Kirchen

Kommen Sie ins Jetzt!

Peter Schmid Im Moment blitzt das Glück auf. Sie wollen es gewiss nicht verpassen?! Postmodernen Glückssuchern hat die Kirche Einzigartiges anzubieten. Gerade weil der Glaube über den Augenblick hinaus hofft. 

 

«Ins Jetzt kommen»: Diesen Ratschlag hält ein Hypnose- und Akupunkturtherapeut für seine Klienten bereit. Ins Jetzt kommen: Belastendes vergessen. Künftiges, das Angst machen  könnte, ausblenden. Ganz im Jetzt sein. Der Rat hat etwas berauschend Einfaches. Zugleich deutet er an, was die Menschen der europäischen (Post-)Moderne sich aufgeladen haben.

 

Glückssucher 

Einst lag die Vergangenheit im Dunkeln und allein Heilige Schriften und Sagen gaben Auskunft über unser Woher. Mit dem Tod wartete die Ewigkeit gleich um die Ecke. Die Kirche durchwirkte alle Bereiche des Lebens. Dann aber entlarvte aufgeklärtes Denken die religiösen Erzählungen als Mythen, gab ihnen so den Abschied und weitete den diesseitigen Raum. Der Mensch dachte, forschte, handelte und herrschte, als ob es Gott nicht gäbe – mit den bekannten Folgen. Unterdessen ist die Moderne in die Postmoderne gekippt. Doch auch diese überfordert uns: Wer kann bei unübersehbar vielen Optionen sein Handeln wirklich verantworten? Da lockt der wendige Therapeut mit der Losung: «Kommen Sie ins Jetzt!»

Wer den Moment auskosten kann und «den Tag pflückt»1, hat es tatsächlich besser. «In dem kurzen Leben, das Gott uns zugemessen hat, können wir nichts Besseres tun als essen und trinken und es uns wohl sein lassen bei aller Mühe, die wir haben», lässt sich die Bibel alltagsnah vernehmen2. Heute verleitet die Werbung dazu, das Jetzt auszubeuten und auf die Erfüllung zu setzen, die der Augenblick verheisst. 

Wenn der Gott der Bibel und sein Wirken ausgeblendet werden, stellt sich rasch Ersatz ein: Wir überhöhen das irdische Glück, stilisieren es zum Heil.Wer aber das Glück ohne Verzug im Hier und Jetzt will, macht sich zu seinem Knecht. Zunehmend zerbrechen Paarbeziehungen, ohne eigentlich zerrüttet zu sein – angeblich weil das Glücksgefühl sich verflüchtigt hat. Kommt dazu, dass heute mit Internet und Smartphone die Welt buchstäblich auf der Hand liegt, wenige Fingerbewegungen entfernt. Durch die Fixierung auf das Display gerät das natürliche, sinnliche Mit-einander der Menschen aus dem Blick. 

 

Vom Ende reden lernen

Die Zuwendung zum Augenblick begann in der Renaissance und der Reformation. Im Strom der Moderne schwimmen heute auch die evangelischen Volkskirchen mit. Sie blenden das Jenseits weithin aus. Nicht die Kirchen, sondern Organisationen wie «Exit» und «Dignitas» bestimmen nun die öffentliche Debatte über das Sterben. Wird die Selbstbestimmung am Lebensende derart ausgereizt, weil das Nachher tabu ist? 

Protestanten halten sich zugute, dass sie die Rede vom Teufel und vom letzten Gericht überwunden haben. Als wäre mit der Erwähnung von Verwerfung und Hölle die Würde des Menschen verletzt und das Evangelium von Gottes Liebe ins Gegenteil verkehrt. 

Doch mit dem Verschweigen und Vernebeln der letzten Dinge erledigen sich die damit verbundenen Fragen und Ängste nicht. Das von Christen hinterlassene Vakuum füllen andere mit Weltuntergangsspekula-
tionen, derzeit anhand eines Maya-Kalenders. Statt über die letzten Dinge zu schweigen, sollten Christen wieder den auferstandenen Christus und seinen Triumph, die Erhöhung über alle Geister, bezeugen. Nur so kann die Autorität von Jesus als Herr der Welt am Ende der Tage gegenüber Esoterikern und Spiritisten wiederhergestellt werden.

Wird die leibliche Auferstehung Jesu geleugnet, steht kein Retter bereit, der durch den Tod hindurchging und ihn überwunden hat3. Dann verdampft das Jenseits – auch mit allen Verheissungen. Der neue Himmel und die neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, sind nicht mehr Teil der Zukunftshoffnung. 

 

Im Jetzt hoffen

Doch weil Jesus nach seinem irdischen Weg auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, verbindet sich die Freude an der Schöpfung mit dem Warten auf ihre Verwandlung: «Wie wir das Bild des Irdischen getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen … Was jetzt vergänglich ist, muss mit Unvergänglichkeit bekleidet werden4.» Das Jetzt ist vergänglich. Wir nehmen es ernst, indem wir darüber hinaus hoffen. Gott macht etwas unvorstellbar Besseres daraus – und beteiligt uns daran.

 

1 gemäss dem antiken Philosophen Epikur 

(341 – 271 v. Chr.)

2 Pred 5,17 (Gute Nachricht Bibel)

3 Dann wären Gläubige, so auch Paulus in 

1 Kor 15,16-19, «die bedauernswertesten 

Menschen».

4 1 Kor 15,49.53

 

Peter Schmid ist Theologe und Redaktor beim Webportal Livenet.ch.

petrus@STOP-SPAM.livenet.ch 

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