Christsein in der Stadt

Im Hafenquartier den Glauben leben

Bruno Waldvogel und Fritz Imhof Peter und Heidi Berdat hätten sich einen gemütlichen Lebensabend gönnen dürfen. Doch sie entschieden sich für den Umzug nach Kleinhüningen – in ein soziales Randquartier der Stadt Basel. Und das hatte weitreichende Folgen.

 

Eingekeilt zwischen Rheinhafenbahnhof und Wiesendamm, etwas zurückversetzt, liegt die gelbe Backsteinsiedlung «Wiesengarten» am Giessliweg 61. Hier sind Heidi und Peter Berdat zuhause. Gleich neben der Moschee. Üblicherweise zieht man als Schweizer eher weg aus Kleinhüningen. Sie sind 1998 den umgekehrten Weg gegangen. Wir wollten wissen, welche Spuren sie seither gelegt haben.

 

Eine heile Welt verlassen

Wie kommt es, wollen wir wissen, dass die Eltern von vier flügge gewordenen Kindern ihre idyllische Wohnung mit herrlichem Blick auf die Vogesen an der Eptinger-strasse verlassen – und in das lärmige und multikulturelle Kleinhüningen ziehen? Peter, pensionierter Vermessungszeichner, erinnert sich: «Ich empfand immer stärker, dass Gott uns sagen möchte: ‚Zieht nach Kleinhüningen und teilt euer Leben und euren Glauben mit den Menschen dort!’»

Seine Frau Heidi, Primarlehrerin im Ruhestand, erinnert sich ebenfalls. «Es war 1996, als Jesus mir in einer Morgengebetszeit in der Gellertkirche den Gedanken ‚Kleinhüningen’ einpflanzte. Ich wehrte mich erst innerlich dagegen. Nein, sagte ich, mir gefällt es hier, wo ich wohne! Aber der Gedanke liess mich nicht mehr los. Schliesslich erzählte ich Peter davon. Wir staunten, dass Gott unabhängig zu beiden von uns geredet hatte.»

 

Ein Abenteuer beginnt

Kleinhüningen ist ein Industrie-, Hafen-, Multikulti- und Problemquartier. Und dessen quartierübliche Gewohnheiten sind etwas weit entfernt von der «heilen» Welt, die das Ehepaar Berdat in Grossbasel bisher erlebt hat. Sorgfältig prüfen sie die Idee, holen Rat ein: Beim Gemeindepfarrer, in der Seelsorge und bei Freunden. Und beim Ehepaar Irene und Thomas Widmer-Huber. Es wohnt am Giessliweg 72 nahe beim Haus der Stadtmission, wo früher die Kommunität «Steppenblüte» beheimatet war, und leitet eine Wohngemeinschaft. In intensiven Gesprächen mit diesem Paar wird Berdats bewusst, dass die grosse Mehrheit im Hafenquartier mit ihren vielschichtigen Problemen und Nöten kaum oder gar nicht mit der Liebe und Vergebung Gottes berührt worden ist. All diese Gespräche führen schliesslich zu einer Entscheidung. Peter und Heidi steigen gestaffelt aus ihrem bisher starken Engagement in der Gellertkirche aus. Einzig die Arbeit in der Kirchensynode behält Peter bei. Gemeinsam mit Irene und Thomas Widmer gründen sie einen Hauskreis in Kleinhüningen.

 

Fragen und Zweifel

Immer wieder erleben sie Ermutigung und Zuspruch. 1998 findet der Umzug nach Kleinhüningen statt. Gewisse Dinge sind gewöhnungsbedürftig. Nachts ist es oft laut: Musik, Lärm auf der Strasse, Streit. Aber man gewöhnt sich daran. Peter erzählt: «Zuerst regst du dich auf, aber dann denkst du: ‚Ein guter Grund, um für diese Menschen zu beten.’» Einen Hauskreis gründen ist eine Sache, der Versuch ein ganzes Quartier mit dem Evangelium zu erreichen, eine ganz andere. 

