Strategie

Unterwegs zu einem integrierten Christsein

Hanspeter Schmutz Wer im Leben Ziele erreichen will, muss strategisch denken und handeln. Das gilt auch für das Leben eines Christen. Obwohl Gott weiss, was er mit uns tun und wie er mit seiner Gemeinde die Welt erneuern möchte, macht er sich von uns abhängig. Nicht nur Gott, sondern auch wir und die christliche Gemeinde entscheiden mit, wie das Reich Gottes gebaut wird. Wir sind deshalb ein Leben lang gefragt, den Glauben immer mehr in unser Leben und in die Gesellschaft zu integrieren.

 

Werden, was wir von Gott her gesehen schon sind: Das macht unsern Lebensweg als Christen aus. Schon von Anfang an hatte Gott ein Bild1 von uns und unsern Möglichkeiten. Schliesslich ist er der Schöpfer, der uns gemacht hat. Und er will, dass dieses Bild in unserem Leben immer mehr Gestalt annimmt2. Wie weit das geschehen kann, hängt auch von uns ab.

 

Falsche Bilder

Als Menschheit, aber auch persönlich, versuchten und versuchen wir immer wieder, ohne Gott – gottlos – zu leben. Dieses Ansinnen hat einen Bildersturm ausgelöst, der bis heute anhält: Unser Bild von Gott ist unscharf geworden, und auch wir sehen uns nicht so, wie Gott uns gemeint hat; die Mitmenschen nehmen wir verzerrt wahr, statt so, wie Gott sie sieht; unser Weltbild ist von Grund auf erschüttert und auch unsere menschlichen Gemeinschaften sind nicht mehr das, was sie von Gott her sein könnten. 

Als Folge dieser falschen Bilder fliehen wir Menschen vor unserm Schöpfer, statt ihn zu suchen, wir lassen ihn links liegen oder beginnen, selber Gott zu spielen. Die Folgen sind schwerwiegend: Wer sich von seinem Schöpfer trennt, schneidet sich vom Leben ab – und diese Trennung endet früher oder später im Tod3.

In dieser dramatischen Lage hat Gott vor 2000 Jahren das Äusserste getan. Er hat sich nicht nur in der Schöpfung und in seinem Volk Israel gezeigt, sondern sich in seinem Sohn Jesus Christus mitten in dieser Welt sichtbar gemacht. Die Bibel erlaubt uns bis heute zu beobachten, wie Jesus gelebt hat; in seinem Reden und Handeln können wir seinen Vater erkennen4

Schon damals erwiesen sich aber die falschen Bilder als stärker. Nur wenige folgten Jesus nach. Statt in ihm Gott zu sehen, verleumdete man ihn als Gotteslästerer, der behaupte, Gott zu sein. Schliesslich wurde er als politischer und religiöser Aufwiegler zum Tod verurteilt und am Karfreitag hingerichtet. 

 

Jesus wird zum Zentrum der Welt

Gott liess seinen Sohn nicht im Grab. Mit der Auferstehung von Jesus an Ostern wurde deutlich, dass sein Tod mehr war als das Ergebnis eines Justizirrtums. Mit diesem Tod wurden die Folgen unserer Flucht, unsere Gleichgültigkeit, Gotteslästerung und unsere Trennung vom Schöpfer überwunden. Die letzte Konsequenz unserer falschen Bilder – den geistlichen Tod5 – müssen wir seit Karfreitag und Ostern nicht mehr selber tragen. Gott hat den Tod in seinem Sohn Jesus Christus auf sich genommen, die Trennung aufgehoben und für uns ein neues Leben ermöglicht. Wer mit seinem Leben auf diesen Jesus setzt, hat bei Gott eine offene Tür, die niemand mehr schliessen kann – bis in alle Ewigkeit6

Die Nachwirkungen der zerstörten Beziehung zu Gott und der gestörten Bilder von Gott sind zwar noch wirksam, aber nun ist der Weg frei zu einem Leben, das vom neuen Zentrum – Jesus Christus – bestimmt wird. Um uns auf diesem Weg anzuleiten und das neue Leben in uns zu entfalten, hat Jesus uns Gottes Geist gegeben7. Und dieser Heilige Geist hat als Hilfe und Herausforderung für uns eine neue Gemeinschaft – die christliche Gemeinde – ins Leben gerufen8.

Seither ist der dreieine Gott daran, sein Reich «nach seinem Bild» zu bauen und unsere falschen Bilder zu korrigieren. Er zeigt uns, wer er wirklich ist (Gottesbild), was uns (Eigenbild) und unsere Mitmenschen ausmacht (Menschenbild), wie er sich die Welt gedacht hat (Weltbild) und wie eine menschliche Gemeinschaft aussehen kann, in der Gott zuhause ist (Kirchenbild). Mit Jesus ist ein neues Zeitalter9 angebrochen: das «Reich Gottes». Überall, wo sich sein Wirken durchsetzen kann, breitet sich dieses Reich aus, in uns und um uns. Erst wenn Jesus zum zweiten Mal auf diese Welt zurückkehren und seine Nachfolger zu sich rufen wird, wird Gottes Reich und seine Gerechtigkeit zum endgültigen Durchbruch kommen. 

