Bildende Kunst

Eine Le(h)rstelle

Andreas Widmer Zeuge einer Menschwerdung zu sein, bleibt wohl ein rares Privileg. Besonders eindrücklich ist sie, wenn der Christus vom Kreuz steigt.

 

Es geschah anlässlich der Ausstellung «Gott sehen» 2005 in der Kartause Ittingen, Thurgau, die jetzt als Kunstmuseum dient.

 

Der Mann am Kreuz

Trotz des Ausstellungsthemas bin ich irritiert, plötzlich mit einem lebensgrossen Christus an einem Kruzifix konfrontiert zu sein. Es hängt an der Stirnseite des grandiosen Gewölbekellers der Kartause. Nebst der ungewöhnlichen Örtlichkeit befremdet die zu echt wirkende Figur. Plötzlich nehme ich geringfügige Bewegungen an der Figur wahr. Beim Nähertreten suche ich mit einem leicht mulmigen Gefühl den Blickkontakt mit dem Hängenden – der ihn sogleich erwidert. 

Der Mann im Lendentuch am Kreuz erweist sich als Darsteller. So wie das Symbol, dessen zentraler Teil er ist, ein vergangenes Ereignis darstellt. Was Christus nicht durfte, tut er jetzt: Er steigt auf der hingereichten Leiter vom Kreuz herab – und verschwindet hinter einem Paravent, um sich, durchaus erkennbar, anzukleiden oder zu dehnen. Er isst und trinkt und plaudert mit dem Personal. Der Darsteller arbeitet, und seine unmittelbaren Bedürfnisse sind unübersehbar. Er ist greifbar Mensch. Gerade dieser Teil der Installation, der arbeitende Darsteller neben dem Kreuz und die dazu nötigen Utensilien, bleiben mir in Erinnerung.

Pawel Althamer, der in Warschau lebende Autor der Inszenierung, zeigt die zentrale christliche Botschaft: Gott wurde Mensch. Wahrscheinlich nicht mit Absicht, zumal der Titel «Schedule of the Crucifix» mit subversivem Touch eine temporäre Gültigkeit suggeriert. Seine Installation zeigt ein Bild und ein Weiterleben dieses Bildes. Denn seine Kreuzigung steht nicht still. Herabsteigend geht der Darsteller an den Anfang der Geschichte: die Menschwerdung. Natürlich ist eine Darstellung des leidenden Leibes am Kreuz so menschlich wie nur möglich. Aber sie steht auch in Gefahr, zum distanzierten Symbol entfremdet zu werden, wie es protestantisch gesinnte Seelen empfinden mögen.

 

Eine Nullvariante

Wie lässt sich der Leidende am Kreuz überzeugend darstellen? Ich weiss nicht, ob dies Althamers Frage ist. Mit der Produktion einer Leerstelle schlägt er jedoch eine Nullvariante vor, und inspiriert mich zur entsprechenden Suche – gerade indem er den Vorgang der Abstrahierung des Symbols vorführt. Er fügt unzähligen Kreuzigungsdarstellungen eine weitere hinzu. Eine, die wohl nie Eingang in die Kirche finden wird, aber gerade im autonomen Kontext des Museums eine überraschend kräftige Wirkung entfaltet.

«Unmittelbarkeit ist Betrug» sagt Bonhoeffer. Es gibt keinen Bezug zur christlichen Botschaft ohne vermittelnde Symbole, Rituale und Bilder. Mit dem Mittel der physischen Anwesenheit des menschlichen Körpers versucht Althamer eine Demaskierung des Symbols. Soll ich dies wiederum auch als symbolische Demaskierung des Christentums verstehen? Ich kann mich dieser Vermutung nicht erwehren, obwohl die Hilfs-utensilien der Demaskierung (Leiter, Paravent, Kleidung, Glas und Wasser, sowie auch der bestens sichtbare Sattel am Kreuz) durchaus zu offensichtlich in die Installation integriert sind. Zu offensichtlich als dies der clevere Althamer nicht beabsichtigt hätte. Der Künstler verwendet jedoch das betrügerische Mittel der Unmittelbarkeit und scheitert ergiebig in seiner Absicht. 

 

Eine Wertung

Althamer macht den Wechsel vom Symbol zum Alltag deutlich. Es fragt sich jedoch grundsätzlich – auch für andere Bereiche des Lebens – ob dieser Wechsel bzw. diese Grenze so klar ist, wie das hier vorgeführt wird. Sind wir nicht manchmal auch ungewollt Darsteller eines Bildes – durchaus unter Verwendung bzw. Anhäufung verschiedenster Utensilien? Könnten wir Althamers Beispiel einer Entschlackung in unserem Leben nachfolgen? Dürfte es etwas mehr nacktes Kreuz in unserem Leben haben? 

Empfindet Althamer doch mehr Zuneigung zum christlichen Zentralsymbol, als ich vermute? Auf jeden Fall zeugen viele seiner Arbeiten von seinem Mut zur einfachen, nackten Existenz.

 

Andreas Widmer ist freischaffender Künstler und Lehrer für Bildnerisches Gestalten und Herausgeber von «Bart – Das Magazin für Kunst und Gott». 

andreaswidmer@STOP-SPAM.gmx.ch 

info@STOP-SPAM.bartmagazin.com 

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