 

Die «Vision» nimmt Gestalt an

Im Herbst 1997 entsteht aus einer Vision von Irene Widmer ein Kinderclub. Er wird von ihr geleitet, Heidi Berdat ist eine der Mitarbeiterinnen. Vorgängig hatte es schon ein Kinderhüteprogramm gegeben für Mütter aus der Steppenblüte-Gemeinschaft, die zusammen Textilien anfertigten, um sie zugunsten eines Missionswerks zu verkaufen. Im Kinderclub gibt es Spiele, biblische Geschichten, Singen und Basteln. Später werden die Aktivitäten auf den Samstagnachmittag verlegt, um berufstätigen Ehemännern die Gelegenheit zu geben, in der Leitung mitzuwirken und damit zusätzliche Kinder zu erreichen. Mit Hausaufgabenhilfe für Migrantenkinder, Kontakten im Quartier und einem offenen Haus suchen Berdats die Begegnung mit Menschen aus dem Quartier. So möchten sie der Liebe Gottes ein Gesicht geben. Dabei erleben sie, dass sie im Multikultiquartier nicht nur geben, sondern auch beschenkt werden, wie Heidi ausdrücklich betont.

Ein Jahr später erlebt eine grösser gewordene Schar von Schulkindern die erste Kinderwoche. Die Arbeit des Kinderclubs G58 wächst. Das Samstagnachmittag-Programm «Megabox» findet Zuspruch. Es beinhaltet eine Mischung von Spiel, Spass, Singen, Theater und biblischer Geschichte; dazu kommen ein Gebetsangebot, ein Zvieri und Workshops. Die Stadtmission ergänzt die von einem ehrenamtlichen Mitarbeiterteam geleitete Kinderarbeit mit einer angestellten teilzeitlichen Fachkraft. 

Die folgenden Jahre bringen einen Energie- und Ideenschub. Mittagstisch, Spieltreff, Hausaufgabenhilfe und eine Bibellesegruppe kommen dazu. Das Leitungsteam wird weiter verstärkt. Ein starkes Team formiert sich. Berdats werden zu geistlichen Eltern und begleiten den Prozess ehrenamtlich nach besten Kräften. 

Alle diese Angebote entwickeln sich vorerst gut, bevor auch Grenzen sichtbar werden. Peter Berdat ist kein Schönfärber. Er weist darauf hin, dass verschiedene Angebote im Lauf der Zeit auch wieder geschrumpft sind. Um dieser Entwicklung zu begegnen, entwickeln die Kleinhüninger immer wieder neue Ideen. Ein Mutter-Kind-Morgen soll neuen, kleineren Kindern die Möglichkeit  geben teilzunehmen, gleichzeitig erhalten ihre Mütter – oft mit Migrationshintergrund – eine Gelegenheit zum Austausch und zur Begegnung. 

Die Grenzen des Wachstums werden vor allem von Konkurrenzangeboten wie Sportanlässen, Sprachförderprogrammen und der Musikschule gesetzt. Und auch in Kleinhüningen gibt es Eltern, die biblischen Geschichten und dem Gebet, welche einige Angebote begleiten, skeptisch gegenüber stehen. 

 

Das Bemühen um die Teenies

Um in der Kinderarbeit die Altersgrenze von 12 Jahren überschreiten zu können, entwickelt ein neues Leitungsteam den Teenagerclub «All in». Von Beginn an stellen die Gellertkirche und die Freikirche ICF Basel Mitarbeitende zur Verfügung. Im Oktober 2011 kann die Arbeit mit einer «quirligen Schar» gestartet werden. Anfänglich beteiligen sich 40 – 50 Jugendliche – was die Kräfte des Teams fast überfordert. Weil nicht alle die Balance zwischen Fun und christlichen Programmelementen mitmachen wollen, verkleinert sich die Gruppe wieder. Nach etlichen Höhen und Tiefen habe sich das Teilnehmerfeld bei etwa 15 konsolidiert, stellt Peter Berdat fest. «Heidi und ich begleiten das Team im Gebet.»

 

Dran bleiben

Als Anliegen bleibt Heidi und Peter Berdat die Verstärkung der Beziehungen zu Nachbarn und Eltern der Kinderclub-Teilnehmer. Hier wünschen sie sich eine positive Weiterentwicklung. Geduld ist immer wieder angesagt. Peter sagt dazu: «Es gibt Phasen, da ist äusserlich sichtbar, was geistlich läuft – dann aber auch wieder Phasen, wo dies unsichtbar ist. Wie auch immer: Unser Herr und Erlöser ist dran – auch ohne mich. Zum Glück.» 

Auch andernorts ist er gefragt: Als Synodaler – er ist Präsident einer Synodefraktion –, als Mitglied der Wahlvorbereitungskommission und rund um den Gottesdienst seiner Gemeinde, der Gellertkirche. Und Heidi bleibt dran in der Pflege persönlicher Beziehungen, zum Beispiel mit Müttern aus fremden Kulturen. 

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