In der Zwischenzeit dürfen wir unsern persönlichen Beitrag zur Ausbreitung dieses Reiches leisten. Das gibt unserm Leben Sinn und Bedeutung. Wie dieser Beitrag genau aussieht, das erschliesst sich uns in einem lebenslangen Lernprozess der Integration von Glaube und Leben. Mit der Zeit und dem nötigen Einsatz werden wir zu kompetenten Christen, die fähig sind, mit integrierten Lösungsansätzen persönlich und als christliche Gemeinde heilsam in diese Welt einzugreifen. Dabei gilt: Wir müssen uns nicht mit guten Taten den Himmel verdienen, dank Christus haben wir ihn schon gewonnen. Unsere guten Taten sollen vielmehr zeigen, wer Gott ist und was er in dieser Welt bewirken will10.

 

Das erste Lernfeld: Ich11 und Gott

Persönliche Heiligung12, Individualethik, Eigenbild und Gottesbild

Der Einsatz für diesen Lernprozess ist das von Gott geschenkte Leben mit allem, was dazu gehört: Körper, Seele (Denken, Fühlen und Wollen) und Geist (die Antenne zu Gott), Charakter und Begabungen; Zeit und Geld; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – bis hin zur Schöpfung, in der wir leben. In allen dieses Bereichen gilt es nun zu fragen, was es heisst, Gottes Wirken ernst zu nehmen. Wenn wir unsern Blick auf das Gottesbild der Bibel richten, formt Gott auch unser Eigenbild neu, und wir entdecken die Werte, die das zum Ausdruck bringen, was Gott will. 

Als Hilfe auf diesem Weg hat Gott die Möglichkeit geschaffen, ihm täglich zu begegnen: beim Beten und Lesen der Bibel, in der Gemeinschaft mit Christen und andern (insbesondere benachteiligten13) Menschen, aber auch in seiner übrigen Schöpfung. Unsere grundsätzliche Entscheidung für die Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott wird tagtäglich in unsern kleinen Entscheidungen herausgefordert – und zugleich getragen von der Entscheidung Gottes für uns14

 

Das zweite Lernfeld: Ich und meine Mitmenschen

Heiligung der Beziehungen, Personalethik, Menschenbild

Wir sind von Gott zwar als Einzelwesen geschaffen, zugleich aber auch auf Gemeinschaft mit ihm, andern Menschen und mit der übrigen Schöpfung angelegt. Unser Beziehungsnetz ist ein Geflecht aus Herkunftsfamilie, Ehe oder Zweierschaft, der eigenen Familie, den Menschen, die uns im Beruf begegnen, unsern Nachbarn, den Freunden aus Freizeitbeschäftigungen und Menschen, denen wir spontan begegnen. Es gilt, diese Netze bewusst zu pflegen und dabei das von Gott gegebene Menschenbild und seine Werte in diesen Beziehungen einzuüben. Die damit verbundenen Freuden und Leiden formen unsern Charakter und entwickeln unsere Begabungen. Unser Beziehungsnetz ist zudem die naheliegendste Möglichkeit, andere Menschen – und durch sie die Gesellschaft – zu prägen.

Der dreieine Gott lebt in uns. Er liebt nicht nur uns, sondern alle seine Geschöpfe. Wir sind aufgerufen, für unsere Mitmenschen priesterlich15 eine Brücke zu schlagen, damit auch sie denjenigen persönlich kennenlernen können, der uns eine ewige Hoffnung gibt. 

 

Das dritte Lernfeld: Ich und die Gesellschaft

Heiligung der Gesellschaft, Sozial- und Umweltethik, Weltbild

Ob wir es wollen oder nicht: Wir alle gehören zu grösseren Gemeinschaften: zum Stadtquartier oder Dorf, zu einer Region und einem Kanton, zur Schweiz und zu Europa; wir sind Teil der westlichen Welt, des globalen Dorfes und der ganzen Schöpfung. Wenn wir unsere Fähigkeiten und Begabungen lebenslang schulen und lernen, Beruf und Berufung, Berufsfeld, Wissenschaft und Glaube miteinander zu verbinden, können wir an unserm Wohnort, bei der Arbeit und mit ehrenamtlichen (auch) politischen Mandaten unserer Gesellschaft und Umwelt mit christlichen Werten und einem biblischen Weltbild dienen. Was dies im Rahmen eines Dorfes oder eines Stadtquartiers heissen könnte, hat das Institut
INSIST mit dem Ansatz der werteorientierten Dorf-, Re-gional- und Stadtentwicklung (WDRS) aufgezeigt16.

