Medizin

«Wie soll ich das wissen ...?»

Heinz Rüegger Je älter die Bevölkerung wird, je mehr Menschen am Lebensende pflegebedürftig und zum Teil urteilsunfähig werden, desto häufiger kommt es vor, dass Drittpersonen stellvertretend für einen Kranken medizinische Entscheide fällen müssen. Dabei kann es um Leben oder Tod gehen. Die wenigsten sind darauf vorbereitet.

 

In der heutigen Medizin und Pflege gilt als zentrales ethisches Prinzip die Selbstbestimmung. Ihr zufolge ist eine medizinische Intervention nur legitim, wenn eine Patientin ihr zustimmt. Insofern tragen wir alle als Patientinnen und Patienten für uns selbst die Verantwortung, wenn es um medizinische Behandlungen geht.

 

Mutmasslicher Patientenwille

Was aber, wenn jemand urteilsunfähig wird, also nicht mehr selber entscheiden kann? Wenn jemand in fortgeschrittenem Alter zum Beispiel dement wird? Das Risiko, einmal in eine solche Situation zu geraten, nimmt aufgrund der immer höheren Lebenserwartung zu. Auch in Fällen der Urteilsunfähigkeit gilt nach heutigen medizinethischen Standards der Anspruch auf Autonomie des Patienten. Weil er sich nicht mehr selbst äussern kann, muss sein «mutmasslicher Wille» eruiert werden. Dieser ist dann verbindlich. Einen mutmasslichen Willen können nur Aussenstehende, also Drittpersonen, im gemeinsamen Gespräch herausfinden: Mitglieder des Behandlungsteams, Angehörige, weitere Bezugspersonen, vielleicht unter Beizug einer Patientenverfügung, die entsprechend zu interpretieren ist. 

Darüber, was schliesslich als mutmasslicher Wille anzusehen und zu befolgen ist, entscheidet heute noch der verantwortliche Arzt oder die verantwortliche Ärztin in letzter Instanz. Das wird sich Ende Jahr ändern. Mit Inkrafttreten des neuen Erwachsenenschutzgesetzes (Art. 360ff. ZGB) geht die Letztverantwortung – wenn über den mutmasslichen Willen einer urteilsunfähigen Patientin entschieden werden muss – an Personen aus ihrem sozialem Umfeld über. Wer dann dafür zuständig ist, hält Art. 378 ZGB in einer klaren Reihenfolge fest: 

1. eine durch Patientenverfügung oder Vorsorgeauftrag autorisierte Person;

2. ein Beistand mit Vertretungsrecht in medizinischen Angelegenheiten;

3. der Ehegatte oder der eingetragene Partner mit gemeinsamem Haushalt oder bei regelmässiger persönlicher Beistandsgewährung;

4. die Person, die einen gemein-samen Haushalt mit der urteils-unfähigen Person führt;

5. die Nachkommen;

6. die Eltern;

7. die Geschwister; immer unter der Voraussetzung, dass sie der urteilsunfähigen Person regelmässig persönlich Beistand leisten.

 

Verantwortung füreinander wahrnehmen 

Mit dieser neuen Regelung wird die Verantwortung stärker betont, die Menschen im sozialen Nahbereich füreinander haben. «Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein?» antwortet Kain auf Gottes Frage nach seinem Bruder Abel (1. Mose 4,9). Was weiss ich schon, wo Abel ist, was er möchte und was nicht? Wie soll ich wissen, ob er noch weiterleben oder lieber sterben möchte? Darüber haben wir doch gar nie gesprochen! So stehlen wir uns aus der Verantwortung.

Wir gehen – gerade im Gesundheitsbereich – einer Zeit entgegen, wo wir wieder stärker werden lernen müssen, Verantwortung für uns selber, aber auch für nahestehende Personen zu übernehmen. Dies umso mehr, als uns medizinische Behandlungen, besonders am Lebensende, immer mehr Entscheidungen abverlangen. Heute stirbt man in mehr als 50 % der ärztlich begleiteten Todesfälle in der Schweiz nicht mehr einfach so. Man stirbt erst, nachdem entschieden worden ist, den Patienten an seiner Krankheit sterben zu lassen. Und solche Entscheidungen werden zunehmend Angehörige zu verantworten haben.

 

Das Gespräch suchen 

Damit solche stellvertretenden Entscheide auch verantwortlich getroffen werden können, muss man von der anderen Person wissen, was ihr wichtig ist und wie sie im Blick auf Krankheit, Gesundheit, Behinderung, medizinische Behandlung, Lebensverlängerung und Sterben denkt und empfindet. Und das erfahren wir nur, wenn wir den Mut haben, solche Themen in Gesprächen mit Angehörigen und Freunden anzusprechen. Die moderne Medizinkultur erfordert von uns immer mehr, in einem guten Sinne «unseres Bruders Hüter» zu werden. Darin liegt auch eine Chance, unsere Beziehungs- und Gesprächskultur zu vertiefen.

 

Dr. theol. Heinz Rüegger MAE ist Theologe, Ethiker und Gerontologe. Er ist Mitarbeiter am Institut Neumünster, einer Institution der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule, und Seelsorger in einem Pflegeheim.

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