Theologische Grundlage

«Reich Gottes» – zukünftig oder gegenwärtig?

Felix Ruther Sind die Verhältnisse des Reiches Gottes ein Versprechen Jesu Christi für unsere ewige Zukunft? Oder kann man sie im Ernst als Gottes Wille für unsere Gesellschaft verstehen?

 

«Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Busse und glaubt an das Evangelium!»1 Diese Sätze könnten als Zusammenfassung von Jesu Predigt und Leben gesehen werden. Die Sache Jesu ist die Sache Gottes in der Welt – eben Reich Gottes. Daher sollten die Zwölf denn auch nichts Anderes predigen als «Das Himmelreich ist nahe gekommen»2. Doch nicht nur leere Worte sollten sie verkündigen, sondern: «Heilet Kranke, erwecket Tote, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus ...» Zeichen sollten die Worte beglaubigen. Das darf und soll auch heute noch erwartet werden.

Jesus gibt uns zwar keine Definition dieses Reiches, aber er beschreibt es in vielen Gleichnissen und Bildern3. Er spricht von der aufgehenden Saat, von der Ernte, vom grossen Gastmahl und dem königlichen Fest. Immer geht es darin um die Gottesherrschaft in der Welt. Um ein Reich, in dem Gottes Name geheiligt wird, sein Wille geschieht, die Menschen genug zum Leben haben und in dem alle Schuld vergeben und alles Böse überwunden sein wird4. Ein Reich, in dem Jesu Verheissung gemäss endlich die Armen, die Hungernden, Weinenden und Getretenen zum Zuge kommen werden. Wo Schmerz, Leid und Tod ein Ende haben werden. Ein Reich ganz nach den prophetischen Verheissungen des Alten Testamentes, in denen Jesu Reden vom Reich Gottes wurzelt. 

 

Schon erfüllt – oder doch nicht?

Was sahen die Propheten von diesem Reich? Kurz: Sie sahen eine neue Welt erstehen. Die gesellschaftlichen Systeme aus Rivalität, Gewalt und Herrschaft sind darin Vergangenheit. Es werden keine Waffen mehr geschmiedet. Sie werden zu Pflügen und Winzermessern umgebaut. Die Väter vertragen sich mit den Söhnen und die Töchter mit ihren Müttern. Die Einsamkeit ist aufgehoben. Keiner muss mehr den Andern belehren. Denn in allen wohnt der Geist des Herrn. Alle wissen im eigenen Herzen, was gut ist. Die Krankheit ist verschwunden. Selbst Tiere und Pflanzen atmen auf und werden wieder zur reinen Natur – weil die Menschen wieder zur Schönheit der ersten Schöpfung zurückgekehrt sind – und über allem erstrahlt die Sonne der Gerechtigkeit – Gott selbst.

Man kann behaupten, diese Prophezeiungen seien alle in Jesus schon erfüllt worden. Aber ist das so? Ist das, wovon die Propheten gesprochen haben, wirklich eingetreten? Sie haben ja nicht nur ein Kind aus Bethlehem angekündigt. Sie haben mehr angekündigt als einen, der Blinden das Augenlicht gibt und Stummen die Rede schenkt, dann aber getötet wird und – mag er auch auferweckt und an die Seite Gottes gesetzt worden sein – unsere Welt im Wesentlichen so hinter sich zurücklässt, wie er sie angetroffen hat. Sie haben doch von mehr geredet als von dieser einen Unterbrechung der Weltgeschichte durch das Kommen Jesu. Mit ihm, seinem Leben und Sterben, brach zwar Gottes Reich der vollen Gerechtigkeit, der Freiheit und Liebe, der Versöhnung mit Gott und des ewigen Friedens an. Der Anfang war gemacht, der Sauerteig unter das Brot gemischt, das winzige Senfkorn in den Boden gelegt. Aber auf die Vollendung warten wir noch. 

Dass Gott von Anbeginn der Welt her ihr König ist, aber dass dieses Königtum auf dieser Welt noch nicht voll Wirklichkeit geworden ist, das ist die zentrale Aussage der jüdisch-christlichen Überlieferung. Es gibt die grosse Spannung zwischen dem «Schon» und dem «Noch-Nicht». 

Und weil diese Spannung so schwer auszuhalten ist, haben Menschen immer wieder versucht, die Errichtung des Reiches Gottes selber in die Hand zu nehmen. Doch immer, wenn Menschen diese Spannung selber aufheben wollen, scheitern sie kläglich. Es entsteht nicht Gottes Reich, sondern etwas, wovon Einzelne profitieren, woran andere dafür um so mehr leiden.

 

Entlastungstheorien

Diese unerfüllten Verheissungen schmerzen auch die Christen und weil einige die Spannung zwischen dem «Schon» und dem «Noch-Nicht» verkleinern wollen, suchen sie Entlastungstheorien. Unterdessen verfügen wir über eine ganze Reihe solcher Theorien. Die meisten sind schon hunderte Jahre im Gebrauch, und der Umgang mit ihnen ist in der Christenheit gut eingeübt worden, so dass sie fast unmerklich wirken. 