 

Das vierte Lernfeld: Ich und die christliche Gemeinde

Heiligung der christlichen Gemeinde, Ethik der Gemeinde, Kirchenbild

Wer Christus nachfolgt, ist vom Moment seiner Umkehr an Teil der christlichen Gemeinde – einem «Leib» aus ganz unterschiedlichen Menschen, deren Haupt Christus ist17. Diesen Leib finden wir in jedem Stadtquartier und Dorf, in dem Christen leben; es gibt ihn dort, wo Menschen sich um ein historisch gewachsenes christliches Bekenntnis geschart haben oder als spontane Gruppe, die Christus ins Zentrum gerückt hat, – bis hin zum weltweiten Leib Christi. 

Christus hat sich entschieden, sich mit einer menschlichen Gemeinschaft von Christen in der Welt und vor Ort sichtbar zu machen. Wenn auch wir uns entscheiden, bewusst in einer solchen christlichen Gemeinschaft zu leben, werden wir hier nicht nur Christus sondern auch andern Christen begegnen – mit ihren Stärken und Schwächen, Begabungen und Ängsten. Diese Gemeinschaft fördert und fordert uns. Gleichzeitig können wir mit unseren Begabungen dazu beitragen, dass die christliche Gemeinschaft vollständiger wird.

Durch die ausdrückliche Gegenwart Christi wird die Kirche zu einem göttlichen Erfahrungsraum, zu einer Art «Himmel auf Erden». Sie ist unsere «Tankstelle»; hier können wir in einer Art Zukunftswerkstatt christliche Werte ausprobieren und hier entsteht – wenn auch nur bruchstückhaft – das Modell einer geheiligten Gemeinschaft. Und hier können Menschen zum Glauben kommen und lernen, was es heisst, Christ zu sein.

 

Der integrierte Lösungsansatz

Wer sich in diesen vier Lernfeldern auf das Abenteuer Christsein einlässt, fördert Tag für Tag drei Kompetenzen: seine fachliche (v.a. im dritten), menschliche (im zweiten) und geistliche (im ersten) – sowie alle drei Kompetenzen im vierten Lernfeld. Das Christsein gewinnt an Qualität, es bekommt eine Längen-, Breiten- und Tiefendimension und erhält eine umfassendere Gestalt. 

Nun wird es immer besser möglich, die Fragen und
Herausforderungen im persönlichen, zwischenmensch-lichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich mit
einem integrierten Lösungsansatz anzugehen: ausgerichtet auf Christus, geprägt von einem christlichen Gottes-, Menschen- und Weltbild, ausgerüstet mit fachlichen, menschlichen und geistlichen Kompetenzen sowie ge-
halten von christlichen Werten. In den vielfältigen
Zusammenhängen des Lebens, der Wissenschaft und
der Gesellschaft können wir nun umfassend nach dem Sachgerechten (Was ist sachlich richtig?), Menschengerechten (Was dient dem Menschen?)  und Gottesgerechten (Was verändert sich durch die Existenz Gottes?) fragen.

Es gibt kaum etwas Spannenderes, als sich auf den Weg des integrierten Christseins18 zu begeben. Dieser Lebensstil braucht aber viel Kraft. Darum ist es entscheidend, dass wir uns unterwegs nicht nur auf unsere «eigenen» Ressourcen verlassen, sondern immer auch auf das, was Gott getan hat, tut und tun wird.

 

Holistisches Prinzip

Jeder Bereich des Lebens enthält im Grundsatz alle Aspekte des integrierten Christseins: eine sachliche, menschliche und geistliche Dimension; einen Aspekt, der in unserer Verantwortung steht und einen, für den Gott zuständig ist sowie die – allenfalls unterbrochene – Verbindung zu Jesus Christus. Es gibt keinen Ort der Wirklichkeit, für den Gott nicht zuständig wäre. Wir können deshalb jeden Bereich unseres Lebens und unseres Umfeldes auf das Mass der Integration untersuchen19 und – zusammen mit andern Christen – Schritt für Schritt mithelfen, dass Gott immer mehr alles in allem wird20

 

1  1 Mose 1,25; Ps 139,13

2  2 Kor 3,18

3  Röm 6,23

4  Joh 14,9

5  Während der irdische Tod vorläufig noch wirksam ist, wurde der geist-liche Tod – die ewige Trennung von Gott – von der Verheissung des ewigen
Lebens abgelöst.

6  Joh 3,16

7  Joh 15,26

8  Nach der Ausgiessung des Heiligen Geistes auf seine Jünger an Pfingsten entsteht die erste christliche Gemeinde (Apg 2).

9  Mk 1,15

10 1 Petr 2,12

11   Letztlich kann ich mich nur selber verändern (lassen) und darf darum vorerst von mir selber ausgehen.

12  «Heiligung» heisst heil und damit ganz werden (1 Mose 17,1)

13  Mt 25, 31ff.

14  Röm 8,31ff.

15  1 Petr 2,5.6

16  siehe: www.insist.ch und www.dorfentwicklung.ch

17  1 Kor 12

18  Für Schulungsmaterial zum «Integrierten Christsein» siehe:
www.insist.ch 

19  siehe dazu den anschliessenden «Integrationstest»

20  Kol 1,15-23; 1 Kor 15,28


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch  

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