Wie also können Christen Antworten geben, wenn gar keine Fragen gestellt werden? Sollen sie das überhaupt? Sollen sie auf dem Markt der Weltanschauungen ihren Stand aufstellen, ihre Ware mit den besten Argumenten feilbieten, die anderen Stimmen übertönen, noch besser, noch professioneller, noch häufiger und engagierter auftreten, um sich Gehör zu verschaffen – nur, um am Ende des Tages zu merken, dass der Marktplatz voller Verkäufer ist, sich aber keiner für die Ware interessiert? 

Könnte ein missionarischer Lebensstil nicht vielmehr bedeuten, selbst Fragen zu stellen statt Antworten zu geben? Mehrere Gründe sprechen dafür:

  • Fragen stellen heisst In-Frage-stellen. Wenn sich die Welt nicht selbst in Frage stellt, ist es dann nicht die Aufgabe der Kirche, sie in Frage zu stellen? In Frage zu stellen, ob die Gesellschaft wirklich ohne Gott auskommt, der Mensch wirklich nicht Erlösung, sondern nur Optimierung braucht, Glaube wirklich nur Privatsache ist, sich Werte wirklich ohne Weiteres demokratisch vereinbaren lassen?
  • Jesus war selbst ein grosser Fragensteller. «Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?» will er von den Jüngern wissen. Und: «Wer sagt denn ihr, dass ich sei3?». Fragen wir doch die Leute zuerst einmal, was sie eigentlich glauben, bevor wir, die wir die Weisheit mit Löffeln gegessen haben, ihnen mitteilen, was sie zu glauben haben! Lassen wir andere ihre Weltsicht erklären, zwingen wir sie dazu, ihre eigenen Systeme zu Ende zu denken, zu formulieren, zu erläutern, zu verteidigen! Vielleicht merken wir dabei, dass sie durchaus gute Argumente haben, und finden heraus, was uns selbst fehlt – vielleicht sehen aber auch sie, wo Widersprüche in ihrem Denken liegen, wo Überlegungen nicht aufgehen oder gar nicht erst gemacht worden sind.
  • Fragen stellen lenkt den Blick weg von uns selbst, hin auf den anderen – weg von dem, was wir mitteilen wollen, und hin auf das, was der andere hören möchte. «Was willst du, dass ich für dich tun soll4?» fragt Jesus den Blinden. Wir sind versucht, zu bemerken: Welch dumme Frage! Natürlich will der Blinde sehend werden. Jesus fragt ihn trotzdem, lässt es ihn selbst aussprechen, statt ihm zuvorzukommen. Damit spricht er dem Gegenüber Würde, aber auch Verantwortung zu. Er stülpt ihm nicht ungebeten seine Gnade über. Freilich fällt manchmal die Antwort anders aus, als erwartet. Vielleicht will der Andere in Ruhe gelassen werden – das muss respektiert werden. Vielleicht will er mehr, als wir zu geben bereit sind – etwa Zeit, Engagement, Freundschaft. Zu fragen: «Was willst du, dass ich für dich tun soll?» ist ein Risiko, birgt für uns die Gefahr, nicht mit einer simplen Antwort, einer kurzen Belehrung davonzukommen. Es erfordert die Bereitschaft, auf den Anderen einzugehen, offen zu sein für seine Antwort, zuzuhören. Es erfordert echtes, ungeheucheltes Interesse ohne verborgene Absichten, ohne Ziel und «Strategie».
  • Fragen stellen tut uns selbst gut. Haben nicht auch wir Angst vor unliebsamen Antworten; fürchten wir nicht selbst, dass unser Glaubensgebäude ins Wanken kommt und vermeiden daher «gefährliche» Fragen? Dann können wir auch nicht von anderen erwarten, offen zu sein. Die Welt in Frage zu stellen ist das eine – sich selbst in Frage stellen zu lassen, das andere. Beides ist schmerzhaft, unangenehm, aber nötig – immer wieder. Gehen wir mit gutem Beispiel voran. 
  • Fragen stellen steckt an. Schon in einer Familie herrscht oder herrscht eben nicht eine Fragekultur. Wird nachgefragt, wird Interesse gezeigt, oder spricht jeder nur von sich selbst? Wem viele Fragen gestellt werden, der beginnt irgendwann, selbst welche zu stellen – Fragen ist lernbar! Die Kirche kann zu einer Kultur beitragen, in der Fragen erlaubt, gewünscht, «normal» sind – einer Kultur echter Offenheit und nicht nur oberflächlicher Toleranz.

 

Gott sucht und findet

Gott kennt das Problem der fehlenden Fragen und will doch zu den Menschen durchdringen. So wie Paulus die Gemeinde in Rom (mit einem Verweis auf Jesaja) ermutigt, können auch wir uns von ihm ermutigen lassen. Er sagt über Gott: «Ich liess mich finden von denen, die mich nicht suchten, und erschien denen, die nicht nach mir fragten5.» 

 

1  http://www.erf.ch/docs/antenne_2009_10_80_der_Schweizer_sind_religioes.pdf

2  Röm 3,11

3  Mt 16,13-15

4  Lk 18,41

5  Röm 10,20b

 

Sara Stöcklin-Kaldewey hat Philosophie und Theologie studiert und ist Doktorandin am Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Uni Basel.

sara.stoecklin@STOP-SPAM.insist.ch

 

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