Eine Theorie lautet, dass sich die Verheissungen der Bibel auf das Jenseits beziehen. Unter dem Jenseits ist dabei das gemeint, was nach dem Tode oder dem Ende dieser Welt kommt. Als hätten die Propheten, wenn sie vom kommenden Frieden sprachen, nicht von einer Möglichkeit dieser Geschichte gesprochen, sondern vom «ewigen Frieden».

 

Der Ort der Verheissungen

Nun soll in keiner Weise gesagt werden, es gebe nichts mehr nach dem Tode. Jesus ist von den Toten auferweckt worden, und auch wir haben die Hoffnung, aus dem Tod heraus von Gott ins neue Leben gerufen zu werden. Darum geht es in unserem Zusammenhang nicht. Es geht nur um den Ort der Verheissungen. Die Prophezeiungen beziehen sich eben auch auf diese Welt. Zur Zeit, als die grossen Propheten Israels lebten, war Israels Glaube völlig auf Gottes Handeln im Diesseits gerichtet. Lehren über das Jenseits wehrte man ab. Zwar sehen die später entstandenen apokalyptischen Prophetien ein völliges Ende der Geschichte und einen dahinter kommenden Äon ganz anderer Art5. Doch damit konnten sie die Verheissungen nicht automatisch hinter das Weltende verschieben. Auch Jesus und die frühen christlichen Gemeinden taten das nicht. Von einem Umbau des Glaubens Israels, der so sehr an dieser Erde haftete, in eine reine Jenseitsreligion ist im Neuen Testament jedenfalls nichts zu erkennen. Keine Rede also vom künftigen Gottesreich ohne Konsequenzen für die gegenwärtige Gesellschaft. 

Das Gottesreich darf nicht eine Vertröstung auf die Zukunft sein. Die verheissene Zukunft soll Hoffnung gegen alle Resignation wecken und so in die Gegenwart hineinwirken. Es gilt aber auch: keine Reden von der Gegenwart und ihren Problemen ohne Aussicht auf die Zukunft. Die Welt dauert nicht ewig, auch der Mensch und die Menschheitsgeschichte haben ein Ende. Die Botschaft vom Reich Gottes sagt nun: Am Ende ist nicht das Nichts, sondern Gott. Die Sache Gottes wird sich durchsetzen. Ihm gehört die Zukunft. Und von dieser Zukunft her ist die Gegenwart zu gestalten. Als Salz sollen die Glaubenden die Welt und nicht nur ihre Kirchen durchdringen. Hier schon und heute – auch am Montag. 

 

Christen leben im Reich Gottes – in dieser Gesellschaft

Zwar denken heute die wenigsten Christen über ihr jetziges Leben hinaus. Und Predigten über diese Themen sind auch nicht gerade «in». Dennoch: Wer die Verheissungen der Bibel nur auf das Jenseits projiziert, der steht in grosser Gefahr, die Welt ihren derzeitigen Herrschern zu überlassen und sich in den kirchlichen Raum zurückzuziehen. Er begreift nicht, dass das kommende Reich mit dem jetzigen noch im Kampf liegt und dass die Kräfte des Bösen, die noch nicht kapituliert haben, nicht zu unterschätzen sind. Und er begreift nicht, dass das Gute in dieser Welt nur ganz selten kampflos zu haben ist. 

Wer Jesus nachfolgt, wird die prophetischen Bilder dahingehend ernst nehmen, dass er sich fragt: Wie sollten mein Alltag, mein Beruf, ja mein ganzer Berufszweig, mein Dorf, meine Stadt, die Politik, Kultur, Kunst ... gestaltet werden, dass dadurch Gottes Name verherrlicht und sein Reich manifest wird, sein Wille geschieht, die Menschen genügend zum Leben haben und sich aus ihren jeweiligen Schuldverstrickungen lösen können? Wer so in der Nachfolge Jesu steht, wird kein apolitisches Dasein mehr fristen können. Er wird seinen Glauben nicht mehr nur auf die Moral und die Innerlichkeit reduzieren, sondern sich, ausgehend von den eschatologischen Visionen der Propheten, in die Bewegung Jesu eingliedern lassen – in die Bewegung jener, die in Gottes gutem Willen nicht nur Gottes Gedanken über ihr individuelles Leben sehen, sondern diesen Willen als anzustrebende Realität für das ganze Universum begreifen. Kein Stern, nicht das kleinste Elektron, kein Berufszweig und kein Dorf existieren, worüber der König nicht sagen würde: «Mein ist es, und unter meine gute Herrschaft soll es wieder zurückkehren.»

 

Kraftlose Innerlichkeitstheorie

Die zweite, fast noch gefährlichere Entlastungstheorie ist die Innerlichkeitstheorie. Sie trat sehr früh im Christentum in der Gestalt der sogenannten Gnosis auf und nahm dann immer neue Formen an. Sie wird heute wieder neu genährt, sodass geradezu von einer «evangelikalen Gnosis» gesprochen werden muss. 

Vertreter dieser Theorie stellen die Frage: Müsste man, wenn die prophetischen Verheissungen und Jesu Bilder vom Reich wirklich diese Welt meinen, sie nicht zumindest umdeuten und sie geistig und innerlich verstehen? Sprachen die Propheten und Jesus wirklich über die menschliche Gesellschaft? Meinten sie nicht eigentlich die Seele, den Einzelnen, dem sein Heil zuteil werden soll? 

Zwar geht es auch um das Heil des Einzelnen. Trotzdem: Wer diese Worte nur noch in solchen Dimensionen versteht, hat sich in eine Fluchtbewegung mitreissen lassen. Denn weder die Propheten noch Jesus meinten mit ihren Verheissungen vom Reich Gottes die reine Innerlichkeit. 

Eine Variante dieser Entlastungstheorie könnte man «Bürgerliche Privatreligion» nennen. Nach ihr bezieht sich die Botschaft vom Reiche Gottes nur auf das «Religiöse», das im Privatleben, in der Kleinfamilie und im Kirchengebäude gelebt wird. Andere gesellschaftliche Räume wie Wirtschaft, Politik, Bildung, Sport, Freizeit haben nichts damit zu tun und gehorchen anderen Gesetzen. 

Doch Jesus hat nie daran gedacht, Gottes Zukunftsverheissung auf einen privatreligiösen Bezirk zu begrenzen. Es ging ihm ums Ganze. Wenn Politiker sagen, Christen könnten die Bergpredigt in ihrem Privatleben befolgen, doch sie habe nichts mit Politik zu tun, dann beschreiben sie ohne Zweifel das, was ist, aber nicht, was die Bibel unter Reich Gottes versteht.

 

Was nun?

Stehen die Christen am Ende denn nicht als Hochstapler da? Sie brüsten sich mit schönen Verheissungen. Und sie deuten an, dass sie im Raum der Erfüllung leben. Doch zugleich müssen sie eine Entlastungstheorie nach der anderen aufstellen, damit die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht sichtbar wird. Sollten die Christen nicht einfach zugeben, dass Jesu Worte eben Utopien waren: Visionen, deren Sinn nicht darin besteht, sich zu erfüllen, sondern nur in einer bestimmten Situation die Menschen aus dem Schlaf zu wecken und in Bewegung zu bringen? Utopien – allenfalls noch Vorlagen für Moralpredigten?

Aber auch dieser Ausweg ist nicht möglich. Dagegen steht die Unterbrechung, die doch da war: Jesus. Zumindest in ihm ist so viel erfüllt worden, dass die Weltgeschichte darüber nie mehr zu ihrer erbärmlichen Tagesordnung übergehen kann. Was die Propheten gemeint hatten, fing in ihm an. Insofern gilt, dass die Prophezeiungen erfüllt worden sind. Daher dürfen wir weder die strahlende Fülle der verheissenen Hoffnung preisgeben noch ihr wirkliches Eintreten in Jesus. 

Zugleich dürfen wir aber auch den Schmerz über ihre ausbleibende Durchsetzung in allen Dimensionen der Menschheit und der Geschichte nicht betäuben. Diese Spannung kann nur aushalten, wer in Jesu Gebet «Dein Reich komme» einstimmt und dieses Gebet als Ausdruck der Erwartung versteht, dass Gott jederzeit und überall mit seinem Reich hereinbrechen kann. Wer so mit Gott rechnet und keinen Lebensbereich von seinem Willen ausschliesst, wird sich auch in die Bewegung von Jesus mitnehmen lassen. Eine Bewegung von Menschen, die wie Jesus ohne Vorbehalte Gott in sich und durch sich handeln lassen wollen. Eine Bewegung, mit der Gott sein Reich bauen will. Denn dazu gibt es die Kirche: dass sich diese Bewegung multipliziert – durch dich und mich. So und nur so können die Visionen vom Reich Gottes mehr und mehr Wirklichkeit werden.

 

1 Mk 1,14.15

2 Mt 10,5-8; ebenso bei der Aussendung der 72, vgl. Lk 10,9

3 Gleichnisse aus dem Alltag – vielleicht ein Hinweis, dass sich das Reich Gottes gerade im Alltag manifestieren soll.

4 Vgl. «Vaterunser»-Gebet

5 Gegen Ende der alttestamentlichen Zeit öffnete sich der Blick für Gottes Herrschaftswillen auch jenseits der Todesgrenze und jenseits unserer irdischen Geschichte.

 

Felix Ruther ist Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST

felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch 

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